Das Bundesverfassungsgericht (BVG) zwingt mit seiner Entscheidung vom 19. Dezember 2017 Bund und Länder zu einer Änderung des Zulassungsverfahrens zum Medizinstudium. Vom Tisch ist der Numerus Clausus für das Medizinstudium damit nicht, doch die derzeitigen Vorschriften zur Vergabe von Medizinstudienplätzen an staatlichen Hochschulen erklärte das BVG für teilweise mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Prof. Dr. Reinhold Klein, niedergelassener Allgemeinarzt und Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der TU München, kommentiert das Urteil.

Auf einen Studienplatz kommen derzeit 5 bis 6 Bewerber. Bisher läuft die Vergabe zu 20 % über die besten Schulnoten, zu 20 % über Wartezeit und zu 60 % über ein Auswahlverfahren bei den Universitäten. Bei Letzteren spielt die Abiturnote – wegen des geringen Aufwandes – ebenfalls eine herausragende Rolle. Die Wartezeit liegt derzeit bei über 7 Jahren, was meines Erachtens die Grenze des Zumutbaren überschreitet.

Einige Universitäten ziehen weitere Kriterien wie zum Beispiel soziales Engagement heran. Auswahlgespräche sind die Ausnahme, da diese von größeren Fakultäten personell kaum zu schultern sind. Die vom Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Frank Ulrich Montgomery, geforderten Assessmentcenter könnten das wohl leisten. Allerdings binden sie sehr viel Kapital, das meiner Ansicht nach sinnvoller für den Ausbau der universitären Kapazitäten investiert werden sollte.

Sind Einser-Abiturienten die besseren Ärzte?

Neben der vom Bundesverfassungsgericht thematisierten Problematik der Vergleichbarkeit von Abiturnoten, z. B. in verschiedenen Bundesländern, stellt sich die Frage, ob Schulnoten ein geeignetes Kriterium sind, etwas über die Eignung für den künftigen Arztberuf auszusagen. Sie sind wohl prädiktiv bezüglich des Studienerfolgs, sagen aber meiner Meinung nach wenig darüber aus, ob die Kandidatin/der Kandidat künftig eine gute Ärztin/ein guter Arzt wird.

Ich bin inzwischen seit 32 Jahren als Hausarzt tätig und kenne daher die Versorgungssituation aus nächster Nähe. Ich frage mich: Welches Zulassungssystem wird der Versorgungsrealität gerecht? Was brauchen meine Patientinnen und Patienten?

Meine Patienten brauchen mehr Ärzte

Die Zulassungszahlen zum Medizinstudium stagnieren seit Jahrzehnten – aber der Bedarf an ärztlicher Versorgung steigt aufgrund der Multimorbidität einer immer älter werdenden Gesellschaft. Diese prekäre Situation wird noch dadurch weiter verschärft, dass die neue "Y-Medizinergeneration" deutlich weniger arbeiten möchte. Work-Life-Balance ist den jungen Menschen heute – im Gegensatz zur Einstellung der "Baby-Boomer" – überaus wichtig. Dies ist grundsätzlich ein Fortschritt und zu begrüßen. Aber natürlich kommt es auch aus diesem Grund zu einem Rückgang insgesamt geleisteter ärztlicher Arbeitszeit.

Wie ich aus meiner ehrenamtlichen Lehrtätigkeit weiß, sind die Universitäten sowohl personell als auch räumlich am Limit. Dazu kommt, dass es aufgrund der kürzeren Verweildauer immer schwieriger wird, geeignete Patienten für die praktische Ausbildung zu rekrutieren. Hier müssen personell und räumlich die Kapazitäten deutlich ausgebaut werden. Das wird viel Geld kosten, ist aber meines Erachtens dringend nötig.

Erst wollen alle Medizin studieren – und dann will keiner Arzt werden

Es bestehen begründete Zweifel, ob das bisherige Auswahlverfahren Kandidaten selektiert, die den Versorgungsbedarf decken. Einser-Abiturienten werden möglicherweise später häufiger einen theoriebezogenen Weg, eine wissenschaftliche Tätigkeit, das Klinikmanagement etc. wählen. Laut einer Umfrage des Nachrichtenmagazins Focus können sich derzeit 38 % der Medizinstudierenden eine praxisferne Tätigkeit vorstellen. Die "Medizinertests" prüfen ebenfalls schwerpunktmäßig Fähigkeiten wie Abstraktion, räumliche Vorstellungen etc., sind also wie die Abiturnote einseitig auf kognitive Qualitäten ausgerichtet.

Ein neues Auswahlverfahren sollte auf die bereits im NKLM (Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin 2015) geforderten Kompetenzen abheben. Unter anderem sind das: kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit, Verantwortung, Professionalität, Empathie (Gesundheitsberater und -fürsprecher). Hier gilt es, einen spezifischen Persönlichkeitstest zu entwickeln, vielleicht ähnlich wie beim Eignungstest für Piloten. Womöglich gelingt es auf diese Weise, Kandidaten für das Medizinstudium auszuwählen, die sich später als Ärzte für Versorgungsaufgaben begeistern.

Männerquote für Chirurgen?

Die Medizin wird "weiblich", das ist Fakt. Da Mädchen im Durchschnitt in der Schule erfolgreicher sind als ihre männlichen Kollegen, sind inzwischen etwa zwei Drittel aller Medizinstudierenden Frauen. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Versorgungslage. Die Studierenden können frei entscheiden, ob und welchen Weiterbildungsgang sie wählen. Dabei haben Männer und Frauen unterschiedliche Präferenzen. Typische "Frauenfächer" sind Pädiatrie (75 % Frauen) und Gynäkologie (83 % Frauen), dagegen sind sie in den Fächern Urologie (32 % Frauen), Allgemeinchirurgie (32 % Frauen), Neurochirurgie (21 % Frauen), Orthopädie und Unfallchirurgie (27 % Frauen) deutlich unterrepräsentiert. Auch Kardiologinnen und Gastroenterologinnen sind eher selten. Aufgrund der "weiblichen Medizin" ist künftig eine Unterversorgung in vielen operativen Fächern zu befürchten. Besonders dramatisch dürfte dies in der operativen Orthopädie und Unfallchirurgie werden, da der Bedarf an Endoprothetik aufgrund der demografischen Entwicklung künftig sicher steigen wird. Zur Sicherung der Versorgung in diesem Bereich ist daher vom neuen Zulassungssystem zu fordern, dass es die derzeitige "Gender-Dysbalance" beseitigt – und sei es mittels einer Männerquote.


Literatur
1) Urteil Bundesverfassungsgericht vom 19.12.2017 AZ: 1 BvL 3/14 und 1 BvL 4/14
2) J. Freyschmidt FAZ 6.3.2017 "Brauchen Ärzte eine Männerquote für`s Medizinstudium?"
3) Focus online
4) Bundesärztekammer Ärztestatistik zum 31.Dezember 2016
5) Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin 2015



Autor:

Prof. Dr. med. Reinhold Klein

85235 Pfaffenhofen a. d. Glonn

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (3) Seite 38-39