Mein Patient, ein 57-jähriger Jogger, leidet seit drei Wochen an einer erstmalig aufgetretenen Wadenmuskelzerrung links ohne bislang wesentliche Besserung. Bisher stattgefundene Therapie: Massage, Traumeel®-Salbe, isometrische Dehnungsübungen (Treppenstufe). Was kann man noch tun und wie ist die Prognose?

Antwort: Nach drei Wochen Wadenschmerzen ist eine Muskelvenen- oder tiefe Beinvenenthrombose (TVT) sicher ein seltenes Beratungsergebnis, sollte aber als potenziell "abwendbar gefährlicher Verlauf" in Abhängigkeit von möglichen Vorerkrankungen des Patienten ausgeschlossen werden. Hierzu bietet sich der "Summenscore für die klinische Wahrscheinlichkeit einer TVT nach Wells" [1] an. Alternativ kann in der Hausarztpraxis auch ein erprobter Algorithmus aus Wells-Score in Kombination mit einem D-Dimer-Test [2] zum Einsatz kommen. Ein Kompressionsultraschall ist bei zusätzlichen klinischen Zeichen (z. B. Umfangsvermehrung, Payr/Homan-Zeichen) und/oder erhöhten oder zweifelhaften D-Dimer-Werten zu erwägen.

Verletzung: Welche Struktur ist betroffen?

Aufgrund der Anamnese ist ein sportbedingter Verletzungsmechanismus eher wahrscheinlich. Hierdurch könnte eine Läsion von tiefen Muskelfasern bzw. ein Bündelriss verursacht worden sein, denn aufgrund der Beschwerdedauer ist eine "einfache Zerrung" mit nachfolgender Myogelose inzwischen eher unwahrscheinlich. Ebenfalls ist bei Druck- und Belastungsschmerz im mittleren Wadendrittel an einen möglichen (An-)Riss der Achillessehnen-Aponeurose zu denken, eine Tendinitis der Achillessehne dagegen würde Schmerzen im distalen Sehnendrittel verursachen [3]. Dies könnte bei weiterer Beschwerdepersistenz mittels Sonographie bestätigt oder ausgeschlossen werden.

Behandlungsempfehlungen

Therapeutisch empfehle ich zunächst eine Belastungsminderung (vollständiger Sportverzicht, ggf. Absatzerhöhung zur Entlastung der Achillessehne/Wadenmuskulatur) für 14 Tage sowie anschließend eine schmerzadaptierte (immer deutlich unterhalb der Schmerzschwelle) Belastungssteigerung mit isotoner Beübung (z. B. lockeres Gehen, Schwimmen, Radfahren oder Ergometer mit 25 – 50 Watt Leistung) und ggf. physiotherapeutischer Behandlung (Lymphdrainage und hydrogalvanische Bäder/Zweizellenbad) [4]. Zusätzlich kann mittels regelmäßiger Übungen an der Körperwaage die Beinbelastung schmerzadaptiert gesteigert werden.

NSAR bei Bedarf

Die kurzzeitige Gabe von NSAR (z. B. Ibuprofen 400 1-1-1 für drei bis fünf Tage) kann nach Verletzungen für eine schmerzärmere Belastung im Alltag sinnvoll sein, auch um schonhaltungsbedingte Folgezustände zu vermindern. Eine mehrfach täglich applizierte milde Wärmeanwendung kann die lokale Durchblutung (bessere Reparatur der Läsion) steigern und die Muskulatur entspannen (reduzierter Muskelzug auf die Läsion). Bei einem Muskelfaser- oder Muskelbündelriss als Beratungsergebnis ist von einer Beschwerdedauer von etwa acht (bis maximal zwölf) Wochen auszugehen, erst danach sollte bei Beschwerdefreiheit schrittweise wieder mit sportlichen Belastungen begonnen werden.


Literatur:
1. Well PS, Anderson PR Rodger M, Forgie M, Kearon C, Dryer J, et al.: Evaluation of D-Dimer in the diagnosis of suspected deep-vein thrombosis. N Engl J Med 2003; 349:1227-35
2. El Tabei L, Holtz G, Schürer-Maly C, Abholz HH: Accuracy in diagnosing deep and pelvic vein thrombosis in primary care-an analysis of 395 cases seen by 58 primary care physicains. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(45): 761-6.
3. Müller-Wohlfahrt HW, Ueblacker P, Hänsel L: Muskelverletzungen im Sport, Georg-Thieme-Verlag Stuttgart, 2.Auflage, 2014 126-128
4. Fuchs S, Abendroth J, Klement A. Prellungen, Zerrungen, Wunden... Behandlung von häufigen Verletzungen in der Hausarztpraxis. Der Allgemeinarzt 2014; 36(3): 58-64.


Autoren:

Prof. Dr. med. Andreas Klement

Co-Autoren: Stepahn Fuchs, Dr. med Ute Schnell

Sektion Allgemeinmedizin
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
06112 Halle (Saale)

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (16) Seite 27-28