Ventilationsstörungen der Tuba auditiva oder Eustachischen Röhre können zu unterschiedlichen Symptomen führen. Ist die Öffnung der Ohrtrompete behindert, empfinden die Patienten ein Druck- oder Völlegefühl im Ohr, oft begleitet von Ohrenschmerzen und Knacken beim Schlucken. Viel seltener ist die "klaffende Tube", die zu der sehr unangenehmen Autophonie, dem lauten Hören der eigenen Stimme, führt.

Fall 1:

Der 53-jährige Patient arbeitet in einer klimatisierten Montagehalle. Er berichtet von unangenehm rechtsseitig ziehenden Ohrenschmerzen seit vier Wochen. Dabei höre er geringfügig schlechter und leide unter einem sehr lästigen Völlegefühl im Ohr, wie „wenn Wasser drinnen wäre“. Otoskopisch sind hinter dem Trommelfell mit leicht geröteten Hammergriffgefäßen Luftblasen sichtbar, die sich beim erschwerten Valsalvamanöver umverteilen. Das Nasenseptum ist in seinem vorderen Anteil funktionell einschränkend nach links verkrümmt. Bei regelrechten Rinne-Versuchen wird der Scheitelton im Weber-Versuch (Abb. 1) als Hinweis auf eine leichte Schallleitungsschwerhörigkeit in das erkrankte Ohr lateralisiert. Im ergänzend veranlassten koronaren CT der Nasennebenhöhlen (NNH), des Nasenrachenraumes (NRR) und des Felsenbeins ist der Epipharynx frei. Es zeigt sich aber eine fast vollständige Entzündung des rechten Warzenfortsatzes unter Einbeziehung der gleichseitigen Paukenhöhle (Abb. 2).

Fall 2:

Die vitale 76-jährige Rentnerin berichtet von einem schon jahrelang bestehenden Ohrproblem, „das mich seelisch arg belastet“. Ihr Gehör sei sehr gut, laute Geräusche empfinde sie regelrecht unangenehm. Deswegen störe es sie am meisten, die eigene Stimme fast ununterbrochen selber im Ohr zu hören. Zudem habe sie tagsüber ein Druckgefühl in beiden Ohren, das im Liegen sofort verschwinde, und deshalb lege sie sich auch tagsüber häufig hin. Ohren und Nase sind ebenso unauffällig wie die otologischen Funktionsproben und das ein wenig später durchgeführte CT (NNH/NRR). Beim Kieferchirurgen findet sich eine behandlungswürdige Fehlfunktion des linken Kiefergelenkes. Zielführend ist jedoch die endoskopische Rhino-Pharyngoskopie in einer nahegelegenen HNO-Klinik, bei der freie, klaffende Tubenwülste beschrieben werden.

Was verbindet und unterscheidet beide Patienten?

Die beiden Patienten haben ein gegensätzliches Problem mit der 3 bis 4 cm langen Tuba auditiva (Eustachische Röhre, Ohrtrompete) [1], die die Paukenhöhle und das Mastoid einerseits mit dem NRR, der Nase und den NNH andererseits verbindet. Die Protektion des Mittelohrs vor Keimen und seine Abschirmung vor dem Widerhall körpereigenen Schalls (Sprech- oder Atemgeräusche), die Paukendrainage von Sekreten sowie die intermittierende Ventilation zwischen dem Paukenraum und der Außenwelt sind ihre Aufgaben [2, 4, 5]. Sie ist im Ruhezustand überwiegend geschlossen und öffnet sich beim Schlucken, Gähnen oder Niesen für wenige Millisekunden, insgesamt 3 bis 4 min pro Tag [1, 4, 6]. Ventilationsstörungen der Ohrtrompete können sowohl durch Verschluss oder Verlegung, aber auch durch das wesentlich seltenere Offenbleiben verursacht werden.

Beschwerden und Auslöser

Ein akut gestörter Öffnungsmechanismus der Ohrtrompete ("Tubenkatarrh") führt zu einem negativen Druck im Paukenraum mit konsekutiver Funktionseinschränkung der Ossikelkette. Der Betroffene bemerkt ein Druckgefühl im erkrankten Ohr, das von einer leichten, dumpfen Hörminderung, einem Rauschen oder einem inkonstant auftretenden Knacken beim Schlucken begleitet sein kann. Hauptursachen einer passageren, adulten Tubenöffnungsstörung sind im hausärztlichen Alltag viral, bakteriell oder allergisch verursachte Entzündungen im Bereich der Nase, der NNH und des NRR.

