Seit nunmehr 12 Jahren befragt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) einmal jährlich rund 6.000 Bürger, welchen Eindruck sie von den niedergelassenen Ärzten und unserem Gesundheitssystem haben. In der aktuellen Versichertenbefragung ging es vor allem darum, zu zeigen, dass es bei den Wartezeiten auf einen Arzttermin keine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt und dass der persönliche Arztkontakt das Maß aller Dinge bleibt – trotz des allgegenwärtigen Trends zur Digitalisierung.

Dass mehr als 90 % der Bürger der ambulanten medizinischen Versorgung in Deutschland ein hohes oder sehr hohes Vertrauen entgegenbringen, gehört schon fast zum guten Ton der KBV-Versichertenbefragung und veranlasste den KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Gassen bei der Präsentation der Ergebnisse zu dem Spruch: "Und täglich grüßt das Murmeltier." Kurz gesagt, die hohen Zufriedenheitswerte kamen nicht ganz überraschend, kommen der KBV aber sicher nicht ungelegen, wenn sie mit der Politik über die Zukunft des KV-Systems verhandeln muss.

Flankiert wird das Vertrauensverhältnis der Patienten der Studie zufolge durch die fachliche Fähigkeit der Ärzte. Wie schon im Vorjahr wird die medizinisch-therapeutische Leistung des Arztes von 49 % der Befragten als "sehr gut" bezeichnet, 43 % urteilten mit "gut" und nur 3 % mit "weniger gut". Lediglich 1 % der Versicherten war beim letzten Praxisbesuch mit dem Arzt "überhaupt nicht" zufrieden.

Kaum Kritik an zu langen Wartezeiten

Wegen der seit geraumer Zeit immer wieder aufflammenden Diskussion um eine Zwei-Klassen-Medizin und die vermeintlich unterschiedliche Behandlung von privat und gesetzlich Versicherten wurden die Ergebnisse zu den Wartezeiten auf einen Arzttermin mit besonderem Interesse erwartet. Doch hier gibt die Studie Entwarnung, zumindest sieht die KBV dies so. Denn: Mehr als die Hälfte der Befragten berichtete, dass sie nicht länger als 3 Tage auf einen Termin beim Arzt warten mussten. 45 % wurden noch am selben Tag behandelt, 15 % warteten maximal 3 Tage auf einen Termin (Abb. 1, 2, 3). Allerdings kann man diese Zahlen auch anders interpretieren: Denn etwa jeder 3. Befragte gab an, dass er auch mit akuten Beschwerden länger als 3 Tage auf eine Behandlung warten musste. Bei den Hausärzten mussten übrigens nur 11 % so lange warten, bei den Spezialisten hingegen 61 %. Tatsächlich habe die Wartezeit auf Termine beim Spezialisten laut Befragung leicht zugenommen. Danach gaben 32 % der Befragten (4 % mehr als im Vorjahr) an, länger als 3 Wochen auf einen Termin gewartet zu haben. Auf einen Hausarzt-Termin mussten dagegen nur 4 % (1 % weniger als im Vorjahr) über 3 Wochen warten.

In diesem Zusammenhang ist ganz interessant, dass mehr Privatpatienten als gesetzlich Versicherte angaben, dass sie länger als einen Tag auf ihren letzten Arzttermin warten mussten. Also: kein Hinweis auf ein Zwei-Klassen-System? Nicht unbedingt, denn bei den Wartezeiten jenseits von 3 Wochen schnitten Kassenpatienten deutlich schlechter ab: 16 % von ihnen mussten länger als 21 Tage warten, bei den Privatversicherten waren es nur 10 %.

Digitalisierung ja, aber …

Nach digitalen Versorgungsangeboten befragt, zeigten sich die Teilnehmer von Fokusgruppen grundsätzlich aufgeschlossen, wiesen aber zugleich darauf hin, dass sie den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt nicht missen möchten. Die Patienten fühlten sich durch Informationen aus dem Internet zwar gestärkt, aber sie wünschten sich "einen fachkundigen Menschen an ihrer Seite, der ihnen hilft, die Flut der Daten zu analysieren und einzuordnen", so interpretiert der KBV-Chef die Ergebnisse. Die vorherrschende Meinung sei, die digitalen Angebote sollten den persönlichen Kontakt zum Arzt unterstützen, aber niemals ersetzen. Dies gelte sowohl für Gesundheits-Apps als auch für die Videosprechstunde. Gassen würde sogar behaupten, dass die Rolle des Arztes und der sprechenden Medizin in Zukunft eher zu- als abnehmen wird. "Vereinfacht könnte man sagen: Digitalisierung ja, aber nicht ohne meinen Arzt!", meinte Gassen.

Weniger Sturm auf Ambulanzen

Ein positiver Trend zeichnete sich in der Befragung ab, wenn es darum geht, wohin sich Menschen mit Beschwerden außerhalb der regulären ärztlichen Sprechstunden wenden. Danach steuern immer weniger Patienten die Notaufnahmen der Krankenhäuser an, sondern 53 % wenden sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder gehen zum Hausarzt. Direkt ins Krankenhaus gehen den Angaben nach 33 % – immerhin 14 Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor. "Offensichtlich trägt unsere intensive Kommunikation über den Bereitschaftsdienst als erste Anlaufstelle außerhalb der Praxisöffnungszeiten erste Früchte", kommentierte KBV-Chef Gassen diese Zahlen und kündigte für 2019 eine große Kampagne an, um die bundesweite Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 sowie den damit verbundenen Service noch stärker im Bewusstsein der Bürger zu verankern.

Das Fazit, das die KBV aus der aktuellen Versichertenbefragung zieht, fällt jedenfalls eindeutig aus und wird gleich mit einem Appell an die Politik verknüpft: "Unser ambulantes System ist gut!" Ärzte seien als persönliche Ansprechpartner für die Menschen unersetzlich. Deshalb täten Politik und Krankenkassen gut daran, die Arbeitsbedingungen der Niedergelassenen zu erleichtern und endlich die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, statt die Ärzte und Psychotherapeuten mit ständig neuen Vorgaben und Eingriffen zu vergraulen.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (17) Seite 26-28