Ärzte kümmern sich mit großem Einsatz um die Belange ihrer Patienten. Dies gelingt ihnen umso besser, je gesünder sie selbst sind. Dafür sind ein bewusster Umgang mit der eigenen Gesundheit und ein adäquates Verhalten im Krankheitsfall erforderlich. Dass dies nicht immer der Fall ist und welche besonderen Aspekte eine Rolle spielen, wird im Folgenden anhand vorhandener Literatur sowie Daten einer kürzlich durchgeführten Befragung von Hausärzten in Thüringen und Sachsen dargestellt.

Fallbeispiel
Hausarzt Peter L., 49 Jahre und seit 13 Jahren in der Kleinstadt A. tätig, fühlte sich schon seit Monaten unwohl und gestresst. Sein hohes, allein zu bewältigendes Arbeitspensum belastete ihn. Obwohl er schon länger daran dachte, sich Hilfe zu holen, wusste er nicht, an wen er sich wenden sollte, da er die meisten Kollegen in seinem Umfeld persönlich kennt. Außerdem sorgte er sich, dass er für seine Patienten ausfallen könnte.

So hatte er bei sich vorerst selbst Blutwerte bestimmt und den Blutdruck gemessen. Wegen der hohen Blutdruckwerte hat er sich kurzerhand selbst Medikamente aufgeschrieben. Nachdem zusätzlich Brustschmerzen auftraten, sprach er bei einer privaten Feier einen befreundeten Kardiologen an. Dieser riet ihm dringend, sich in seiner Praxis vorzustellen. Peter L. folgte dem Rat des befreundeten Kollegen.

Die Vorstellung beim Arzt selbst als Patient war für den bisher nie krank gewesenen Mediziner von der Rolle her sehr unangenehm und befremdlich. Die durchgeführten Untersuchungen ergaben den Befund einer koronaren Herzkrankheit. Nach der Akutbehandlung suchte Herr L. sich eine Hausärztin für die weitere Betreuung. Mit ihr konnte er auch nach einer gewissen Kennenlernphase seine berufliche Belastungssituation und den vernachlässigten Ausgleich durch eigene Freizeitaktivitäten besprechen. Es gelang ihm, seine Arbeitsstruktur umzustellen und verstärkt Selbstfürsorge zu betreiben. Er fühlt sich aktuell wieder beschwerdefrei, leistungsfähig und kümmert sich mit Freude um seine Patienten.

Der Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung, Stress und Krankheit ist gut bekannt. Dies führt bei Ärzten unter anderem zu einer erhöhten Rate an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen gegenüber der Allgemeinbevölkerung. Besonders hervorzuheben ist die unter Ärzten im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöhte Suizidrate [1, 2].

Ärzte verhalten sich tendenziell gesünder, aber …

Ärzte haben dennoch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung tendenziell ein gesundheitsbewussteres Verhalten hinsichtlich Ernährung, körperlicher Aktivität sowie Nikotin- und Alkoholabusus [3]. In einem Vergleich von Hausärzten und Rechtsanwälten hatten die Hausärzte darüber hinaus einen günstigeren BMI, eine gesündere Ernährung und einen geringeren Nikotinabusus. Trotzdem kamen die Autoren zu dem Schluss, dass das Gesundheitsverhalten der Hausärzte nicht optimal sei [4].

In einer eigenen Befragung von 285 Hausärzten in Thüringen und Sachsen gaben 75 % der Teilnehmer an, Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen, mit einem signifikant höheren Anteil an weiblichen Hausärzten. Mit dem Alter zeigte sich kein Zusammenhang. Bezogen auf das eigene Gesundheitsverhalten kommt die Vorbildwirkung umso mehr zum Tragen, da Hausärzte eine Schlüsselrolle in der Prävention, einschließlich der Früherkennung von Erkrankungen, haben [4].

Umgang mit eigener Erkrankung

Natürlich werden auch Hausärzte krank. Neben der erhöhten Rate an psychischen Erkrankungen sind auch somatische Erkrankungen prävalent. So lag die Prävalenz chronischer (somatischer) Erkrankungen in der eigenen Befragung der Hausärzte bei 58 %. Die häufigsten Erkrankungen betrafen das Herzkreislaufsystem, das Muskelskelettsystem und das Stoffwechselsystem.

