47 Zusatz-Weiterbildungen enthält die aktuelle (Muster-) Weiterbildungsordnung (MWBO) der Bundesärztekammer. In unserer neuen Serie "Zusatzbezeichnungen" stellen wir Ihnen in den kommenden Ausgaben von Der Allgemeinarzt häufig erworbene und relevante Zusatzbezeichnungen für Allgemeinärzte vor. Zu Wort kommen auch Kollegen, die sich schon weitergebildet haben und berichten, was die Zusatzbezeichnungen ihnen im Praxisalltag bringen.

Auch Hausärzte können nach erfolgreich abgeschlossener Weiterbildung zusätzliche Bezeichnungen führen, die auf neu erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten in einem bestimmten medizinischen Gebiet hinweisen. Die Anerkennung erfolgt immer durch die jeweilige Landesärztekammer. Jede Kammer bietet auch einen Überblick über alle Facharzt- und Zusatzbezeichnungen, die man als Arzt erwerben kann. Die Unterschiede zwischen den Ländern bestehen teilweise darin, ob es Prüfungen gibt oder nicht und wie die jeweiligen Voraussetzungen aussehen.

Beispiel Akupunktur: Die Weiterbildungszeit beträgt hier mindestens 24 Monate. Das heißt, dass der Arzt, der sich auf diesem Gebiet weiterbildet, nach dem zweiten Jahr die Zusatzbezeichnung führen darf – in Hessen muss er dafür aber Facharzt sein. Manche Zusatzbezeichnung ist nur für bestimmte Fachrichtungen vorgesehen. So kann z. B. Dermatohistologie nur von Hautärzten erworben werden.

Genau zu beachten ist auch die Weiterbildungszeit. Man kann die Zusatzbezeichnung entweder allein durch Kurse – am Wochenende oder im Urlaub – erwerben oder muss sie in einer Weiterbildungsstätte (z. B. bei Betriebsmedizin) absolvieren. Für den Vertragsarzt in der Praxis ist das schwierig. Die Zusatzbezeichnung allein führt auch nicht automatisch dazu, dass man damit vertragsärztliche Leistungen abrechnen kann. In Hessen z. B. muss man für die Abrechnung von Akupunkturleistungen noch einen zusätzlichen 80-Stunden-Kurs zur Schmerztherapie und vier jährliche Qualitätszirkel absolvieren.

Die 12 häufigsten Zusatzbezeichnungen für Hausärzte am Beispiel der LÄK Bayern
  1. Naturheilverfahren (17,7 %)
  2. Sportmedizin (10,4 %)
  3. Akupunktur (10,2 %)
  4. Chirotherapie (10,0 %)
  5. Notfallmedizin (8,3 %)
  6. Homöopathie (5,7 %)
  7. Betriebsmedizin (5,6 %)
  8. Psychotherapie (4,2 %)
  9. Balneologie und Medizinische Klimatologie (2,4 %)
  10. Sozialmedizin (1,9 %)
  11. Palliativmedizin (1,7 %)
  12. Umweltmedizin (1,6 %)

Einbezogen wurden alle Fachärzte für Allgemeinmedizin sowie hausärztlich tätige Internisten und Praktische Ärzte (inkl. nicht-tätiger Ärzte). Die prozentualen Angaben beziehen sich auf die Gesamtheit aller 10.926 derzeit bei der BLÄK erfassten Ärzte, insgesamt wurden 9.622 Zusatzbezeichnungen erworben.

Stand April 2017; Doppelzählungen möglich. Quelle: Bayerische Landesärztekammer

Neue Zusatzbezeichnungen

Vorschläge für weitere Zusatzbezeichnungen im Rahmen der neuen MWBO (vgl. Interview) werden beim 120. Deutschen Ärztetag diskutiert, der vom 23. bis 26. Mai 2017 in Freiburg stattfindet.


Autorin:
Angela Monecke


Interview mit Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery

Hausärzte sind sich immer wieder unsicher, welche Zusatzbezeichnungen für sie überhaupt infrage kommen, wo man sie erwerben kann und worin die Vorteile liegen. Wie es hier für den Facharzt für Allgemeinmedizin aussieht, weiß Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer.

