Säuglinge und Kleinkinder sind bei einer Gastroenteritis gefährdeter als Erwachsene, eine schwere Dehydratation zu entwickeln. Um dies zu verhindern, werden bevorzugt orale Elektrolytlösungen eingesetzt. Doch könnte es auch genauso gut mit verdünntem Apfelsaft funktionieren, den kleine Kinder vermutlich lieber trinken würden und der auch preiswerter ist? Kanadische Forscher haben eine entsprechende Studie publiziert und kommen zu dem Ergebnis: Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Fruchtsaft der Elektrolytlösung sogar überlegen.

Bisher galten Fruchtsäfte wegen des hohen Zuckergehalts und der Gefahr einer osmotischen Diarrhoe als No-Go zur Therapie einer Gas-
troenteritis bei Kindern. Die kanadischen Kollegen wollten wissen, ob diese Alternative zur Elektrolytlösung zumindest bei Kindern mit leichter Gastroenteritis vertretbar wäre.

An der Untersuchung nahmen 647 Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren teil, die in der Notfallstation einer Kinderklinik in Toronto/Kanada wegen milder Gastroenteritis behandelt wurden. "Mild" hieß dabei: drei oder mehr Episoden von Erbrechen bzw. Durchfall in den vergangenen 24 Stunden, Symptomdauer weniger als 96 Stunden und minimale Dehydratation.

Jeweils die Hälfte der kleinen Patienten erhielt entweder verdünnten Apfelsaft oder eine Elektrolytlösung mit Apfelgeschmack – beides mit identischer Farbe. Nach Entlassung aus der Klinik durften die Kinder aus der "Apfelsaft-Gruppe" Flüssigkeiten ihrer Wahl trinken, die "Elektrolyt-Gruppe" sollte bei der Elektrolytlösung bleiben.

Apfelsaft schnitt besser ab

Nach sieben Tagen wurden die Therapieergebnisse verglichen: Ein Therapieversagen, definiert als intravenöse Rehydratation, Hospitalisation, ungeplante erneute ärztliche Behandlung, protrahierte Symptome, Wechsel in den anderen Studienarm, 3 % oder mehr Gewichtsverlust oder signifikante Dehydratation, ereignete sich bei 16,7 % der Kinder in der Apfelsaft-Gruppe und bei 25 % der Kinder in der Elektrolyt-Gruppe. Eine intravenöse Rehydratation benötigten 2,5 % der Kinder in der Apfelsaft-Gruppe und 9 % in der Elektrolytgruppe. In puncto Hospitalisierungsrate sowie Häufigkeit von Diarrhoe und Erbrechen fand sich kein signifikanter Unterschied in den beiden Gruppen.

Wer profitiert?

Das Fazit der Autoren: Bei Kindern zwischen sechs Monaten und fünf Jahren mit leichtgradiger Gastroenteritis und in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen könnte die Gabe von verdünntem Apfelsaft eine angemessene Alternative zu Elektrolytlösungen sein. Sie warnen allerdings davor, diese Empfehlung auf ärmere Länder auszudehnen, wo Kinder oft schwerere Infektionen haben und gefährdeter seien, eine schwere Dehydratation zu entwickeln. Zudem gibt die Studie keine Auskunft darüber, ob Säuglinge unter sechs Monaten oder Kinder mit ausgeprägterer Gastroenteritis ebenfalls mit verdünntem Apfelsaft gut behandelt werden können.

Dr. med. Vera Seifert


Quelle:
Freedman SB et al.: Effect of dilute apple juice and preferred fluids vs. electrolyte maintenance solution on treatment failure among children with mild gastroenteritis. JAMA 2016, 315 (18): 1966 – 1974, doi:10.1001/jama.2016.5352



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (18) Seite 22