Die im Fallbeispiel dargestellten Verhaltensweisen zur Selbstdiagnostik, Selbsttherapie und dem informellen Ansprechen von Kollegen sind im Umgang mit eigener Erkrankung keine Seltenheit. Der Großteil der von uns befragten Hausärzte würde im Falle einer akuten Behandlungsbedürftigkeit Maßnahmen der Selbstdiagnostik (92 %) und -therapie (95 %) (eher) durchführen. Bei chronischen Erkrankungen gaben 60 % der Befragten an, sich (eher) selbst zu therapieren. Mehr als die Hälfte der befragten Hausärzte würde im akuten Krankheitsfall einen Kollegen informell, also außerhalb einer Sprechstunde, konsultieren. Diese hohen Raten zu Selbstdiagnostik und -therapie sowie informeller Konsultation fanden sich auch in der, bisher vorrangig internationalen, Literatur [5].

Hausarzt ohne Hausarzt

Ärzte nehmen darüber hinaus im Krankheitsfall professionelle Hilfe oftmals erst sehr spät in Anspruch und zeigen riskante Verhaltensweisen, wie beispielsweise Präsentismus am Arbeitsplatz [6]. Hinzu kommt, dass Ärzte häufig keinen eigenen Hausarzt haben. Von den von uns befragten Hausärzten gaben nur 19 % an, einen Hausarzt zu haben. Aus internationalen Untersuchungen ist bekannt, dass es hierbei spezifische Barrieren für Ärzte als Patienten zum Gesundheitssystem gibt. Sie lassen sich in 3 Kategorien unterteilen [7]:
a) spezifische Arzt-Patient-Barrieren, wie zum Beispiel Schamgefühle oder auch die Schwierigkeit, die „Patientenrolle“ anzunehmen,
b) Barrieren auf Seiten der zu konsultierenden Einrichtung, z. B. hinsichtlich Vertraulichkeit und Anonymität, und
c) Barrieren im Medizinsystem, wie z. B. eine akzeptierte Kultur von Selbstbehandlung unter Ärzten. Es kann aber auch die vermeintlich banale Barriere zutreffen, dass die Kollegen meist zu gleicher Zeit arbeiten und somit ein arbeitender Arzt außerhalb seiner Arbeitszeit Schwierigkeiten hat, eine andere offene Praxis zu finden.

Internationale Empfehlungen und Angebote in Deutschland

International existiert eine umfangreiche Forschung zu dem Thema, während in Deutschland bisher nur wenige Studien durchgeführt wurden. So sind auch international Leitlinien zum Thema Ärztegesundheit vorhanden, z. B. in England oder Kanada [8, 9]. Darin wird u. a. empfohlen, dass jeder Arzt regelmäßig einen Hausarzt konsultieren sollte. Weiterhin wird von Selbstdiagnostik und -therapie sowie informeller Konsultation abgeraten. Darüber hinaus wird die Einrichtung von frühen spezifischen Interventionen, wie z. B. Spezialsprechstunden für Arzt-Patienten von speziell geschulten Arzt-Behandlern, empfohlen. Diese sollten einen vertraulichen Umgang mit den Patientendaten in der jeweiligen Einrichtung, z. B. durch Pseudonyme, gewährleisten.

In Deutschland sind bisher vor allem spezifische Beratungs- und Behandlungsangebote für Ärzte mit psychischen Erkrankungen vorhanden, während spezielle Angebote für somatisch erkrankte Ärzte fehlen.

Die Gesundheit des Arztes ist wichtig

Da sich ärztliche Krankheitsverhaltensweisen auf die Behandlung von Erkrankten auswirken, ist gerade ihre Gesundheit von gesellschaftlicher Bedeutung, um eine fundierte Qualität in der Patientenversorgung gewährleisten zu können. Im schlimmsten Fall erfahren Patienten durch ärztliches, gesundheitsbezogenes Fehlverhalten eine unangemessene medizinische Versorgung. Die Etablierung struktureller Angebote, wie z. B. Spezialsprechstunden, und eine weitere Sensibilisierung für das Thema, die bereits im Medizinstudium beginnt, können zu einer besseren Gesundheit von Ärzten beitragen. Es bleibt jedoch Aufgabe jedes einzelnen Arztes, seinen Umgang mit der eigenen Gesundheit und sein Verhalten im Krankheitsfall zu reflektieren und adäquat für sich selbst zu sorgen. Davon profitieren er und seine Patienten.


Literatur:
1. Brooks 2011
2. Fuchs 2009
3. Suske 2007
4. Kaiser 2005
5. Schulz 2014
6. Bjertness & Rosvold 2002
7. Lam 2014
8. BMA 2010


Autoren:
S. Schulz¹, F. Hecker¹, F. Einsle², J. Gensichen¹

¹ Institut für Allgemeinmedizin, Jena
²SRH-Fachhochschule für Gesundheit, Gera

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (11) Seite 30-31