Die Schilddrüsenfunktionsstörung ist eine häufige Verdachtsdiagnose aufgrund von vielfältigen, nicht immer spezifischen Symptomen. Ganz besonders bei Kindern und Jugendlichen sollten die Interpretation der Befunde – Labor und Sonographie – und die daraus resultierenden Entscheidungen über weitere Diagnostik und Therapie stets in Zusammenhang mit dem klinischen Verlauf und unter Berücksichtigung der altersspezifischen Entwicklungsnormen erfolgen. Der folgende Beitrag fasst die pädiatrischen Besonderheiten kurz zusammen und ermöglicht auch für den Hausarzt einen ersten Einstieg in die Diagnostik von vermuteten oder bestehenden Schilddrüsenerkrankungen im Kindesalter.

Hashimoto-Thyreoiditis

Auch im Kindesalter stellt die Autoimmunthyreoiditis die häufigste Ursache der erworbenen Hypothyreose dar. Die Prävalenz ist nach dem 10. Lebensjahr bzw. bei Mädchen im Pubertätsalter besonders erhöht. Es überwiegt die hypertrophe Form (Struma). Eine entsprechende Diagnostik ist indiziert bei klinischen Symptomen (Übersicht 1) und immer bei Auftreten einer Struma.

Die Diagnose wird aufgrund von typischen sonographischen Veränderungen und erhöhten Antikörpern (TPO, TG oder TSH.R) gestellt. Initial kann eine passagere hyperthyreote Phase vorliegen.

Die Indikation einer Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis mit L-Thyroxin ergibt sich – wie bei Erwachsenen – bei TSH-Anstieg. In 30 % der Fälle tritt eine Remission nach der Pubertät auf, so dass ein Auslassversuch in Abhängigkeit des Antikörperstatus dann auch gegebenenfalls gerechtfertigt ist.

Merke: Bei der Beurteilung der Laborparameter (Tabelle 1) und der Sonographie (Tabelle 2) müssen die altersspezifischen Normbereiche unbedingt berücksichtigt werden.

Morbus Basedow

Mit 15 % der Schilddrüsenerkrankungen im Kindesalter ist der Morbus Basedow kein seltenes Krankheitsbild in der Pädiatrie. Neben der typischen Symptomatik einer Hyperthyreose (Übersicht 2) findet sich in der Regel eine voluminöse Struma und in 40 % der Fälle eine endokrine Orbitopathie. Die Initialbehandlung ist immer medikamentös, wobei lediglich Thiamazol/Carbimazol verwendet wird, PTU ist im Kindesalter wegen Lebertoxizität nicht mehr zugelassen.

Die Remissionsrate bei Kindern und Jugendlichen beträgt nach zwei Jahren lediglich 30 %, ist somit im Vergleich zu Erwachsenen deutlich vermindert, wobei die Rezidivrate von mehreren Faktoren abhängig ist (Übersicht 3). Aufgrund des besonderen Krankheitsverlaufs im Kindesalter sollte die Behandlung des Morbus Basedow grundsätzlich in der kinderendokrinologischen Sprechstunde erfolgen.

Merke: Die angestrebte Dauer der thyreostatischen Therapie sollte nicht unter zwei bis drei Jahren liegen.

Isolierte TSH-Erhöhung

Bei etwa 3 % aller Kinder (0,5 – 16 Jahre) liegt ein leicht erhöhter TSH-Wert zwischen 5,5 und 10,0 mU/l. Bei gleichzeitig normalen Werten für FT4/FT3 liegt definitionsgemäß eine latente Hypothyreose vor, die meistens nicht therapiebedürftig ist, da sich in 75 % der Fälle das TSH im Verlauf spontan normalisiert. Eine mäßige Erhöhung des TSH bei normalen T4/T3-Werten wird oft bei Adipositas beobachtet, es handelt sich um eine nicht therapiebedürftige und oft reversible Begleiterscheinung. Eine Therapie mit Thyroxin trägt in solchen Fällen nicht zur Gewichtsabnahme bei. Vielmehr beobachtet man oft im Verlauf einer Gewichtsabnahme durch Lifestyle-Änderungen einen Abfall des TSH-Spiegels.

