Der Anteil älterer und behinderter Patienten in der Hausarztpraxis wächst parallel zur Alterung unserer Gesellschaft: 7,3 Millionen Bundesbürger sind als schwerbehindert anerkannt. Viele Praxen sind bereits auf blinde, gehbehinderte, gehörlose oder geistig behinderte Patienten eingestellt. Neben Hilfen für erleichterte Mobilität können auch geeignete Information und Kommunikation – von Beschriftungen bis zur klaren Sprache – Barrieren abbauen.

Warum nur fallen einem beim Stichwort „behindertengerecht“ stets die Rollstuhlfahrer ein? Sicher, das Piktogramm, das entsprechende Toiletten und Parkplätze markiert, prägt sich ein. Die Behinderung des Rollstuhlfahrers ist sichtbar, Abhilfe erfordert oft ebenso deutlich sichtbare Baumaßnahmen, die nicht in jeder Praxis machbar sind. Eine Einschränkung der Mobilität ist aber keineswegs die einzige Behinderung, die Patienten den Zugang zur Arztpraxis erschwert. Defizite der visuellen und akustischen Wahrnehmung sowie der Kognition erfordern klare Wegweisungen, deutliches Sprechen, einfaches Erklären. Vieles davon lässt sich zum Glück mit einfachen Mitteln umsetzen. Selbst wenn eine Praxis dann nicht vollständig barrierefrei, aber immerhin „barrierearm“ ist, werden eingeschränkt mobile und gebrechliche Patienten, solche mit Seh- und Hördefiziten, aber auch Eltern mit Kindern davon profitieren.

Sicherheit für Sehschwache

Dass blinde Patienten ihren Führhund in die Praxis mitbringen dürfen, hat „Der Allgemeinarzt“ bereits in Ausgabe 4/2013 berichtet. Für Blinde sollten Klingelknöpfe groß und leicht zu ertasten sein, stark Sehbehinderten helfen ebenso gestaltete Lichtschalter und helle, blendfreie Beleuchtung. Aufzüge sollten über eine Stockwerksansage verfügen, ihre Schalter sollten in Braille beschriftet sein, wie sie auch auf Medikamentenverpackungen zu finden ist. Ein mit dem Stock tastbares Bodenleitsystem kann die Orientierung für Blinde verbessern. Patienten mit Sehschwäche kommen große, kontrastreiche Beschriftungen an allen wichtigen Stellen der Praxis entgegen. Dabei darf die Schrift gerne die gesamte Türfläche einnehmen. Markante, schnörkellose Typographie und die Kombinationen schwarz-weiß, schwarz-gelb, dunkelblau-weiß und dunkelblau-gelb sind zu bevorzugen, denn es gibt Menschen mit Rot-Grün-Blindheit. Glastüren müssen deutlich gekennzeichnet sein, damit sehschwache Patienten nicht dagegenstoßen. Treppenstufen, Treppenanfänge und Treppenenden sollten deutlich markiert sein, zum Beispiel durch farbige Klebebänder. Gut, wenn Handläufe und Türrahmen sich farblich von der Wand abheben. Stolperfallen wie herumliegende Kabel oder verrutschte Teppiche sind in den Praxisräumen tabu. In manchen Praxen werden deshalb von Hand höhenverstellbare Behandlungsliegen bevorzugt. Wo die Höhenverstellung ganz fehlt, tut’s auch eine mobile Trittstufe. Am Empfang und in den Behandlungsräumen kann man für sehschwache Patienten eine Lesehilfe oder eine Lupe bereithalten. Alles Schriftliche – Formulare, Einverständniserklärungen, Informationsblätter – sollte eine Schriftgröße von mindestens 12 Punkt, große Zeilenabstände und ein klares Schriftbild aufweisen.

Einfache und deutliche Kommunikation

Um Patienten schon beim Eintreffen die Orientierung zu erleichtern, sollten die Mitarbeiterinnen sie deutlich ansprechen und dabei auf Blickkontakt achten. Ein hoher Anmeldetresen wirkt nicht nur visuell als Barriere, sondern erschwert auch die Kommunikation zwischen den Mitarbeiterinnen am Empfang und einem Rollstuhlfahrer. Prüfen Sie, ob ein Bereich abgesenkt werden kann. Stellen Sie sich bei jeder Begrüßung namentlich vor, auch wenn Sie ein Namensschild tragen. Ein stark sehbehinderter Patient sollte von einem Mitarbeiter am Eingang abgeholt, zur Anmeldung und zur Garderobe begleitet werden. Nach dem Maß der gewünschten Unterstützung sollte sich der Mitarbeiter aber erkundigen, denn auch behinderte Patienten können und wollen sich manchmal selbst orientieren und würden sich bevormundet fühlen. Beschreiben Sie dem Patienten Ziel und Verlauf des Weges in der Praxis und sagen Sie ihm im Behandlungs- oder Wartezimmer, wo genau er sich hinsetzen oder eine Tasche abstellen kann. Sie können ihn auch direkt zum Stuhl führen und seine Hand auf die Lehne legen. Gesten und Handzeichen dagegen werden oft nicht gesehen und verstanden.

