Die nicht geplante, plötzliche Geburt außerhalb eines Kreißsaals, zu Hause oder auf dem Weg ins Krankenhaus gilt immer für alle Beteiligten als einschneidendes Erlebnis. Für die mit einem solchen Ereignis konfrontierten Kollegen ohne entsprechende Erfahrung in der Geburtshilfe ist es häufig ein Alptraum. Im folgenden Beitrag soll kurz dargestellt werden, wie man aus ärztlicher Sicht mit einer nicht geplanten Geburt im Rettungsdienst umgehen sollte.

Eine drohende Geburt macht sich fast immer mit folgenden Symptomen bemerkbar:

  • Abgang von Flüssigkeit aus der Scheide als Folge eines Blasensprungs. Dies ist in der Regel nicht mit Urinabgang zu verwechseln.
  • Vaginale Blutungen, das sogenannte "Zeichnen".
  • Regelmäßig auftretende, krampfartige Schmerzen, die Wehen.

Dringlichkeit beurteilen

Sobald man realisiert hat, dass eine Geburt unmittelbar bevorsteht, ist die nächste Frage immer, wie dringlich das Problem ist: Ist ein Transport in das nächste Krankenhaus mit geburtshilflicher Abteilung ausreichend oder muss man selbst entbinden?

Die nächste Frage, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden muss, ist natürlich, wie weit die Schwangerschaft ist, d. h. in welcher Woche, um damit die Frage zu beantworten, ob das Kind überhaupt zur Welt kommen darf. In der Regel weiß die Mutter meist genau, in welcher Woche sie ist bzw. wann der errechnete Termin ist. Sonst hilft der Blick in den Mutterpass.

Eine grobe Orientierung ist, dass bis zwei Monate vor dem errechneten Termin eine Geburt vonseiten des Kindes kein Problem darstellt. Bei allen früheren Schwangerschaftswochen sollte unbedingt, unabhängig von der Dringlichkeit der Geburt, ein Transport in eine geburtshilfliche Abteilung mit entsprechender Versorgung angestrebt werden. Um die Dringlichkeit des Problems beurteilen zu können, ist im Regelfall eine vaginale Untersuchung erforderlich. Diese sollte jedoch immer unterlassen werden, wenn die Mutter stärker vaginal blutet, da hier ein Vorliegen des Mutterkuchens, eine sogenannte Plazenta praevia, nicht ausgeschlossen werden und durch eine vaginale Untersuchung eine noch stärkere Blutung provoziert werden kann.

Eine vaginale geburtshilfliche Untersuchung ist auch für einen nicht geburtshilflich erfahrenen Kollegen problemlos durchführbar, da man eigentlich nur die beiden folgenden Optionen beurteilen muss:

Man fühlt nichts oder irgendetwas Weiches oder einen Arm, einen Fuß …:

Dies kann möglicherweise bedeuten, dass der Muttermund geschlossen ist und man Zeit hat für einen geordneten Transport in ein Krankenhaus. Es kann natürlich auch bedeuten, dass eine Pathologie, wie beispielsweise eine Beckenendlage, ein Armvorfall oder dergleichen, vorliegt. Dies bedeutet automatisch das Ende einer außerklinischen Geburtshilfe. Man sollte auf jeden Fall einen Transport per Notarztwagen in das nächste Krankenhaus anstreben.

Man fühlt etwas Hartes und nichts anderes:

Dann bedeutet dies im Regelfall, dass es sich um den Kopf handelt. Wenn man nur den Kopf und nichts anderes tastet, muss der Muttermund geöffnet sein. Im Regelfall ist dann in naher Zukunft mit der Geburt zu rechnen.

Überwachung des Kindes

Ganz wichtig ist es, in dieser Situation keine Zeit mit dem Suchen nach den Herztönen des Kindes zu verlieren. Zum einen ist es technisch nicht immer ganz einfach, Herztöne des Kindes unter einer Geburt bei einer Kreißenden unter Wehen zu finden, d. h. man verliert unnötig Zeit. Zum anderen hätte der Nachweis pathologischer, kindlicher Herztöne natürlich auch keinerlei praktische Konsequenzen, da andere Möglichkeiten zur Beschleunigung der Geburt, z. B. Entbindung per Zange, per Saugglocke oder die Durchführung eines Kaiserschnitts, natürlich nicht möglich sind.

Mütter, die sich in dieser Situation große Sorgen machen (" ...ich muss doch wissen, wie es dem Kind geht") seien daran erinnert, dass unsere Generation nahezu ausnahmslos noch ohne CTG-Überwachung zur Welt kam und derzeit weltweit die meisten aller Geburten ohne Überwachung des Kindes stattfinden und die Statistik belegt, dass es meistens gut geht.

