Jedes Jahr zum Ende des dritten Quartals gibt die KBV auf ihrem Anbietermeeting interessierten Softwarefirmen einen Ausblick auf die Neuerungen und Änderungen des kommenden Jahres. Wie in den vergangenen Jahren stand die kommende Telematik-Infrastruktur auch heuer wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Praxis-EDV
Im Rahmen einer Artikelserie will Der Allgemeinarzt das Thema Praxis-EDV beleuchten. Dabei werden, beginnend mit der Entwicklung von Praxissystemen im folgenden Artikel, alle Aspekte der Praxis-EDV wie Softwarearchitektur, Netzanbindung, Datensicherheit, mobile Anwendungen, Systemumstellungen und vieles mehr in verständlicher Weise dargestellt.

Sie soll als "Datenautobahn" die IT-Systeme von Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäusern und Krankenkassen miteinander verbinden und so einen sektorenübergreifenden Informationsaustausch ermöglichen [1]. Es ist der Versuch, "einen technisch rückständigen Bereich ins 21. Jahrhundert zu katapultieren" [2]. Das Vorhaben ist gewaltig – hunderttausende Computer tauschen hochsensible personenbezogene Daten aus, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Ärzte müssen eindeutig identifizierbar sein und rechtsverbindliche elektronische Unterschriften leisten können. Hunderte verschiedener IT-Systeme, die alle ihre eigene "Sprache" sprechen, müssen in die Lage versetzt werden, Daten inhaltlich korrekt miteinander auszutauschen. Dutzende von Komponenten, vom Lesegerät für Versichertenkarten über das Verfahren zur Benutzerautorisierung bis zur Netzwerktechnik, müssen vor Einsatz geprüft und zertifiziert werden. Und das in einem Umfeld, in dem die Halbwertszeit der Technik höchstens zwei bis drei Jahre beträgt und in dem die Gesetzgebung ständig veränderte Anforderungen erzeugt.

Kein Wunder, dass das Projekt Telematik-Infrastruktur im Verzug ist. Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt und versucht, mit dem kommenden eHealth-Gesetz die technischen Standards und die Termine festzuschreiben [3]. "Das Paket wird nicht mehr technisch geändert, sondern so implementiert", stellte der Vertreter des Gesundheitsministeriums fest. Und der Gesetzgeber meint es wirklich ernst: Werden die im Gesetz genannten Termine nicht eingehalten, drohen den Spitzenverbänden empfindliche Kürzungen ihrer Budgets.

Stammdaten-Management

Eine der ersten Anwendungen der Telematik-Infrastruktur ist das Versichertenstammdaten-Management (VSDM). Wird in einer Arztpraxis eine Versichertenkarte eingelesen, soll automatisch vom Lesegerät eine elektronische Anfrage zum jeweiligen Kostenträger geschickt werden. Der prüft nicht nur, ob das Versichertenverhältnis tatsächlich besteht, sondern auch, ob sich Daten des Versicherten wie der Name oder der Zuzahlungsstatus geändert haben. Geänderte Daten sollen dann direkt auf die Karte zurückgeschrieben werden, missbräuchlich verwendete Karten können sofort gesperrt werden. Mitte 2018 soll das Verfahren flächendeckend eingeführt sein.

Die von der KBV vertretene Ärzteschaft kritisiert, dass die Vorteile überwiegend auf Seite der Kostenträger liegen, während die Praxen gezwungen werden, sich an die Telematik-Infrastruktur anzuschließen [4]. Dass der Gesetzgeber dies ausdrücklich wünscht [5], stellte der Vertreter des Gesundheitsministeriums allerdings explizit klar: Zukünftig werde "vorausgesetzt, dass in der Praxis ein Online-Anschluss vorhanden sein muss". Ärzten, die sich der Online-Prüfung der Versichertendaten verweigern, droht ab 2018 ein Honorarabschlag.

Notfalldatensatz

Während die KBV das VSDM als reine Verwaltungsanwendung kritisiert [6, 7], ist sie medizinisch relevanten Anwendungen wie dem Notfalldaten-Management gegenüber aufgeschlossen. Ab Anfang 2018 können Ärzte in den Praxen einen definierten Satz medizinischer Daten auf die Versichertenkarte speichern. Diese Daten können nicht nur im Notfall von behandelnden Ärzten gelesen werden; aus Sicht der Politik ist der regelmäßige Zugriff auf diese "kleine Patientenakte" durch andere Beteiligte im Gesundheitswesen zulässig und gewünscht.

Während die Online-Prüfung die Anbindung der Praxen an die Telematik-Infrastruktur forciert, ist das Notfalldaten-Management "das Vehikel zur Einführung der qualifizierten elektronischen Signatur (QES)". Mit dieser elektronischen Unterschrift wird nicht nur nachgewiesen, wer einen Datensatz auf die Versichertenkarte geschrieben hat, Ärzte können damit zukünftig auch Patienten überweisen oder Aufträge an andere Leistungserbringer erteilen.

