Körperliches Training stellt einen der grundsätzlichen Bestandteile der Primär- und Sekundärprävention der kardiovaskulären Erkrankungen dar. Der Schwerpunkt wird auf das Ausdauertraining im aeroben Bereich gelegt. In der Zwischenzeit gibt es jedoch eine stetig wachsende Evidenz zur zusätzlichen Implementierung eines moderaten Krafttrainings bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen.

Krafttraining findet in den letzten Jahren zusätzlich zu dem etablierten Ausdauertraining langsam auch Eingang in die internationalen Empfehlungen [1, 2, 3]. In den aktuellen Leitlinien zur Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz oder koronarer Herzkrankheit wird es jedoch nicht spezifisch erwähnt [4].

Medizinische Grundlagen

Die physiologische Alterung des Menschen ist mit einer Abnahme der Muskelmasse und einem Verlust an Muskelkraft verbunden. Dieser kontinuierliche Verlust kann im Krankheitsfall, z. B. bei einer dekompensierten Herzinsuffizienz oder nach akutem Myokardinfarkt, deutlich aggravieren. Die daraus resultierenden Folgen wie Kraftverminderung und gestörte Gleichgewichtskoordination können die Patienten in ihren alltäglichen Tätigkeiten weiter deutlich einschränken, denn diese sind in vielen Fällen kraftorientiert und verlangen eine entsprechende koordinierte statische und dynamische Aktivität (z. B. das Heben einer Einkaufstasche).

Ein Krafttraining kann diesem Muskelabbau effektiv entgegenwirken und es kann in jeder Altersgruppe eine signifikante Steigerung der Muskelkraft erzielt werden [5]. Darüber hinaus können dadurch günstige Effekte auf kardiovaskuläre Risikofaktoren erzielt werden. Dass sich die meisten kardiovaskulären Risikofaktoren durch aerobes Training verbessern lassen, ist bereits nachgewiesen und breit anerkannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch das Krafttraining durch Studien belegte günstige Wirkungen wie Gewichtsreduktion, Verbesserung der Insulinsensitivität [6] oder Senkung des Blutdruckes [7] mit sich bringt.

Eine günstige prognostische Auswirkung von Krafttraining wurde bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen bis heute nicht nachgewiesen. Auf der anderen Seite wurde der früher generell vermutete ungeeignete hämodynamische Einfluss von Muskelaufbautraining auf das Herz-Kreislauf-System in dieser Patientengruppe ebenso nicht nachgewiesen.

Es wurden vor allem erhebliche unerwünschte Blutdruckreaktionen mit Nachlaststeigerung und potenziellem pathologischem ventrikulärem Remodelling gefürchtet. Dies gilt jedoch nur für isometrische (z. B. Valsalva-Manöver) oder hochintensive dynamische Belastungen. Moderate dynamische Kraftbelastungen führen dagegen nur zu einem moderaten Blutdruckanstieg vergleichbar mit dem unter Ausdauertraining ähnlicher Intensität [8]. Des Weiteren ist die wichtigste Komponente der Blutdruckantwort die relative Intensität der Belastung [9]. Somit führt die gleiche absolute Belastung bei einem trainierten Patienten zu einem geringeren Blutdruckanstieg.

Intensität bei Krafttraining

Die Intensität des Krafttrainings wird in den % 1-RM (% of one repetition maximum, % des Einmal-Wiederholungsmaximums) gemessen. Mit 1-RM ist dabei das maximale Gewicht gemeint, das durch die bestimmte Muskelgruppe einmalig gehoben werden kann. Sie wird für jede dynamische Bewegung separat bestimmt.