Merke: Eine isolierte TSH-Erhöhung ist nicht Ursache, sondern eher Folge einer alimentär bedingten Adipositas.

Schilddrüse und assoziierte Erkrankungen

Eine asymptomatische latente Hypothyreose wird bei Kindern mit Trisomie 21 überhäufig beobachtet (Prävalenz bis 30 %). Die Rate der spontanen TSH-Normalisierungen ist mit 70 % hoch, sogar bis 95 % bei Kindern ohne Struma bzw. 90 % bei denen ohne Antikörpernachweis.

Merke: Eine Behandlung der latenten Hypothyreose ist daher lediglich bei den Patienten mit Struma und/oder positivem Antikörperstatus bedingt indiziert.

Nach dem 8. Lebensjahr werden bei etwa 50 % der Mädchen mit Ullrich-Turner- Syndrom Schilddrüsenautoantikörper nachgewiesen. Bei 30 % dieser Patientinnen ist außerdem das TSH > 4,5 mU/l erhöht, bei 4 % liegt eine manifeste Hypothyreose vor.

Nach dem 12. Lebensjahr werden bei 15 % der Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes Schilddrüsenautoantikörper (TG oder TPO) nachgewiesen, die Antikörper persistieren im Verlauf. Etwa 10 % der Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes werden mit Thyroxin behandelt und zeigen meistens darunter eine Volumenreduktion der Struma.

Merke: Bei Kindern mit Trisomie 21, Ullrich-Turner-Syndrom, Typ-1-Diabetes und Zöliakie sollten die Schilddrüsenhormonparameter regelmäßig kontrolliert werden.

Schilddrüsenhormonresistenz

Mutationen des Schilddrüsenhormonrezeptors (TR-ß) verursachen das in seiner Ausprägung variable Krankheitsbild einer Schilddrüsenhormonresistenz (Refetoff-Syndrom). Das TSH ist inadäquat hoch bei ebenfalls hochnormalen bis deutlich erhöhten T3- und T4-Spiegeln.

Ungefähr die Hälfte der Patienten mit Schilddrüsenhormonresistenz ist außerdem an einem Aufmerksamkeitsdefizit mit Hyperaktivität (ADHS) erkrankt. Bei solchen Patienten kann fälschlicherweise eine Hyperthyreose vermutet und eine thyreostatische Behandlung eingeleitet werden, dies mit der unerwünschten Folge, eine klinische Hypothyreose und eine Zunahme der Struma zu induzieren.

Merke: Kinder mit ADHS und unklarer Schilddrüsenhormonkonstellation sollten in der kinderendokrinologischen Sprechstunde vorgestellt werden.

Interessenkonflikte: keine deklariert

Dr. med. Michel Morlot


Kontakt
Dr. med. Michel Morlot
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Pädiatrische Endokrinologie, Endokrinologikum, Zentrum für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen
30161 Hannover

Literatur
- Leger J, Gelwane G ; French Childhood Graves Disease Study Group
Positive impact of long-term antithyroid drug treatment on the outcome of children with Graves’ disease. J.C.E.M 2012; 97 110-9
- Refetoff S, Weiss R.E, Usala S.J the syndromes of resistance to thyroid hormone. Endocr.Rev. 1993;14 :348-399
- G.Van Vliet; how often should we screen childern with Down’s syndrome for hypothyroidism ? Arch.Dis.Child 2005; 90: 557-558
- Reinehr T, de Sousa G, Andler W; Hyperthyrotropinemia in obese children is reversible after weight loss and is not related to lipids. JCEM 2006. 91: 3088-91

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (2) Seite 50-52