Welche Zusatzbezeichnungen sind für Hausärzte vorteilhaft, und gibt es auch irgendwelche Nachteile?

Welche Zusatz-Weiterbildung ein Hausarzt, d. h. ein Facharzt für Allgemeinmedizin, erwirbt, hängt u. a. von seinen Interessen und der Ausrichtung seiner ärztlichen Tätigkeit ab. "Nachteile" ergeben sich durch den Erwerb von Zusatzbezeichnungen aus unserer Sicht dagegen nicht. Die (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) bietet vielfältige Qualifikationsmöglichkeiten. Ausweislich der derzeitigen MWBO kann ein Hausarzt zahlreiche Zusatzbezeichnungen erwerben, beispielsweise Akupunktur, Palliativmedizin oder Tropenmedizin.

Welche Voraussetzungen muss ein Allgemeinarzt dafür mitbringen?

Mit der Facharztanerkennung Allgemeinmedizin kann der Allgemeinarzt alle ihm offenstehenden Zusatzqualifikationen erwerben.

Welche Unterschiede gibt es in den einzelnen Ländern, was z. B. Weiterbildungszeit und Voraussetzungen angeht?

Die Bundesärztekammer setzt sich für eine größtmögliche, bundeseinheitliche Umsetzung der MWBO in den jeweiligen Landesärztekammern ein. Gleichwohl kann es – dokumentiert in den Weiterbildungsordnungen der Länder – ggf. inhaltliche Unterschiede geben. Diese sind auf den Internetseiten aller Landesärztekammern abrufbar.

Bei der MWBO (bzw. den ergänzenden MRiLi) der Bundesärztekammer handelt es sich dagegen um eine sogenannte Muster-Ordnung, die den Landesärztekammern als umzusetzende Vorlage dient.

Nicht immer lassen sich allein durch die Zusatzbezeichnung vertragsärztliche Leistungen abrechnen. Was empfehlen Sie?

Bei der MWBO handelt es sich in erster Linie um eine Bildungsordnung. Grundsätzlich ist zu empfehlen, dass sich der Hausarzt vorab umfassend bei seiner Landesärztekammer, der regionalen Kassenärztlichen Vereinigung und gegebenenfalls bei Kollegen informiert.

Worauf muss der Allgemeinarzt bei der Weiterbildungszeit achten, insbesondere, wenn er als Vertragsarzt arbeitet?

Die Weiterbildungszeit zum Erwerb der Bezeichnungen richtet sich nach den jeweiligen Bestimmungen der Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern. Zu berücksichtigen ist, dass es sich bei den Weiterbildungszeiten um Mindestzeiten handelt. Sofern nichts anderes für die jeweilige Zusatzbezeichnung geregelt ist, wird die diesbezügliche Weiterbildung unter verantwortlicher Leitung der von der Ärztekammer befugten Ärzte in einer zugelassenen Weiterbildungsstätte durchgeführt.

Ganz wichtig ist der Hinweis, dass ärztliche Weiterbildung auch in Teilzeit möglich ist. Zum Umfang und den sonstigen Anforderungen sind die Regelungen in den jeweiligen Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern zu beachten. Die Weiterbildung in Teilzeit kann Ärzten in Praxen gegebenenfalls den Erwerb von Zusatzqualifikationen ohne Unterbrechung ihrer Erwerbsbiographie ermöglichen.

Welche weiteren Zusatzbezeichnungen sind in der Pipeline, die für Hausärzte interessant sein könnten?

Im Rahmen der aktuellen Novellierung der (Muster-) Weiterbildungsordnung wurden auch neue Zusatzbezeichnungen beantragt. Die Beratungen hierzu – einschließlich der Voraussetzungen des Erwerbs – werden in diesem Jahr geführt, sind aber derzeit noch nicht abgeschlossen. Zu den eingebrachten Vorschlägen für Zusatzbezeichnungen, die gegebenenfalls auch Fachärzten für Allgemeinmedizin offenstehen könnten, gehören beispielsweise Ernährungsmedizin, Klinische Notfall- und Akutmedizin, Lymphologie und Sexualmedizin.



Das Interview führte:
Angela Monecke

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 75