Der Erfolg einer ärztlichen Behandlung ist von vielen Faktoren abhängig. Die ersten Weichen werden dabei oft schon im Gespräch zwischen Arzt und Patient gestellt. Anhand einer Studie und seiner Erfahrungen in der Erwachsenenbildung beleuchtet Prof. Dr. Lothar Schäffner in seinen Beiträgen in dieser und der nächsten Ausgabe von Der Allgemeinarzt, welche Bedeutung das Patientengespräch als Instrument der „ärztlichen Kunst“ hat und wie es im Alltag optimal eingesetzt werden kann.

Menschen konstruieren sich ihre Welt selbst, wie auch die moderne Hirnforschung belegt. Kurz: Menschen sehen in eine Wirklichkeit hinein, die sie sich selbst geschaffen haben.Dies müsste besonders für Situationen gelten, in denen es um nichts weniger geht als um unsere Gesundheit und damit um einen wesentlichen Aspekt unserer Existenz. Konkret ist also zu vermuten, dass Patienten einerseits und Ärzte andererseits eine unterschiedliche Wahrnehmung ihres Verhältnisses zueinander haben müssten. Unter diesen Vorannahmen haben wir eine Studie mit Hilfe halbstandardisierter Interviews sowohl mit Ärzten als auch Patienten durchgeführt. Thema waren die gegenseitigen Erwartungen, die sie vor allem bei einem Besuch des Patienten in einer Arztpraxis haben.

Studie analysiert Patientengespräche

Beide wurden danach gefragt, wann der Besuch eines Patienten aus ihrer jeweiligen Sicht gelungen bzw. misslungen ist und welchen Beitrag beide Seiten zum Gelingen leisten können. Darüber hinaus wurde beider Einschätzung nach der Bedeutung des Patientengespräches für den Behandlungserfolg ermittelt. Dabei zeigte sich, dass der Patient auf der Sachebene erwartet,

  • dass der Arzt sachlich kompetent ist, was man an dessen Fähigkeit erkennen kann, eine sichere Diagnose zu erstellen bzw. einzuleiten, und natürlich auch an der Wirksamkeit der therapeutischen Maßnahmen,
  • dass der Arzt seine eigenen Grenzen erkennt und ggf. den Patienten an einen Facharzt oder an eine Klinik überweist, ihn dann aber nicht einfach abgibt, sondern durch die nachfolgenden medizinischen Institutionen wenigstens für eine Übergangszeit begleitet.

Auf der Beziehungsebene wünschen die Patienten

  • als Individuen und nicht als Fall behandelt und wahrgenommen zu werden, indem der Arzt sie z. B. mit Namen anredet,
  • ernst genommen, also nicht von oben herab behandelt zu werden. Dazu gehört auch, dass der Arzt die Beschwerden mitsamt der damit von dem Patienten verknüpften Vermutungen, auch wenn diese aus ärztlicher Sicht möglicherweise laienhaft falsch erscheinen mögen, aufnimmt und dabei seine Bereitschaft, aber auch seine Fähigkeit zeigt, aktiv zuzuhören. Diese Fähigkeit wird vor allem durch ein gezieltes Nachfragen erkennbar, das Bezug auf das nimmt, was der Patient zuvor gesagt hat.

Für den Arzt ist das Gespräch aus seiner Sicht auf der Sachebene dann erfolgreich,

  • wenn es ihm gelingt, die Beschwerden abzuklären und zu behandeln oder die Behandlung einzuleiten. Sichtbar für den Arzt wird der Erfolg zudem, wenn der Patient sich bedankt und schlicht und einfach wiederkommt.

Im Hinblick auf die Beziehungsebene ist es dem Arzt durchaus bewusst,

  • dass es ihm nur über eine freundliche Zuwendung gelingt, ein notwendiges Vertrauensverhältnis aufzubauen, und
  • dass nicht nur die Linderung der Beschwerden, sondern auch die Zufriedenheit mit dem Gespräch beim Patienten einen nicht zu unterschätzenden Eindruck hinterlässt.

Das Gespräch ist Basis der Kooperation

Angesichts der gegenseitigen Erwartungen ist es nicht verwunderlich, dass sowohl die Ärzte als auch die Patienten dem Gespräch eine vorrangige Bedeutung zumessen. Der Patient möchte in dem Gespräch schon zu einem gewissen Teil seine gesundheitlichen Beschwerden loswerden oder zumindest die Ängste, die diese bei ihm auslösen. Der Arzt braucht, vor allem wenn er Allgemeinmediziner ist, für seinen Behandlungserfolg psychomedizinische Informationen, und diese bekommt er nur in einem Gespräch, in dem der Patient bereit ist, etwas über sich preiszugeben. Dazu gehört auch u. a. dessen Bereitschaft, offen über seine Erfahrungen mit den therapeutischen Maßnahmen zu berichten. Solche Berichte braucht der Arzt, da die Medizin zu einem großen Teil eine Erfahrungswissenschaft ist.

