Alle 4 Jahre will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) von den Medizinstudierenden wissen, wie sie sich ihr späteres Berufsleben so vorstellen. Zieht es sie eher in die Klinik oder wäre eine Niederlassung das Ziel? Das aktuelle Berufsmonitoring zeigt nun, dass die Allgemeinmedizin bei den angehenden Ärzten wieder an Attraktivität gewonnen hat. Dem Mangel an Landärzten ist damit aber wohl noch nicht abgeholfen.

Nach 2010 und 2014 ist dies nun bereits die dritte Auflage des "Berufsmonitoring Medizinstudierende", das die KBV gemeinsam mit der Universität Trier, dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) erhoben hat. Beteiligt haben sich immerhin rund 14.000 Nachwuchsmediziner, was etwa 15 % aller Medizinstudierenden entspricht.

Work-Life-Balance weiter die Nr. 1

Zusammengefasst bestätigen die Daten im Wesentlichen die Trends der vergangenen Befragungen. Der "Dauerbrenner" bei der Wahl des späteren Arbeitsplatzes bleibt demnach für annähernd 95 % der angehenden Mediziner die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. An zweiter Stelle folgt fast gleichauf der Wunsch nach geregelten (82 %) und flexiblen Arbeitszeiten (81 %) sowie mit etwas Abstand die Vision, im zukünftigen Beruf ein möglichst breites Behandlungsspektrum abdecken zu wollen.

Trend zur Teamarbeit hält an

Teamorientierung – auch mit anderen medizinischen Berufen – wird mit aktuell 66 % Zustimmung für die Arztaspiranten immer wichtiger. Die Vorstellung, in einer eigenen Praxis zu arbeiten, hat wohl auch deshalb im Zeitraum von 2014 (60 %) bis 2018 (53 %) an Attraktivität verloren. Der Trend geht hier eher zur Gemeinschaftspraxis (50,6 %). Eine Existenz als ärztlicher Einzelkämpfer käme tatsächlich nur noch für 4,7 % der Befragten in Betracht.

Bürokratie macht Angst

Dagegen steigt die Zahl derjenigen, die gerne im Angestelltenverhältnis arbeiten würden auf jetzt 90 %, für mehr als 70 % gilt das auch für die ambulante Arztpraxis. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings bei den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und Gemeinschaftspraxen (Tab. 1). Zu den psychologischen Hemmschuhen für eine Niederlassung zählt vorrangig die Bürokratie mit 62,3 %, gefolgt vom finanziellen Risiko einer Praxisgründung (57,4 %). Der fehlende fachliche Austausch mit Kollegen ist für 46,4 % der Jungmediziner ein inhibierender Faktor.

Allgemeinmedizin im Aufschwung

Recht positiv gestaltet sich der Trend bei der Allgemeinmedizin, hier scheint der jahrelange Imageverfall gestoppt. So beabsichtigen 35 % der befragten Medizinstudenten, ihre Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu machen. Das sind 6 % mehr als noch 2010. Und auch das Interesse an einer späteren hausärztlichen Tätigkeit ist gewachsen: 42,5 % der Befragten können sich eine Niederlassung als Hausarzt vorstellen. 2010 strebten erst 38 % in die hausärztliche Versorgung (Tab. 2). "Am Beispiel der gestiegenen Attraktivität der Allgemeinmedizin lasse sich erkennen, dass Initiativen wie der Ausbau der ambulanten Weiterbildung, aber auch ein frühzeitiger und besserer Einblick in das Hausarzt-Dasein Früchte tragen", konstatierte der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Stephan Hofmeister.

Auf’s Land? – Nein, danke!

Es könnte also in einigen Jahren wieder mehr Hausärzte geben. So weit, so gut. Doch die Struktur-Probleme in der Gesundheitsversorgung auf dem platten Land werden dennoch nicht beseitigt. Denn trotz einer gewachsenen Liebe zur Heimatregion bei 81 % der Befragten bleiben für immerhin 43 % der Nachwuchsärzte strukturschwache Gebiete wie Landgemeinden mit unter 5.000 Einwohner "No-go-Areas", wie Prof. Rüdiger Jacob von der Universität Trier formulierte. Ein Drittel der jungen Ärzte würde nicht einmal in eine Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern gehen. Der klassische Landarzt bleibt also wohl ein Auslaufmodell.

"Wir haben es mit einer selbstbewussten Generation zu tun, die weiß, was sie möchte und die freie Wahl hat, wo und wie sie arbeiten will", kommentierte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen die Ergebnisse des Berufsmonitorings. Wichtig sei aber auch, dass das ambulante System nicht ohne die selbstständigen Ärzte in eigener Praxis funktioniere. Deshalb sei die Politik gut beraten, den Nachwuchs nicht mit immer neuen gesetzlichen Vorgaben zusätzlich von einNiederlassung abzuschrecken.

Offen für Digitalisierung und Delegation
Dem derzeit heiß diskutierten Thema Digitalisierung der Medizin zeigen sich die Studierenden recht offen gegenüber. Rund 77 % erhoffen sich davon Verbesserungen bei der Diagnose, Arbeitsorganisation und Behandlung. Gleichzeitig sehen sie aber auch die Gefahr, dass die Arzt-Patienten-Kommunikation und das Vertrauensverhältnis leiden könnte. Und ähnlich wie die jetzt schon niedergelassenen Ärzte fühlen sich die Studierenden hinsichtlich der Digitalisierung der medizinischen Versorgung bisher wenig auf die Zukunft vorbereitet. Im Studium wäre das jedenfalls noch kein Thema und auch im Masterplan Medizinstudium 2020 habe das Thema Digitalisierung keine Beachtung gefunden.

Ein weiteres Ergebnis des Berufsmonitorings zeigt: Die Akzeptanz für die Delegation von ärztlichen Aufgaben an entsprechend qualifizierte Arztassistenten, Pflegekräfte oder Medizinische Fachangestellte ist im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen (um 17,6 Prozentpunkte). Die interprofessionelle Versorgung wird zentraler Bestandteil der Versorgung der Zukunft sein, so sehen das die Medizinstudierenden.



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (4) Seite 26-27