Zahlreiche Laborparameter sind aus der Routine-Diagnostik nicht mehr wegzudenken. Doch trotz stetig wachsender Präzision und technischer Möglichkeiten in der modernen Diagnostik sollte immer wieder kritisch hinterfragt werden, was Laborwerte aussagen können – und was nicht. Folgende Übersicht zu in Praxis und Notfalldiagnostik besonders relevanten Parametern soll helfen, häufige Interpretationsfehler zu vermeiden und Quellen falsch positiver und falsch negativer Resultate im Hinterkopf zu haben.

Ein zentrales, sämtliche Laborparameter betreffendes Problem ergibt sich aus der Frage: Was ist normal? Referenzbereiche stellen letztlich eine statistisch begründete Festlegung dar: Es ist der Bereich, innerhalb dessen sich 95 % der Messwerte von mind. 120 Personen aus einer gesunden Population befinden. Ob diese Personen wirklich repräsentativ oder gesund sind, lässt sich aufgrund der oftmals nur kurzen Fragebögen nicht mit Sicherheit sagen. Normwertig ist daher nicht gleichzusetzen mit Gesundheit. Ein Wert außerhalb des Referenzbereiches muss dagegen nicht zwangsläufig Krankheit bedeuten, da der Normbereich per definitionem 10 % der gesunden Population ausschließt, schreiben Berner Kollegen in der Zeitschrift praxis [1].

Kreatinin – ein Schätzwert der Nierenfunktion

Kreatinin ist ein Metabolit des muskulären Energiestoffwechsels, der mit einer konstanten, aber sehr individuellen Rate über den Urin ausgeschieden wird, die von zahlreichen Faktoren abhängt – wie Muskelmasse (Cave Diabetiker, Z. n. ausgedehnten Amputationen, Kachexie), Geschlecht, körperlicher Aktivität und Alter. Auch Medikamente (Opiate, Diuretika) können den Kreatinin-Spiegel erhöhen. Ein normwertiges Kreatinin schließt zudem Einschränkungen der Nierenfunktion nicht aus, weil es erst ab einer Reduktion der GFR um etwa 50 % ansteigt.

Abdominelle Schmerzen – was sagen uns Amylase, Lipase und β-HCG?

Bauchschmerzen gehören zu den häufigeren Gründen einer Vorstellung beim Hausarzt und geben bei Frauen oft Anlass zur Durchführung eines Schwangerschaftstests. Aber Vorsicht: Auch bei normwertigem ß-HCG kann eine (Früh-)Schwangerschaft bestehen und erhöhte Werte können z. B. auch Hinweis auf einen Keimzelltumor oder ein Ovarial-, Mamma-, Bronchus- oder Nierenzellkarzinom sein. Als Labormarker einer Pankreatitis gilt landläufig eine Erhöhung von Amylase und Lipase (bevorzugt, da sensitiver und spezifischer). Deren Erhöhung kann jedoch auch ausbleiben oder auf andere abdominelle Pathologien hindeuten (Amylase: Ulcera, ektope Schwangerschaft, Hepatopathien, Darmischämie, diabetische Ketoazidose, Alkoholintoxikation; Lipase: Niereninsuffizienz, pankreatotoxische Medikamente, Heparin-Therapie).

Kalium – Vorsicht: falsch hohe Werte

Geringe Schwankungen der Kalium-Serumkonzentration können zu Notfällen, etwa Herzrhythmusstörungen, führen. Doch neben den echten, dringend behandlungsbedürftigen Hyperkaliämien, wie sie durch Niereninsuffizienz, Medikamente, Verbrennungen oder Rhabdomyolyse zustande kommen, gibt es Pseudohyperkaliämien, deren "Korrektur" dem Patienten schaden kann. Gern übersehene Ursache falscher Werte ist eine Hämolyse (fast immer durch präanalytische Fehler bedingt, wie zu langes Stauen, zu hoher Unterdruck beim Abnehmen, zu langes Stehenlassen der Probe) oder auch die Übertragung von EDTA- in Heparinröhrchen.

(Hoch sensitives) Troponin – Goldstandard, aber nicht unfehlbar

Der Preis der verbesserten Troponin-Sensitivität (hs-Troponin) zur Diagnostik eines akuten Koronarsyndroms sind falsch positive Resultate, die unnötige Nachkontrollen und im schlimmsten Fall einen Rattenschwanz an Abklärungen nach sich ziehen. Diese sind durch Hämolyse, heterophile Antikörper, Makrotroponin, Infektionen, Schädel-Hirn-Trauma, Herz-, Lungen-, Leber- und Nierenpathologien (Cave: Troponin wird renal eliminiert) ebenso zu beobachten wie im Alter oder durch körperliche Anstrengung.

Umgekehrt ist bei unauffälligem Erstwert und entsprechender Klinik eine Kontrolle obligat, da die Herzenzyme in den ersten Stunden nach Infarkt (noch) normal sein können. Kein Troponin-Anstieg ist außerdem bei instabiler AP zu erwarten.

Thrombosen und Gerinnungsstörungen

D-Dimere haben eine hohe Sensitivität, aber keine Spezifität für thrombotische Ereignisse. Sie können auch im Rahmen von Operationen, Traumata, Infektionen, Malignomen, bei Vorhofflimmern, Nieren- und Lebererkrankungen, Schwangerschaft und im Alter erhöht sein. Wichtig ist daher die Berücksichtigung der klinischen Thrombosewahrscheinlichkeit (z. B. Wells-Score)!

Bei zu früher oder zu später Bestimmung und kleinen oder peripheren Thrombosen können die D-Dimere unauffällig bleiben.

Am anderen Ende des Spektrums, bei der Abklärung von Gerinnungsstörungen, steht die aPTT.Was gern vergessen wird: Die Hälfte der PTT-Verlängerungen ist durch einen Faktor-XII-Mangel oder Vorliegen von Lupus-Antikoagulans bedingt. Hier zeigt die im Labor nahezu ungerinnbare aPTT keine vermehrte Blutungsneigung an, sondern evtl. sogar eher eine Thrombophilie! In solchen Fällen hilft ein Plasma-Misch-Versuch weiter.

Laktat als Hypoxie-Marker?

Dieses gern unterschätzte Molekül fällt überall dort an, wo eine Sauerstoffschuld entsteht, und gilt als wichtiger Marker für Leistungsdiagnostik und hypoxische Zustände (Kreislaufinsuffizienz, Sepsis, Krampfanfall, Trauma). Doch auch ein reduzierter hepatischer Abbau kann für erhöhte Werte sorgen. Neben Hypoxien verursachen auch Medikamente (Metformin, β2-Sympathomimetika), Toxine (Alkohol, Kokain), Leberzirrhose und Malignome eine Hyperlaktatämie.

Fazit für die Praxis
Neben den praktisch vielleicht relevantesten, hier vorgestellten könnte die Liste um weitere Laborparameter fortgesetzt werden. Die Botschaft: Laborwerte sollten stets im klinischen Kontext interpretiert und kritisch hinterfragt werden.


Literatur:
1) S. Jegerlehner et al.: Mythen und Missverständnisse in der Notfall-Labormedizin – Treat the Patient, not the Blood Test; Praxis 2017; 106 (23):1273 – 1277



Autorin:
Dr. med. Sophie Christoph

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (11) Seite 20-21