Ein prolongierter oder rezidivierend gestörter Öffnungsmechanismus der Ohrtrompete (Fall 1) setzt ständige oder wiederkehrende entzündliche Veränderungen in der Nase, dem NRR und/oder den NNH voraus. Neben infektiös oder allergisch bedingten Ursachen gibt es weitere relevante Auslöser. Verschlechterungen der nasalen Konditionierungsleistungen durch Rauchen, regelmäßige Schadstoffinhalationen am Arbeitsplatz oder eine zu trockene Umgebungsluft können ebenso wie endonasale Strömungsbehinderungen (Verbiegungen oder Defekte der Nasenscheidewand, siehe Fall 1 mit Abb. 2) über die sekundär entstehende und dann in den Epipharynx fortgeleitete Entzündung zur wiederholten oder dauernden Tubenventilationsstörung führen. Der primär entstandene Unterdruck im Mittelohr führt zum Paukenerguss, einer Transsudation von seröser Flüssigkeit ("Serotympanon") in die Paukenhöhle bis hin zu den Zellen des Warzenfortsatzes.

Ein chronisch gestörter Öffnungsmechanismus der Ohrtrompete liegt bei einem mehr als drei Monate [10] bestehenden Paukenerguss vor. Infolge einer Metaplasie entwickeln sich Becherzellen, durch deren Schleimbildung ("Seromukotympanon") die Entwicklung chronischer Mittelohrprobleme angebahnt werden kann [11, 12]. Patienten mit einem Paukenerguss beklagen ein sehr lästiges "Völlegefühl" im Ohr [7], das mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Hörminderung und individuell unterschiedlichen Ohrenschmerzen oder Druckempfinden verbunden ist.

Ein gestörter Verschlussmechanismus der Ohrtrompete, die "klaffende Tube" (Fall 2), ist viel seltener als die Tubenöffnungsstörungen. Ursächlich werden Faktoren angenommen [2, 4], die den Turgor und/oder die Funktion des peritubaren Gewebes oder der Gaumensegelmuskulatur funktionell beeinflussen können: starker Gewichtsverlust (Altersmarasmus, Tumorkachexie), Strahlenbehandlungen im Schädelbereich, Hormonstörungen (Schwangerschaft), neuromuskuläre oder Kiefergelenkerkrankungen und Medikamente (Diuretika, Kontrazeptiva).

Betroffene beschreiben ein Druckgefühl auf den Ohren, das sich nach dem Aufstehen und bei körperlicher Anstrengung verstärkt, im Liegen oder bei Kopftieflage verbessert, wohl durch Zunahme des Gewebedrucks [9] in der Umgebung der Tube. Als psychisch deutlich belastender [8] wird die Autophonie empfunden: Neben atemsynchronen Ohrgeräuschen wird die eigene Stimme störend laut und dröhnend gehört. Das subjektive Hörvermögen ist normalerweise nicht verändert.

Hausärztliche Therapieoptionen

Die hausärztlichen Untersuchungsmöglichkeiten sind begrenzt. Sie umfassen die Inspektion von Ohr, Nase und Mundhöhle, die Stimmgabelversuche nach Weber und Rinne sowie tubenrelevante Funktionsproben (Valsalvamanöver). Eine zielführende Diagnose kann deshalb nur in der Zusammenschau von Anamnese, Klinik und Symptomatik (Tabelle 1) gestellt werden.

Tritt der akute "Tubenkatarrh" im Rahmen eines Infektes, meist einer Rhinosinusitis, auf, macht eine abgestufte, leitliniengerechte Behandlung mit antikongestiven oder kortisonhaltigen Rhinologika, oralen phytotherapeutischen Zubereitungen, Kopfdampfbädern mit ätherischen Ölen, im Bedarfsfall auch mit Antibiotika, Analgetika und Antipyretika Sinn [12, 13, 18]. Aber Vorsicht: Im akuten Infektionsfall sind Valsalvamanöver wegen der Gefahr einer Keimverschleppung in das Mittelohr kontraindiziert.

Anders ist es bei der länger andauernden Tubenventilationsstörung mit Entwicklung eines Sero- oder Seromukotympanons. Wenn nach entsprechender Vorbehandlung keine vollständige Besserung erzielt wurde, können dem Patienten noch ergänzende Tubendurchblasmanöver ("Autoinsufflationsbehandlung") mit entsprechenden Geräten (Abb. 3) empfohlen werden [14, 15, 16, 17].

Die Therapieoptionen bei "klaffender Tube" sind unbefriedigend. Weil die Symptome psychisch meist erheblich belasten, ist eine Erläuterung der kausalen und funktionellen Zusammenhänge entscheidend. Daneben macht eine Überprüfung des Medikamentenregimes (Diuretika) und die Korrektur vorhandener Kiefergelenkfunktionsstörungen Sinn. Als Selbstbehandlungsmaßnahmen können dem Betroffenen neben ausreichender Flüssigkeitszufuhr und optimaler Nasenpflege nur noch das häufige Hinlegen und das Tragen eines straffen Halstuchs (Reduzierung des venösen Rückstroms, Erhöhung des Gewebedrucks) empfohlen werden. Sehr gute Erfolge wurden auch durch eine spezielle Physiotherapie des kranio-zervikalen Muskelgefüges unter gleichzeitiger Anpassung einer zahnärztlichen Aufbissschiene beschrieben [2], entsprechend geschulte Physiotherapeuten vorausgesetzt. Schließlich werden in spezialisierten Zentren unterschiedlichste operative Maßnahmen angeboten, die eine abgestufte Obstruktion der Ohrtrompete zum Ziel haben.

