Angsterkrankungen findet man im Alter häufig, oft kombiniert mit einer Depression. Dass sie erst im höheren Lebensalter beginnen, ist allerdings selten und steht dann meist in Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Sturzangst. Die Prognose komorbider Störungen - insbesondere kardiovaskulärer Erkrankungen und Depressionen - ist schlechter als die der jeweiligen Einzelerkrankungen. Die Therapie ist bei Anpassung an das Alter gleich gut wirksam wie in jüngeren Lebensabschnitten. Der kognitiven Verhaltenstherapie sollte der Vorzug gegeben werden. Pharmakologisch sind Antidepressiva wie Citalopram, Sertralin oder Venlafaxin Mittel der Wahl.

Ist Angst im Alter normal? In Anbetracht der Häufigkeit dieses Symptoms ist diese Frage in der hausärztlichen Praxis sicherlich die wichtigste überhaupt. Ist es nicht normal, wenn ein älterer gebrechlicher Mensch Angst hat, zu stürzen? Ist es nicht normal, wenn ein alter Mensch Angst hat, im Dunkeln auf die Straße zu gehen? Schließlich ist das Sehen oft nicht mehr so gut, das Hören auch nicht, und die Reaktionszeit ist auch verlangsamt.

Zur Annahme der Normalität passt jedoch nicht, dass die in Mitteleuropa vorliegenden Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit unisono aufzeigen, dass im höheren Lebensalter die allgemeine Lebenszufriedenheit eher (wieder) ansteigt. Dies wird damit erklärt, dass im Allgemeinen negative Affekte weniger stark sind und auch in der Erinnerung Positives eine größere Rolle spielt.

Epidemiologie

Die Häufigkeitsangaben zu Angsterkrankungen im Alter schwanken zwischen 3,2 und 14,2 %. In 75 % der Fälle findet man einen Beginn oder erste Zeichen einer Angsterkrankung vor dem 21. Lebensjahr. Legt man die Grenze beim 40. Lebensjahr, trifft dies sogar auf 90 % der Personen zu. Daraus kann man ableiten, dass ein später Erkrankungsbeginn im höheren Alter mit dann neu auftretenden Bedingungen zusammenhängen muss, zum Beispiel mit körperlichen Erkrankungen [1, 5].

Risikofaktoren

Wie generell bei affektiven Störungen sind Frauen häufiger betroffen. Weitere Risikofaktoren sind stressige beziehungsweise traumatische Lebens- und Kindheitserfahrungen, psychosoziale Probleme wie Einsamkeit, geringere Bildung und ein geringeres Einkommen sowie Ko- bzw. Multimorbidität [5]. Die häufigste Komorbidität sind Depressionen, etwa ein Drittel der Patienten mit Angststörungen hat auch eine Depression. Patienten mit Depression haben sogar in bis zu 50 % auch eine Angsterkrankung. Liegt beides vor, ist die Prognose generell schlechter und die Chronifizierungs- sowie Suizidgefahr höher.

Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Angst- und Demenzerkrankungen gibt es noch wenige Daten. Offensichtlich ist es jedoch ähnlich wie der Zusammenhang mit der Depression. Bei bestehender Demenz ist die Diagnose einer Angsterkrankung allerdings schwierig zu stellen. Denn Unruhezustände sind zum Teil schwer zuzuordnen [1, 5].

Ein besonderes Thema: die Sturzangst

Die Sturzangst ist ein häufiges Problem und betrifft etwa 40 % aller durch ambulante Dienste zu Hause gepflegten Patienten. Unter ihr leiden nicht nur Menschen, die schon gestürzt sind, sondern fast genauso viele, die bisher nicht gestürzt sind. Das Vorhandensein einer Angst erhöht das Sturzrisiko. Problematisch bei Sturzangst sind vor allem der Rückzug ins Haus und die Reduktion von Alltagsaktivitäten. Fatal ist, dass Medikamente, die die Angst mindern sollen, wie Antidepressiva, Antipsychotika und auch Benzodiazepine, das Sturzrisiko etwa um den Faktor 1,5 erhöhen. Deshalb sollte die Behandlung idealerweise ausschließlich psychotherapeutisch erfolgen [1, 3, 5].

Diagnostik

Die Diagnose kann durch den systematischen Einsatz von Screeninginstrumenten bei Risikogruppen erleichtert werden. Speziell in Anbetracht der häufigen Komorbidität mit der Depression wurde die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) entwickelt [2] (vgl. Übersicht 1).

Therapie

Behandlung von Angsterkrankungen bedeutet stets, einen Teufelskreis durchbrechen zu müssen. Dieser ist schematisch in Abb. 1 dargestellt. Sinnvoll ist das Anlegen einer „Liste angenehmer Aktivitäten“, gegebenenfalls auch das Führen eines Stimmungskalenders. In jedem Fall sollten die Patienten über Diagnose und Behandlung aufgeklärt und informiert werden. Wichtig ist es auch, das Aktivitätsniveau sorgfältig zu evaluieren. Hierzu eignen sich eine Reihe von Fragen (vgl. Übersicht 2).

Die spezifische Psychotherapie der Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie, die je nach der Situation der Patienten natürlich modifiziert werden kann und muss. Psychopharmaka sollten nur wenn absolut nötig und gut dokumentiert eingesetzt werden. Hierbei sind die Präparate, die auch in jüngerem Lebensalter für Angsterkrankungen Wirksamkeit bewiesen haben, ebenfalls zu empfehlen. Dies gilt insbesondere für die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, vor allem Citalopram, Sertralin oder Venlafaxin [1, 4, 5].


Literatur
1. Boerner RJ (2004) Angst im Alter - Epidemiologie, Diagnostik und therapeutische Optionen. Fortschr Neurol Psychiatr 72: 564-573
2. Herrmann C, Buss U, Snaith RP (1995) Hospital Anxiety and Depression Scale - Deutsche Version (HADS-D). Manual. Bern: Hans Huber
3. Gagnon N, Flint AJ, Naglie G, Devins GM (2005) Affective correlates of fear of falling in elderly persons. Am J Geriatr Psychiatry 13: 7-14
4. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF, AkdÄ, BPtK, BApK, DAGSHG, DEGAM, DGPM, DGPs, DGRW (Hrsg) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression*. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, 1. Auflage 2009. DGPPN, ÄZQ, AWMF - Berlin, Düsseldorf 2009. Internet: www.dgppn.de, www.versorgungsleitlinien.de, www.awmf-Leitlinien.de. (*Organisationen, die in der Leitliniengruppe kooperierten: DGPPN, BÄK, KBV, AWMF, AkdÄ, BPtK, BApK, DAGSHG, DEGAM, DGPM, DGPs, DGRW, BDK,BDP,BPM,BVDN, BVDP, BVVP, CPKA, DÄVT, DFT, DGGPP, DGPT, DGVT, DPG, DPV, DPtV, DVT, Deutscher Hausärzteverband, GwG, KND)
5. Wolitzky-Taylor KB, Castriotta N, Lenze EJ, Stanley MA, Craske MG (2010) Anxiety disorders in older adults: a comprehensive review. Depress Anxiety 27: 190-211

Interessenkonflikte:
keine deklariert

Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe


Kontakt:
Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe
Bereich Allgemeine Psychiatrie
Universitäre Psychatrische Kliniken
CH-4012 Basel

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2012; 34 (5) Seite 14-15