Weil die Erhebung der 1-RM zur unerwünschten Anwendung des Valsalva-Manövers führen kann, ist vor allem bei Patienten mit Herzinsuffizienz der „graded stress test“ anzuwenden. Die Trainingsintensität wird so eingestellt, dass der Patient eine bestimmte Übung zehnmal wiederholen kann, ohne Anwendung der Bauchpresse oder Angabe von Beschwerden [2]. Alternativ kann vor allem im ambulanten Bereich oder zu Hause die Borg-Skala (RPE – Rate of perceived exertion) angewendet werden, die auf einer Skala von 6 – 20 (sehr leicht bis maximal) die subjektive Wahrnehmung der Belastung zur Einstufung benutzt [10].



Indikationen und Kontraindikationen

Die absoluten Kontraindikationen für Krafttraining sowie die Risikostratifizierung stimmen im Wesentlichen mit denen für aerobes Ausdauertraining überein (siehe Tabelle 1).

Aufgrund der aktuell lückenhaften Datenlage, vor allem bei Patienten mit moderatem bis hohem Risiko (AHA- Gruppen B und C), kann es nicht uneingeschränkt empfohlen und angewendet werden. Vor Beginn des Trainings sind eine klinische Untersuchung, ein Belastungs-EKG und Echokardiographie durch einen qualifizierten Arzt erforderlich. Nur in der Risikogruppe A, bei Patienten ohne manifeste Herzkrankheit, darf das Training zu Beginn auch ohne ärztliche Überwachung durchgeführt werden. Bei allen anderen Patienten sind eine individuelle Risikoeinschätzung, eine medizinische Überwachung und die Anleitung durch einen Sporttherapeuten notwendig [3]. Bei allen Patienten sollte vor Anfang des Krafttrainings eine mindestens über zwei Wochen dauernde Periode vom aeroben Ausdauertraining vorausgehen und sie sollten sich mindestens seit über drei Wochen im stabilen klinischen Zustand befinden.

Durchführung

Das Krafttraining sollte stets mit einer niedrigen Intensität begonnen werden und im Verlauf eine Maximalintensität von 60 % 1-RM (RPE < 16) nicht überschreiten. Bereits bei einer Belastungsintensität von 30 – 40 % 1-RM ist mit einem signifikanten Kraftzuwachs zu rechnen [11]. Es wird eine stufenweise Steigerung in drei Schritten empfohlen (Tabelle 2). Der höchste Trainingseffekt wird mit drei Trainingseinheiten pro Woche erreicht, mit einem Ruhetag nach jedem Training, um eine biologische Anpassung zu ermöglichen. 75 % des maximalen Effektes können jedoch bereits beim zweimaligen Training pro Woche erzielt werden [8]. Der Haupteffekt des Krafttrainings wird bereits bei dem ersten Durchgang erreicht, wiederholte Durchgänge sind somit nicht erforderlich. Es sollten stattdessen während einer Sitzung möglichst viele Muskelgruppen nacheinander trainiert werden, um einen ausgewogenen Muskelaufbau zu erzielen. Die Auswahl der Trainingsgeräte (freie Gewichte, Fitnessgeräte etc.) ist hierbei allerdings nicht von großer Bedeutung. Wichtiger ist die richtige Dosierung und Ausführung der Übungen. Das Krafttraining sollte stets erst nach der aeroben Trainingseinheit folgen, um die nötige Aufwärmung zu sichern.

Zusammenfassung

Obwohl eine günstige Beeinflussung der Prognose bis jetzt nicht nachgewiesen wurde, gewinnt der Patient mit einem individuell angepassten Krafttraining an Leistungsfähigkeit und Lebensqualität, auch durch eine gewünschte Modifikation der kardiovaskulären Risikofaktoren. Das aerobe Ausdauertraining stellt jedoch nach wie vor, dank seiner durch randomisierte Studien untermauerten prognostischen Relevanz, den Eckpfeiler der körperlichen Aktivität bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen dar. Ein Krafttraining kann dazu eine hochwertige Ergänzung bringen und in den meisten Patientengruppen unter Berücksichtigung des klinischen Zustandes und engmaschigem Monitoring sicher und effektiv angewendet werden.

Interessenkonflikte: keine deklariert


Literatur:
1) Williams MA, Haskell WL, Ades PA, Amsterdam EA, Bittner V, Franklin BA, Gulanick M, Laing ST, Stewart KJ (2007) Resistance exercise in individuals with and without cardiovascular disease: 2007 update: a scientific statement from the American Heart Association Council on Clinical Cardiology and Council on Nutrition, Physical Activity, and, Metabolism. Circulation 116:572–584
2) Piepoli MF, Conraads V, Corrà U, Dickstein K, Francis DP, Jaarsma T, McMurray J, Pieske B, Piotrowicz E, Schmid JP, Anker SD, Solal AC, Filippatos GS, Hoes AW, Gielen S, Giannuzzi P, Ponikowski PP. Piepoli MF, Conraads V, Corrà U, Dickstein K, Francis DP, Jaarsma T, McMurray J, Pieske B, Piotrowicz E, Schmid JP, Anker SD, Solal AC, Filippatos GS, Hoes AW, Gielen S, Giannuzzi P, Ponikowski PP. (2011) Exercise training in heart failure: from theory to practice. A consensus document of the Heart Failure Association and the European Association for Cardiovascular Prevention and Rehabilitation. Eur J Heart Fail 13(4):347-57
3) Bjarnason-Wehrens B, Mayer-Berger W, Meister ER, Baum K, Hambrecht R, Gielen S (2004) Einsatz von Kraftausdauertraining und Muskelaufbautraining in der kardiologischen Rehabilitation. Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen. Z Kardiol 93:357–370
4) McMurray JJ, Adamopoulos S, Anker SD, Auricchio A, Böhm M, Dickstein K, FalkV, Filippatos G, Fonseca C, Sanchez MA, Jaarsma T, Køber L, Lip GY, Maggioni AP, Parkhomenko A, Pieske BM, Popescu BA, Rønnevik PK, Rutten FH, Schwitter J, Seferovic P, Stepinska J, Trindade PT, Voors AA, Zannad F, Zeiher A. (2012) ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure 2012: The Task Force for the Diagnosis and Treatment of Acute and Chronic Heart Failure 2012 of the European Society of Cardiology. Developed in collaboration with the Heart Failure Association (HFA) of the ESC. Eur Heart J. Advance Access
5) Fleck SJ, Kraemer WJ. (1997) Designing resistance training programmes. 2nd ed. Human Kinetics, Champaign
6) Fluckey JD, Hickey MS, Brambrink JK, Hart KK, Alexander K, Craig BW (1994) Effects of resistance exerciseon glucose tolerance in normal and glucose-intolerant subjects. J Appl Physiol 77:1087–1092
7) Cornelissen VA, Fagard RH (2005) Effect of resistance training on resting blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials. J Hypertens 23:251–259
8) Bjarnason-Wehrens B, Schulz O, Gielen S, Halle M, Dürsch M, Hambrecht R, Lowis H, Kindermann W, Schulze R, Rauch B (2009) Leitlinie körperliche Aktivität zur Sekundärprävention und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen. Clin Res Cardiol Suppl 4:1-44
9) Woinisch M, Mofmann P, Pokan R, Eder B (2009) Krafttraining bei Patienten mit kardiologischen Erkrankungen. Journal für Kardiologie 16 (9-10): 337-340
10) Borg G (1970) Perceived exertion as an indicator of somatic stress. Scand J Rehabil Med 2:92-98
11) Christodoulos AD, Tokmakidis SP, Volaklis KA (2003) Neue Aspoekte des Krafttrainings in der kardialen Rehabilitation. Journal für Kardiologie 10 (5): 207-213

Jan Svitil


Kontakt:
MUDr. Jan Svitil, Prof. Dr. med. Gerhard Schuler, Dr. med. Marcus Sandri, Universität Leipzig – Herzzentrum, Klinik für Innere Medizin / Kardiologie, 04289 Leipzig

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2013; 35 (20) Seite 45-48