Kommt ein Patient in Begleitung eines Helfers oder Betreuers, so sollten Sie vermeiden, sich im Gespräch vorwiegend an diesen zu richten. Gerade bei Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz spielt der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses eine zentrale Rolle. Es empfiehlt sich, die Gesprächssituation ruhig zu gestalten und Ablenkungen zu vermeiden. Sprechen Sie deutlich, nicht zu schnell und in einfachen Sätzen, denn geistig eingeschränkten Patienten fällt es schwer, sprachliche Bilder und Metaphern zu verstehen – sie können zu völlig falschen Schlüssen gelangen. Erklären Sie Untersuchungsergebnisse, Befunde, Diagnosen und Ihren Therapieplan eventuell auch an einem Modell oder einem Bild, geben Sie Gelegenheit zum Nachfragen und bieten Sie auch Informationsmaterial zum Mitnehmen an.

Eine weitere Herausforderung stellen Menschen mit stark reduziertem oder fehlendem Gehör dar. Auch diese sollten direkt und mit Blickkontakt angesprochen werden. Liest der Patient von Ihren Lippen, so achten Sie darauf, sich ihm zuzuwenden, damit er Ihren Mund und eventuelle Gebärden sehen kann. Natürlich muss die Beleuchtung dies zulassen. Kurze Sätze, deutliches Formulieren, Vermeiden von Fremdwörtern, Erklären von Fachbegriffen sind ebenso wichtig wie genug Zeit und Gelegenheit für den Patienten zum Nachfragen.

Zugänglichkeit und Komfort

Bauliche Barrieren sind am schwierigsten zu beseitigen – manchmal durch Umbau, manchmal nur durch Umzug. Mit Glück sind die vorhandenen Türen und Durchgänge breit genug auch für elektrische Rollstühle, also 80 bis 90 Zentimeter, mit Glück gibt es keine Hindernisse wie Treppen und Absätze, die durch Rampen oder Treppenlifts überwunden werden müssen. Türschwellen lassen sich abflachen, z. B. durch eine magnetisch funktionierende Schwelle (www.alumat.de). Eine schwer zu öffnende Eingangstür lässt sich ebenfalls umbauen. Die Anschaffung eines Rollstuhls für den Weg vom (Behinderten-)Parkplatz in die Praxis sollte bedacht werden. Zu prüfen ist die Erreichbarkeit von Türklinken und -öffnern, Klingeln und Sprechanlagen vom Rollstuhl aus. Und wie sieht es in der Garderobe aus – kann sie von Rollstuhlfahrern benutzt werden? Auch im Sanitärbereich sollte Manövrierraum für einen Rollstuhl sein. Waschbecken und Trockentücher sollten für Rollstuhlfahrer erreichbar, die Toilettentür im Notfall von außen und nach außen zu öffnen sein, falls ein bewusstloser Patient dahinter liegt. Ein Notrufknopf bietet zusätzliche Sicherheit.

Sitzgelegenheiten sollten überall zu finden sein, wo Patienten warten müssen, also auch vor Behandlungsräumen. Bei Platznot etwa auf dem Gang können es auch an der Wand verankerte Klappsitze sein. Stühle mit Armlehnen erleichtern gebrechlichen Patienten das Hinsetzen und Aufstehen. Stock- und Krückenhalter im Eingangsbereich, im Wartezimmer und in den Behandlungsräumen verhindern, dass die Gehhilfen zur Stolperfalle für andere werden. Und ein Handlauf gibt überall dort Sicherheit, wo sich ein Patient kurz festhalten muss.

Viele dieser Änderungen sind mit Kosten verbunden, einige bedürfen auch der Zustimmung des Vermieters. Andere dagegen kosten wenig und manche nichts als guten Willen und etwas Geduld. Das sollte uns die Lebens- und Versorgungsqualität unserer behinderten Patienten wert sein. ▪

Werner Enzmann


Quellen
KBV, Stiftung Gesundheit
Barrieren erkennen und beseitigen

Wer eine Praxis renoviert, um- oder neu baut, kann bei einem Architekten oder beim zuständigen Bau- bzw. Bauaufsichtsamt erfahren, was unter dem Aspekt der Barrierefreiheit zu beachten ist. Die baurechtlichen Vorgaben finden sich in der Landesbauordnung (LBO) des jeweiligen Bundeslandes. Als anerkannter Standard sollte die DIN 18040-1 angewandt werden. Umfassende Infos zu Normen und Produkten finden sich zum Beispiel auf der Website http://www.nullbarriere.de .

Soll die Barrierefreiheit einer bereits bestehenden Praxis verbessert werden, empfiehlt sich ein „Betriebsrundgang“ außerhalb der Praxiszeiten, vielleicht in Begleitung eines Betroffenen – das kann durchaus ein Patient sein – oder eines externen Experten, etwa eines Ergotherapeuten. Wenn es um die Umgebung der Praxis, Zugänge und Behindertenparkplätze geht, sind Vermieter oder Hausverwaltung, im gleichen Gebäude praktizierende Kollegen, Gemeinde- oder Stadtverwaltung Ansprechpartner.

Umfangreiche Informationen bietet die Broschüre „Barrieren abbauen – Ideen und Vorschläge für Ihre Praxis“ der KBV. Sie kann unter versand@kbv.de kostenlos bestellt sowie auf der Website http://www.kbv.de/barrieren-abbauen.html heruntergeladen werden. Weitere Informationen stellt die KBV unter „Service für die Arztpraxis“ zur Verfügung. Infrastruktur und Ausstattung sind Themen in Kapitel 4 des QEP-Qualitätsziel-Katalogs (www.kbv.de/qep). Ein Tool zur Umsetzung der Barrierefreiheit in der Arztpraxis entsteht auf der Website der Stiftung Gesundheit (http://www.stiftung-gesundheit.de/stiftung/projekte-zur-barrierefreiheit.htm).


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2013; 35 (8) Seite 30-33