Für beide ist das Gespräch zudem die Basis für eine gelungene Kooperation, ohne die ein erfolgreicher Behandlungsprozess kaum gelingen kann. Der Arzt muss den Patienten für sich oder besser für sein Behandlungskonzept gewinnen, und dafür muss es in der Regel auch auf der Beziehungsebene stimmen. Denn nicht jeder unfreundliche Doktor verfügt automatisch über eine kompensierende diagnostische Genialität wie ein Dr. House in der gleichnamigen Fernsehserie.

Dabei geht es in dem Gespräch auf der Beziehungsebene nun aber um mehr als um Höflichkeitsformen; es geht vielmehr um die Motivationsleistung des Arztes in Richtung Patient, damit dieser selbst die Verantwortung für seine Gesundung übernimmt, denn nur er ist letztendlich der Garant für den langfristigen Erfolg ärztlichen Handelns. Der Arzt hat es also mit in der Hand, dem Patienten Mut zu machen, für sich und seine Gesundheit selbst aktiv zu werden. Dies gilt insbesondere, wenn die Patienten, wie häufig zu beobachten, vor dem Arzt sitzend in ein Kleinkindstadium regredieren, weil sie in ihm den potenziellen Überbringer einer schlechten Botschaft wähnen.

Auch wenn es mehr Zeit kostet, sollten dem Patienten Mitwirkungsmöglichkeiten angeboten und diese darüber hinaus sogar gefördert werden, wenn es sowohl bei der Diagnose als auch bei der Therapie Alternativen gibt. Dazu gehört aber auch, dass der Arzt den Patienten so gut es geht befähigt, solche Entscheidungen treffen zu können. Dies wiederum stellt gewisse Anforderungen an die pädagogische Vermittlungsfähigkeit des Arztes. In dem Zusammenbringen von fachlich-medizinischer Qualifikation und der Fähigkeit, auf Menschen einzugehen, entsteht das, was man durchaus ärztliche Kunst nennen darf.

Arzt als respektvoller Vertrauter

Dort wo im wirklichen Leben nun Patient und Arzt aufeinandertreffen, ist es geradezu selbstverständlich, dass Patienten ihre Aufmerksamkeit primär auf andere Dinge richten als der Arzt. Sie sehen eher die Schwierigkeiten, einen schnellen Termin zu bekommen, oder werden unruhig, wenn sie sich zu lange im Wartezimmer gedulden müssen. Dabei ist es weniger die absolute Wartezeit als vielmehr das Verhältnis von Warterei und der Zeit, die der Arzt dann für seinen Patienten hat, das bestimmt, ob dieser zufrieden ist oder nicht. Ein stundenlanges Warten, um dann zwischen Tür und Angel ein Rezept in die Hand gedrückt zu bekommen, wird sehr kritisch gesehen. Vermittelt der Arzt dagegen das Gefühl, dass er sich Zeit für seine Patienten nimmt, wiegt dies die im Wartezimmer verbrachte Zeit in der Regel zu einem gewissen Teil auf.

Insgesamt, so haben unsere Interviews erbracht, hegen die Patienten nicht unrealistische Wünsche. Was sie allerdings erwarten, ist respektvoll behandelt zu werden und vor allem in dem Allgemeinarzt einen Vertrauten zu finden, der einen auch durch weitere Institutionen des Medizinbetriebes begleitet, wenn man dorthin verwiesen werden muss.

Die Ärzte hingegen erwarten von dem Patienten, dass dieser seinen Beitrag zu seiner Gesundung leistet, indem er z. B. ganz praktisch zu dem Besuch beim Arzt seine Medikamente mitbringt, sich bemüht, seine Beschwerden benennen zu können, und sich vor allem dann in den therapeutischen Verlauf konstruktiv und zuverlässig einbringt, indem er die Medikamente regelmäßig einnimmt oder fleißig die verordneten Übungen macht. Kurz und gut: Wenn er sich entsprechend der gewünschten Compliance verhält. Insofern sind auch die Wünsche des Arztes an den Patienten nicht unrealistisch. