Norwegen in seiner ganzen Vielfalt, im schnellen Wechsel der Jahreszeiten zu erleben – bei Hurtigruten ist das kein Problem. In zwölf Tagen bringt der Schnelldampfer die Gäste von Bergen nach Kirkenes im hohen Norden unweit der russischen Grenze und zurück nach Süden. Unterwegs werden 34 Häfen angelaufen, wobei die Fahrzeiten so gelegt sind, dass sich auf der Rückfahrt die Landschaften tags erleben lassen, die auf der Hinfahrt nachts "verschlafen" werden, wie unser Reiseautor Ulrich Uhlmann berichtet.

Sie sind überall in Norwegen, die Trolle – im Samenland und auf den Lofoten-Inseln, hinter Felsecken und im tiefen Föhrenwald, in der guten Stube des Bauern und im Schafstall. Sie wachen über Gutes und Böses. Niemand hat sie jemals gesehen. Tagsüber stehen sie als Fels versteinert am Wegesrand; nachts aber streichen sie durchs Land. Doch um die Weihnachtszeit sind sie den Bewohnern der entlegenen Dörfer und Höfe ganz nah. In einem Schüsselchen bekommen sie am Gartentor ihren Anteil am Festmahl. Da hören sie Alt und Jung dann klappern und schlürfen. Oder war das gar des Nachbars Katze? Sei es, wie es sei. Die lustigen Gesellen in vielfacher Gestalt gehören zu den beliebtesten Touristen-Mitbringseln aus dem Land der Mitternachtssonne.

Seeadler und Wale begleiten die Fahrt

Auf den fast 2.000 Kilometern bis zum Nordkap wechselt Stunde für Stunde das Bild. Anfangs im Süden bewaldete Hänge mit fruchtbaren Küstenstreifen, wird die Natur zunehmend karger und unnahbarer. Der Baumbestand geht weiter zurück, bis auf schroffen, Hunderte Meter hohen Granitrücken nur noch kümmerliche Moose und Gräser wachsen. Eng kleben winzige Fischersiedlungen, oft nur einzelne bunt gestrichene Häuser, dicht am Meer, denn das Hinterland lässt kaum Raum zum Leben.

Eine lange Geschichte
Am 2. Juli 1893 schlug die Geburtsstunde von Hurtigruten. Erstmals wurde ein wöchentlicher Linienverkehr nach festem Fahrplan ganzjährig zwischen Trondheim (später ab Bergen) und Hammerfest eingerichtet. Damit war der Grundstein für die wirtschaftliche Erschließung Nordnorwegens, der Finnmark, gelegt. Auch heute noch sichert die Postdampferlinie bis Kirkenes mit ihren elf Schiffen die Versorgung der Küstenorte, der unzähligen Inseln. Da werden Autos und Fischkisten ebenso verladen wie Fernsehgeräte und Futtermittel.

Stets gibt es Neues zu entdecken: da ein eng gewundener kilometerlanger Fjord, der mit seinen 400 Metern Wassertiefe benachbarte Orte wie Welten trennen würde, gäbe es nicht den regelmäßigen Fährverkehr. Dort ein Seeadlerpärchen, das erfolgreich von der Fischjagd heimkehrt. Und bei Loppa gar, wo es aufs offene Meer hinausgeht, lässt sich mit bloßem Auge eine Herde Wale beobachten, die ihre dunklen Buckel spielend aus dem Wasser heben.

Anlaufpunkt am zweiten Tag ist Alesund – die Stadt auf drei Inseln. Eine besondere Attraktion haben die 45.000 Einwohner im "Venedig des Nordens", für die sie keinen Finger krumm machen mussten. Die Rede ist vom fast 200 Meter hohen "Hausberg" namens Aksla, den die Natur mitten in den Ort hineingesetzt hat. Eine herrliche Aussicht über Stadt, Meer und Gebirge belohnt den beschwerlichen 418-Stufen-Aufstieg.

Sonderpost vom Nordkap

Sechster Reisetag, fast am Ende Europas: Honningsvag ist erreicht. Noch rund 30 Straßenkilometer sind es bis zum Nordkap. Mit dem Bus geht es in halbstündiger Fahrt durch eine einzigartige arktische Landschaft. Schon ist von weitem das Nordkap mit dem "Horn", einer markanten Felsnase, zu erahnen. Zwischen Seen, Bächen, Moosen und Flechten tauchen die ersten Rentiere auf. Vier Samenfamilien halten hier im Nordkap-Gebiet 4.000 Rentiere auf Sommerweide.

Früher hielt der Postdampfer unterhalb des Kaps, und die Besucher mussten zu Fuß den steilen Vorberg erklimmen. So 1795 auch Louis Philippe von Orleans, der spätere Bürgerkönig Frankreichs. Von seiner Inkognito-Reise als "Herr Müller aus der Schweiz" war er so angetan, dass es noch heute im hohen Norden, so wird erzählt, Nachkommen der Bourbonen geben soll.

Doch zurück zur Gegenwart. Uns empfängt das "Norkapp-Center", ein in mehreren Etagen in den Fels gebauter Erlebnisbereich. Besuchenswert neben verschiedenen Ausstellungen ist der Panoramafilm, der auf einer Riesenleinwand das Nordkap und die Finnmark zu allen Jahreszeiten nacherleben lässt. Und wer den Daheimgebliebenen seinen Besuch am Nordzipfel Europas beweisen will, für den hat das nördlichste Postamt der Welt mit einem Sonderstempel geöffnet.

Besuch im Samenland

Ein Wunsch geht in Erfüllung – Landausflug ins sommerliche Samenlager bei Kjöllefjord. Im Lavvu, der zeltähnlichen Samenbehausung, verbreitet ein offenes Feuer wohnliche Wärme, während der Rauch durch eine Öffnung in der Zeltspitze abzieht.

In farbenfroher Nationaltracht mit schwerem Silberschmuck begrüßt Sara-Maja Utsi die Gäste, während Vater Ailu schmackhafte Ren-Brühe austeilt. Die junge Frau berichtet, dass bald wieder der große Zug gen Süden beginnt, wenn die Herden zur Winterweide unterwegs sind. 250 Kilometer geht es über Stock und Stein. Unterwegs muss mancher Fjord oder Sund durchschwommen werden. Da leistet das Lavvu gute Dienste, während zu Hause dann das landestypische Holzhaus auf die Samenfamilie wartet.

Wie viele Rene eine Familie besitzt? Vater Ailu druckst mit der Antwort herum. Die volle Wahrheit legt kein Same auf den Tisch – schon wegen der Nachbarn nicht, aber noch mehr wegen der Steuern. Doch 500 Tiere wären für den Lebensunterhalt ausreichend; bei 1.000, meint Ailu Utsi, kommt die Braut schon aus bestem Hause. Ulrich Uhlmann

Reisetipps
Reiseliteratur: Kreuzfahrt-Guide "Hurtigruten", Edition Maritim, 19,90 €; Reise-Taschenbuch "Hurtigruten", DumontReiseverlag, 17,99 €; "Hurtigruten – Zeit für das Beste", Bruckmann Verlag, 16,00 €; Merian live "Norwegen mit dem Postschiff", Travel House Media, 12,99 €. Informationen/Buchung: Bei allen Reisebüros und bei Hurtigruten GmbH, Große Bleichen 23, 20354 Hamburg; Tel. 040/87408358; http://www.Hurtigruten.de , E-Mail: ce.info@hurtigruten.com.



Autor:
Ulrich Uhlmann

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (19) Seite 120-122