Wie arbeiten Hausärztinnen und Hausärzte in anderen Ländern? Welchen Bedingungen sind sie unterworfen, was läuft dort besser, was schlechter als bei uns? Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus kann mitunter neue Erkenntnisse liefern. In unregelmäßigen Abständen berichten wir daher über die Situation der Allgemeinmedizin bei unseren europäischen Nachbarn. Dieses Mal referieren wir die Erfahrungen, die Dr. Solveig Carmienke, Ärztin in Weiterbildung in Jena, bei einem Aufenthalt in Dänemark gemacht hat.

Während die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) in Deutschland noch immer um bundesweite Anerkennung ringt und bisher nur in einigen Bundesländern in der Fläche angeboten wird, ist sie in Dänemark bereits landesweite Realität. 98 % aller Dänen sind bei einem Hausarzt ihrer Wahl eingeschrieben, wie Dr. Carmienke in ihrem Bericht in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin beschreibt. Die Hausärzte übernehmen hier die medizinische Primärversorgung. Patienten, die einen niedergelassenen Spezialisten konsultieren wollen – von denen es in Dänemark im Vergleich zu Deutschland recht wenige gibt –, brauchen eine Überweisung vom Hausarzt. Gleiches gilt für eine stationäre oder ambulante Behandlung im Krankenhaus.

Hausärzte haben Schlüsselposition

Aus dieser Schlüsselposition, die die Hausärzte im dänischen Gesundheitssystem einnehmen, ergibt sich, dass sie häufiger als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen Patienten aller Altersstufen versorgen. So kümmern sich Hausärzte z. B. auch um Schwangerschaftsvorsorge und Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern. Auch kleinere chirurgische Maßnahmen führen sie meist selbst durch.

Auch beim Thema Delegation ist man in Dänemark schon weiter als hierzulande. Etliche Leistungen werden auf nicht-ärztliches Personal übertragen. Das Praxismanagement stützt sich vor allem auf sogenannte Arztsekretäre. Vom Aufgabenspektrum her sind diese am ehesten mit Medizinischen Fachangestellten (MFA) oder Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis (VERAH) in Deutschland vergleichbar. Diese Arztsekretäre übernehmen administrative und medizinische Tätigkeiten von der Terminvereinbarung über Telefonkonsultationen bis hin zu eigenständigen Hausbesuchen. Bei den telefonischen Konsultationen erfolgt gleich eine Basisanamnese. Als Hilfestellung dafür gibt es ein internetbasiertes Instrument, über das durch Ja/Nein-Fragen wichtige Alarm-Symptome zum geschilderten Beschwerdebild erfragt werden. Danach richtet sich dann, wie rasch ein direkter Kontakt zum Arzt vereinbart wird.

Mehr Zeit für Patienten

Diese Praxisorganisation sowie die Delegation ärztlicher Leistungen tragen dazu bei, dass die Anzahl der Arzt-Patienten-Kontakte auf durchschnittlich 24 pro Tag beschränkt werden kann. Die Konsultationszeiten sind daher mit ca. 15 Minuten auch deutlich länger als in Deutschland. Akutpatienten werden an den sogenannten „doctor on call“ weitergeleitet. Dieser ist auch für Hausbesuche zuständig. Die Funktion des „doctor on call“ wechselt täglich zwischen den Praxispartnern. Auch diese Vorgehensweise hilft, die individuelle Arbeitslast gering zu halten. Den größten Teil der Routineversorgung chronisch kranker Patienten übernehmen in Dänemark Pflegekräfte, die in den Hausarztpraxen tätig sind. Patienten mit Diabetes, Hypertonie, Herzinsuffizienz, COPD, Asthma oder unter oraler Antikoagulation werden dreimal jährlich von den Pflegekräften, aber nur einmal jährlich vom Hausarzt selbst gesehen. Die Pflegekräfte übernehmen die Befundung des Routinelabors, die Funktionsdiagnostik, Impfungen und Änderungen der Medikamentendosierung, in der Regel nach kurzer Rücksprache mit dem Arzt. Nach Ansicht von Dr. Carmienke verfügen die nicht-ärztlichen Praxismitarbeiter über eine beeindruckende klinische Kompetenz, weshalb die Qualität der medizinischen Versorgung auch bei seltenerem Arztkontakt nicht beeinträchtigt würde.

Mit Hippokrates ins Ausland
Das Hippokrates-Austauschprogramm ist dazu gedacht, einen breiten Einblick in das europäische System der Primärversorgung zu ermöglichen, und soll die Vernetzung der Allgemeinmedizin in Europa fördern. Jeder Arzt in Weiterbildung zum Allgemeinarzt und jeder Facharzt für Allgemeinmedizin (die Anerkennung sollte nicht länger als fünf Jahre zurückliegen) darf ausländische Gastpraxen für ein bis zwei Wochen besuchen. Umgekehrt kann jeder niedergelassene Allgemeinarzt mit seiner Praxis teilnehmen und ausländische Ärzte empfangen. Detaillierte Informationen zum Ablauf und den Voraussetzungen findet man unter www.vdgm.eu.

Kopfpauschale sichert Einkommen

Für eine recht reibungslose sektorenübergreifende Versorgung existiert in Dänemark eine bestens vernetzte elektronische Patientenakte, die für alle Hausarztpraxen verpflichtend ist. Sie enthält die Daten zur Anamnese, Funktionsdiagnostik und Therapie. Über eine persönliche Identifikationsnummer sind auch alle verschriebenen Medikamente einsehbar. Konsiliarische Rückfragen oder Doppeluntersuchungen werden so stark reduziert. Überweisungen, Rezepte oder Arztbriefe werden grundsätzlich digital versandt, was den bürokratischen Aufwand in Grenzen hält. Patienten können sich über ihre Identifikationsnummer in eine gesicherte Internetplattform einloggen und dort Termine vereinbaren oder E-Mail-Konsultationen mit dem Hausarzt durchführen.

Pro eingeschriebenen Patienten erhält der Hausarzt eine Kopfpauschale in Höhe von 14 Euro pro Jahr, unabhängig davon, ob der Patient die Praxis konsultiert oder nicht. Dies trägt etwa 30 % zum Gesamtumsatz einer Praxis bei. Die gleiche Pauschale bekommt der Arzt auch pro erbrachter Leistung. Darunter fallen auch die Telefonkonsultationen durch das Praxispersonal.

Die Notdienstversorgung wird in Dänemark ebenfalls allein von den Hausärzten über ein rotierendes Dienstsystem übernommen, das in jeder Region eingerichtet ist. Ruft ein Patient den Bereitschaftstelefondienst an, wird der Behandlungsbedarf geprüft. Gegebenenfalls wird dann geraten, eine Notdienstpraxis aufzusuchen, oder es wird ein Hausbesuch durch einen Fahrdienst arrangiert. Alternativ können Patienten auch direkt die lokale Notdienstaufnahme aufsuchen.

Der Aufenthalt in Dänemark kam durch das Hippokrates-Austauschprogramm zustande. Für Frau Dr. Carmienke bedeutete er nicht nur eine persönliche Horizonterweiterung in fachlicher wie kultureller Hinsicht, darüber hinaus ermöglichte er ihr auch Inspirationen hinsichtlich der Organisation und Struktur der Primärversorgung in Deutschland.


Quelle
Carmienke S et al. (2014) Z Allg Med 90 (1)



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (13) Seite 35-36