Ärzte gehen immer seltener auf Hausbesuche. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke. Über die Gründe wird nun heiß diskutiert. Unter Verdacht steht dabei vor allem die Androhung von Regressen, wenn Hausärzte "zu viele" Hausbesuche machen.

Gab es 2009 bundesweit noch 30.336.005 Hausarztbesuche bei gesetzlich Versicherten, waren es 2016 nur noch 25.196.682. Das sind die konkreten Zahlen der Bundesregierung, die sie auf die Frage der Partei Die Linke veröffentlicht hatte. Für das Jahr 2017 liege bisher lediglich eine Hochrechnung vor. Demnach ist die Zahl der Hausbesuche sogar unter die 25-Millionen-Grenze gefallen.

Unterschiede von Land zu Land

Im Bundesdurchschnitt liegt die Zahl der Hausbesuche je Arzt bei 484. Von Bundesland zu Bundesland gibt es allerdings erhebliche Unterschiede. So leisteten Hausärzte im Saarland im Jahr 2017 894 Hausbesuche pro Arzt. Die Hausärzte in Brandenburg dagegen machten nur 390 und in Bremen gar lediglich 342 Hausbesuche. Auch in Baden-Württemberg lag die Zahl der Hausbesuche mit 379 unter dem Schnitt. Hier könnte allerdings eine Rolle spielen, dass Hausbesuche, die im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) durchgeführt werden, nicht in die Statistik einfließen. Das gilt im Übrigen auch für Hausbesuche von VERAH und NäPa.

50.000 Euro Regress für Landarztpraxis

Möglicherweise ist der Rückgang der Hausbesuche also gar nicht so drastisch, wie es auf den ersten Blick erscheint. Als Hauptursache für die sinkenden Zahlen hat der Gesundheitsexperte der Linkspartei, Achim Kessler, allerdings die Sorge vieler Hausärzte ausgemacht, dass sie Rückzahlungen leisten müssen, wenn sie zu viele Hausbesuche machen: Problematisch seien nicht die wenigen Fälle, wo Hausärzte Rückzahlungen leisten müssen, sondern gravierend sei die Höhe der Rückzahlung. Als Beispiel nannte er eine Landarztpraxis in Nordhessen, die im April dieses Jahres öffentlich gemacht hat, dass sie rund 50.000 Euro wegen zu vieler Hausbesuche zurückzahlen muss. Wie oft ein Hausarzt zum Hausbesuch rausfahren darf, ermittelt in Hessen eine unabhängige Prüfstelle. Dabei würden Werte von Arztpraxen aus ganz Hessen verglichen und ein Mittelwert errechnet. Liegen Arztpraxen weit über dem ermittelten Landesdurchschnittswert, müssen sie befürchten, zu viel kassierte Honorare zurückzuzahlen. Sie müssen dann nachweisen, dass jeder Hausbesuch medizinisch notwendig war. Bei dieser Berechnung würden allerdings auch viele Arztpraxen in Ballungsräumen einbezogen, wo aber kaum noch ein Arzt mehr zum Hausbesuch fahren würde, kritisierten die betroffenen Hausärzte.

"Menschen müssen gerade auf dem Land auf eine gute Versorgung mit Hausbesuchen vertrauen können, wenn ihnen aufgrund ihres Alters oder ihrer Erkrankung kein Arztbesuch möglich ist. Es sollte selbstverständlich sein, dass medizinisch notwendige Hausbesuche ohne Angst vor Rückzahlungsforderungen der Krankenkassen möglich sind", forderte Kessler.

Hausbesuche zukünftig noch wichtiger

Er liegt damit auf einer Linie mit dem Deutschen Hausärzteverband (DHÄV). Dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt erklärte denn auch: "Die neuen Zahlen müssen für die Politik, die Krankenkassen und die ärztliche Selbstverwaltung der Startschuss sein, endlich die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren." Durch den demografischen Wandel würden Hausbesuche in Zukunft sogar noch wichtiger. Statt den Hausärzten bei der Versorgung dieser Patienten Knüppel zwischen die Beine zu werfen, brauche es vielmehr massive Investitionen in die Hausbesuche, so Weigeldt.

Es könne nicht sein, dass Kolleginnen und Kollegen, die besonders viele Hausbesuche fahren, zum Beispiel, weil sie mehrere Pflegeheime in der Umgebung betreuen, Gefahr laufen, finanziell sanktioniert zu werden. Diese Regelungen, bei denen die regionalen Besonderheiten häufig komplett außen vor gelassen werden, müssen dringend abgeschafft werden, forderte der Hausärzte-Chef in seiner Stellungnahme.

Zudem seien Hausbesuche massiv unterbewertet. So bekommen Hausärzte für einen Hausbesuch aktuell knapp 22 Euro brutto – inklusive An- und Abfahrt. Dafür würde sich kein Klempner ins Auto setzen, kritisierte Weigeldt. Trotz allem würden die meisten Hausärzte nach wie vor regelmäßig Hausbesuche fahren. Diese müssten auch in Zukunft fester Bestandteil der hausärztlichen Arbeit bleiben. Damit dies gelingt, brauche es bei dem Thema eine 180-Grad-Wende, so Weigeldt.

Kleiner Hoffnungsschimmer

Leider zeige auch der aktuelle Koalitionsvertrag bei dem Thema der Hausbesuche in die falsche Richtung, beklagte der DHÄV-Chef. Darin steht, dass zukünftig die Mindestsprechstundenzahl von 20 auf 25 Stunden erhöht werden soll. Hausbesuche zählen jedoch nicht zu dieser Mindestsprechstundenzahl. Das fatale Signal sei also: Hausbesuche sind keine Arbeitszeit!

Hier könnte in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage aber doch noch ein kleiner Hoffnungsschimmer zu erkennen sein. Denn dort heißt es, dass in der geplanten Anhebung der Mindestsprechstundenzeiten der Vertragsärzte von 20 auf 25 Stunden auch Hausbesuche erfasst werden sollen.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (13) Seite 32-33