Abwendbar gefährliche Verläufe

Eine unproblematische Tubenventilationsstörung ohne Paukenerguss bessert sich spontan oder nach medikamentös-konservativer Behandlung [6] innerhalb weniger Wochen. Wird die Ventilationsstörung durch einen Paukenerguss kompliziert, kommt es bei 28 % der Erkrankten in drei Monaten zur Ausheilung [12]. Spätestens bei Überschreitung dieses Zeitfensters ist die Vorstellung beim HNO-Arzt zur Erweiterung der Diagnostik (Audiometrie, Tympanometrie, Endoskopie, Allergietestung, ggf. CT von NNH/NRR/Felsenbein) sinnvoll. Das Ziel besteht zum einen in der Verhinderung einer chronischen Mittelohrerkrankung (chronische Otitis seromucosa, Adhäsivprozesse, Cholesteatomentstehung). Zum anderen darf ein maligner Epipharynxtumor (Abb. 4) nicht übersehen werden, der sich häufig nur durch eine hartnäckige Tubenventilationsstörung bemerkbar macht. Auch wenn die Inzidenz dieser Tumoren (unter 1:100 000) gering ist [6], kann die entsprechende Überlegung im Einzelfall lebensrettend sein.


Literatur
1) Ockermann, Th. Die Ballondilatation der Eustachischen Röhre zur Behandlung der obstruktiven Tubendysfunktion. Medizinische Dissertation Universität Bochum 2010
2) Wenzel S. Mechanik der Tuba auditiva – Neue Konzepte zur Behandlung der klaffenden Tube. In: Norddeutsche Gesellschaft für Otorhinolaryngologie und zerfikofaziale Chirurgie (Hrsg.) Mitteilungen 2007: 63 - 65 Verlag Matthias Oehmke Rostock-Bentwisch
3) Schulze A, Zahnert T. Differenzialdiagnostik der Hörstörungen. Laryngo-Rhino-Otol 2014; 93: 689 - 715
4) Schröder S, Lehmann M, Sudhoff H, Ebmeyer J. Das Syndrom der klaffenden Tube – neue chirurgische Therapieansätze. HNO 2013; 61: 1017 - 1025
5) Leuwer R. Diagnostik zur Unterscheidung zwischen chronischer Tubenobstruktion und einer klaffenden Tube. HNO 2014; 62: 159
6) Sproat R, Burgess C, Lancaster T, Martinez-Devesa P. Eustachian tube dysfunction in adults. BMJ 2014; 348: g1647
7) Park MS, Lee HY, Kang HM, Ryu EW, Lee SK, Yeo SG. Clinical manifestations of aural fullness. Yonsei Med J 2012; 53(5): 985 - 991
8) Gronemeyer B. Mit entspannten Muskeln normal hören. Physiopraxis 2005; 3 (11/12): 28 - 31
9) Zenner HP. Praktische Therapie von Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten. Schattauer Verlagsgesellschaft Stuttgart 1993
10) Werner JA, Lippert BM. HNO-Heilkunde. Schattauer GmbH Stuttgart New York 2003
11) Zbären P. Lehrbuch der Otoskopie. Verlag Hans Huber Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 1994
12) Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf und Hals-Chirurgie (Hrsg). Leitlinie Seromukotympanum. AWMF-Register Nr. 017/004 www.awmf.org/leitlinien.htmlwww.awmf.org/leitlinien.html (zuletzt eingesehen am 06. 01. 2015)
13) Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Hrsg.) DEGAM Leitlinie 10 Rhinosinusitis. www.degam.de/leitlinien.htmlwww.degam.de/leitlinien.html (zuletzt eingesehen am 06. 01. 2015)
14) Brandl H, Kainzinger W. Zur Prävention der Barotitis in der Druckkammer. FTR 2007; 14(4): 201 – 202
15) Meyer F. Notfall Barotrauma. Wenn Druck krank macht. Der Allgemeinarzt 2005; 27(7): 40 - 43
16) Arick DS, Silman S. Treatment of otitis meda with effusion based on politzerization with an automated device. Ear Nose Throat J. 2000; 79(4): 290 - 292, 294, 296 passim
17) Strutz J, Mann W. Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie. 2. Auflage Georg Thieme Verlag KG Stuttgart 2010
18) Arzneimittelkommision der deutschen Ärzteschaft (Hrsg.) Empfehlungen zur Therapie akuter Atemwegsinfektionen und der ambulant erworbenen Pneumonie. Arzneiverordnung in der Praxis, Band 40, Sonderheft 1, 3. Auflage 2013



Autor:

Dr. Fritz Meyer

Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Sportmedizin, Ernährungsmedizin (KÄB)
86732 Oettingen/Bayern

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (3) Seite 50-55