Medikationsplan

Auch Daten des standardisierten Medikationsplans sollen auf der eGK gespeichert werden. Patienten, die mindestens fünf rezeptpflichtige Arzneimittel parallel einnehmen, sollen ab Oktober 2016 Anspruch auf einen solchen Plan haben [8]. Dazu müssen aber in den Praxissystemen erhebliche Änderungen vorgenommen werden. Eines der Hauptprobleme ist die "Interoperability" – die Standardisierung von administrativen und medizinischen Daten über die verschiedenen in Praxen oder Kliniken eingesetzten Systeme hinweg. Der Medikationsplan wird daher zunächst in Papierform eingeführt.

Auch bei anderen medizinischen Anwendungen ist der Zeitplan äußerst knapp. So sieht der Gesetzgeber ab Anfang 2016 eine finanzielle Förderung der Praxen vor, die auf elektronischem Weg Arztbriefe versenden. Da die entsprechende Lösung über KV-Connect bzw. die Telematik-Infrastruktur aber noch in der Definitionsphase ist, müssen weiter die bereits vorhandenen, nicht einheitlichen Lösungen der einzelnen Anbieter verwendet werden [9]. Über eineinhalb bis zwei Jahre müssen Anbieter einen parallelen Betrieb ihrer bisherigen Lösungen und des neuen Services über KV-Connect vorhalten, bevor der Arztbrief und der noch zu definierende Entlassbrief in die Telematik-Infrastruktur aufgenommen werden sollen.

Öffnung für weitere Anwendungen

Weil der Speicherplatz auf der eGK beschränkt ist [10], soll über das eHealth-Gesetz die Telematik-Infrastruktur (TI) für weitere Anwendungen geöffnet werden. Solche Anwendungen speichern ihre Daten dann nicht auf der Karte selbst, sondern zentral auf Servern innerhalb der TI. Sie müssen vor ihrem Einsatz zertifiziert werden und den Sicherheitsstandards der TI entsprechen; die Zulassungskriterien dafür werden bis Mitte 2016 veröffentlicht. Ein Beispiel für eine Anwendung außerhalb der eGK ist etwa das Medikationsmanagement "ARMIN" in Thüringen, bei dem Kostenträger, Apotheker und Verordner bei der Optimierung der Patientenmedikation zusammenarbeiten und bei dem die Daten auf einem Server der Kostenträger verwaltet werden.

Aktueller Stand des Testbetriebs

Bevor die Telematik-Infrastruktur ihren Echtbetrieb aufnehmen kann, soll sie über sechs Monate unter realen Bedingungen getestet werden, damit gravierende Probleme bereits vor der Aufnahme des Produktivbetriebs entdeckt und behoben werden können [11]. Auf dem Anbietermeeting vor zwei Jahren ging man noch davon aus, dass die sechsmonatige Testphase Mitte 2015 abgeschlossen sein sollte und dass 2016 die ersten Anwendungen verfügbar seien [12]. Tatsächlich bereitet aktuell die Gematik, die mit dem Aufbau der Telematik-Infrastruktur beauftragt ist, derzeit die Testphase noch vor. Diese wird in Zeitraum und Umfang verkürzt und erst 2016 beginnen [13], was nach dem Terminplan des eHealth-Gesetzes aber keine Zeit mehr für die Auswertung der Testergebnisse lässt [14, 15].

Die KBV stellt fest, dass "die Komplexität unterschätzt wurde", es gebe Verzögerungen bei der Bereitstellung der notwendigen technischen Komponenten durch die Industrie [16], die wiederum beklagt, dass deren Spezifikationen laufend geändert wurden [17]. Aktuell gibt es beispielsweise noch kein zertifiziertes Versichertenkarten-Lesegerät für die neue TI, und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik habe bereits signalisiert, dass die Mehrheit der derzeit in den Praxen vorhandenen Lesegeräte diese Hürde auch nicht schaffen werde. Von den ursprünglich sechs Anbietern für die neuen Konnektoren, welche die KV-Safenet-Router ersetzen sollen, ist nur einer übrig geblieben. "Die Zeit wird knapp", so das Statement der KBV, die aber weiterhin auf einem aussagefähigen Test besteht, der "im Zweifel auch scheitern kann".