Richtige Gebärposition

Die nächste zu beantwortende Frage ist häufig die, in welcher Position die Geburt stattzufinden hat. Auch diese Frage kann ganz einfach beantwortet werden: Es gibt keine optimale Gebärposition. Das Wichtigste ist, dass man der werdenden Mutter überlässt, welche Gebärposition sie einnehmen möchte. Wichtig ist, dass genug Platz da ist, um die Beine zu spreizen, damit das Kind auch gut entwickelt werden kann. Deshalb gilt die geburtshilfliche Grundregel: Bis auf den Kopfstand sind alle Gebärpositionen sinnvoll.

Das Kind kommt

Man hat sich mit seinem Schicksal abgefunden, bei einer vaginalen Tastuntersuchung festgestellt, dass ein Kopf und nichts anderes zu fühlen ist, die werdende Mutter hat regelmäßige Wehen und man sieht langsam den Kopf in Vulva-Niveau einschneiden. In dieser Situation ist es ganz wichtig, alles, was man vielleicht über Geburtsmechanik, hohen Gradstand und tiefen Querstand usw. gehört hat, zu vergessen. Man sollte der Natur zunächst eine Chance geben. Falls man in dieser Situation das Gefühl haben sollte, dass alles viel zu lange dauert, bestehen zwei Möglichkeiten:

  • Die Unterstützung der Mutter durch die sogenannte Kristeller-Hilfe, d. h. den massiven Druck durch Arm oder Hand des Geburtshelfers auf den Fundus uteri.
  • Wenn man das Gefühl hat, dass im Bereich der Scheide und des Dammes eine Weichteilsperre die Entwicklung des kindlichen Köpfchens verhindert, sollte man eine mediolaterale Episiotomie vornehmen. Es ist richtig, dass in der Geburtshilfe die routinemäßige Durchführung einer Episiotomie seit vielen Jahren abgelehnt wird, die außerklinisch stattfindende Geburt ist jedoch sicher der falsche Ort für eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Episiotomien. D. h., wenn es irgendwie nicht weitergeht und man das Gefühl hat, es fehlt im Bereich des Dammes einfach der Platz, ist eine Episiotomie sicher eine sinnvolle Maßnahme.

Das kindliche Köpfchen ist geboren, der wichtigste Schritt ist getan. Jetzt ist erstmals eine geburtshilfliche Aktivität der begleitenden Ärzte dringend erforderlich. Mit der Geburt des kindlichen Köpfchens sollte zügig, innerhalb der nächsten zwei Wehen, auch der Rest des Kindes geboren werden. Jetzt müssen auch für den nicht trainierten Geburtshelfer erstmalig die Gesetze der Geburtsmechanik beachtet werden.

Üblicherweise erfolgt die Geburt des kindlichen Köpfchens im geraden Durchmesser, d. h. das Kind schaut nach hinten, in Richtung des Rückens der Mutter (Abb.1, S. 45). Da Kopf und Schultern senkrecht aufeinander stehen, ist eine einfache Entwicklung des Kindes durch Zug am Kopf nicht möglich. Die senkrecht zum Kopf, d. h. quer stehenden Schultern würden die Symphyse nicht passieren können und deshalb muss das kindliche Köpfchen über die Entwicklung der Schultern quer stehen, d. h. das Kind muss entweder nach links oder nach rechts schauen (Abb. 2, S. 45), damit eine problemlose Entwicklung der Schultern möglich ist:

  • Fassen des kindlichen Köpfchens (Abb. 2).
  • Zug nach unten bis zur Geburt der vorderen Schulter (Abb. 3, S. 45).
  • Zug am kindlichen Kopf nach oben, Entwicklung des gesamten Kindes (Abb. 4, S. 45).

Kind geboren – wie geht es weiter?

Nach Geburt des Kindes ist der erste, wichtigste Schritt die Erstversorgung des Kindes:

  • Freimachen der Atemwege durch Abwischen von Nase und Mund.
  • Warmhalten (das Allerwichtigste überhaupt), hier ist der beste Ort der Bauch der Mutter, und dann in warme Tücher einwickeln.
  • Überprüfung der kindlichen Herztöne.
  • Überwachung der Mutter.

Ende der außerklinischen Geburtshilfe

Mit der Geburt des Kindes sollte die außerklinische Geburtshilfe definitiv beendet werden. Entwicklung der Plazenta (Versorgung von Geburtsverletzungen und dergleichen) sollte unter geordneten Umständen in einem Krankenhaus mit geburtshilflicher Abteilung erfolgen. Nur wenn man das Gefühl hat, dass es sehr stark blutet, sollte durch Zug an der Nabelschnur die Plazenta gelöst und entwickelt werden. Wenn es weiterhin stark blutet, straffe Tamponade der Scheide, z. B. durch ein Handtuch. Der Transport der Mutter sollte in der sogenannten Fritschelagerung, d. h. mit übereinandergeschlagenen Beinen und Halten des Uterus (manuelle Kompression des Fundus uteri zur Reduktion der Blutung), stattfinden.

Interessenkonflikte: keine deklariert


Peter Mallmann


Kontakt:
Prof. Dr. med. Peter Mallmann
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Köln, 50931 Köln

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2013; 35 (13) Seite 38-40