Terminservice

Als Teil des Versorgungsstärkungsgesetzes wurde eine Regelung beschlossen, die jedem Patienten mit einem dringenden Fall einen Facharzttermin innerhalb von 4 Wochen zusichert. Die elektronische Unterstützung dafür wurde von der KV-Telematik entwickelt, sie wird als Webanwendung im "Sicheren Netz der KVen" (SNK) verfügbar sein und zukünftig auch in die Praxisverwaltungssysteme eingebunden. Der Prozess wird dann folgendermaßen aussehen:

1. Fachärzte geben freie Termine über die Webanwendung ein, später über eine Schnittstelle aus ihrem Terminkalender.

2. Die Überweiser kennzeichnen die Überweisung mit einem von der KV-Telematik bereitgestellten Überweisungscode. Dieser Code weist auf die Dringlichkeit der Überweisung hin und gibt dem Patienten die Möglichkeit, die Hilfe einer Termin-Servicestelle bei der Facharztsuche in Anspruch zu nehmen. Im ersten Rollout und als Offline-Variante stellt die KV-Telematik den Überweisern dazu Etiketten zur Verfügung, mit denen die Überweisungsformulare gekennzeichnet werden müssen. In einer späteren Phase kann beim Erstellen einer Überweisung ein Code online bei der KV-Telematik geholt und mit auf die Überweisung (Details auf Muster 06) gedruckt werden.

3. Der Patient weist sich mit seinem Überweisungscode bei der Servicestelle aus, die im Auftrag des Patienten einen Facharzttermin sucht und bucht. Der Facharzt wird über die Terminbuchung informiert.

Der Rollout dieses Prozesses erfolgt, zunächst nur mit dem Webportal für die Angabe freier Termine und den Überweisungscodes via Etikettenlösung, ab dem 23. Januar 2016 [17]. Eine Einbindung in die Praxisverwaltungssysteme wird ab dem zweiten Quartal 2016 angestrebt.

Auch sonst wird den Herstellern und Softwarehäusern die Arbeit nicht ausgehen. Das D2D-Verfahren, mit dem derzeit Dokumente im Gesundheitswesen ausgetauscht werden, wird zum 30. September 2016 endgültig eingestellt und auf KV-Connect migriert. Das elektronische Austauschverfahren für Labordaten (LDT) wurde grundlegend überarbeitet und muss in einer Übergangsfrist bis 2018 umgesetzt werden. Für diverse Formulare und die Heilmittelverordnung stehen ebenfalls Änderungen an. Wir sind schon sehr gespannt, was uns Ende September 2016 beim nächsten Anbietermeeting angekündigt wird.


Literatur:
1. http://www.kbv.de/html/14231.php
2. http://www.aerzteblatt.de/archiv/155971/Telematikinfrastruktur-Mitte-2015-steht-das-Gesundheitsnetz
3. http://www.bmg.bund.de/themen/krankenversicherung/e-health-gesetz.html - Information des Bundes-Gesundheitsministeriums zu E-Health-Gesetz und elektronischer Gesundheitskarte
4. http://www.kbv.de/html/16085.php - KBV Aktuell - Telematik: Entwicklungen unter Zeitdruck
5. http://www.bmg.bund.de/themen/krankenversicherung/e-health-initiative-und-telemedizin/namensartikel-bundesgesundheitsminister-groehe.html
6. http://www.kbv.de/html/9209.php - Stellungnahme zur Pressemitteilung des GKV-Spitzenverbandes "Blockade des eGK-Projektes brechen"
7. http://www.kbv.de/html/4475_9888.php - Telematik: Das ewige Nein der Kassenfunktionäre
8. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=55901 - Gesetzentwurf: Details zum Medikationsplan
9. http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/telemedizin/article/883066/e-arztbrief-heisse-draht-kollegen.html
10. https://www.gematik.de/cms/media/dokumente/release_0_5_2/release_0_5_2_egk/gematik_eGK_Speicherstrukturen_V1_6_0.pdf
11. https://www.gematik.de/cms/media/dokumente/ausschreibungen/gematik_infobroschre_onlinerollout_stufe1_v1_0_0.pdf - Ausschreibung Basis-Roll-out Gematik
12. http://www.aerzteblatt.de/archiv/155971/Telematikinfrastruktur-Mitte-2015-steht-das-Gesundheitsnetz
13. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Elektronische-Gesundheitskarte-Feldtest-muss-verschoben-werden-2763723.html
14. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63166/Gematik-kritisiert-zu-kurze-Fristen-fuer-den-Aufbau-der-Telematikinfrastruktur
15. http://www.kbv.de/html/1150_16054.php
16. https://www.gematik.de/cms/de/header_navigation/presse/meldungen_1/Meldungen.jsp
17. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Elektronische-Gesundheitskarte-Infrastruktur-fuer-Echtdaten-zugelassen-2650038.html
18. http://www.kbv.de/html/1150_17495.php



Autor:

Alexander Wilms

Alexander Wilms betreut seit mehr als 15 Jahren die allgemeinärztliche Praxis seiner Frau in IT-Fragen und hat zusammen mit Jochen Brüggemann, einem Pionier der ersten Stunde, RED Medical, die erste webbasierte Arztsoftware, entwickelt. Diese Software nutzt konsequent die modernen Möglichkeiten des Internets und der heutigen mobilen Geräte und hat alle maßgeblichen Zertifizierungen der KBV und das Datenschutzgütesiegel des Unabhängigen Landesdatenschutzzentrums (ULD) und des TÜV Saarland.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (18) Seite 70-73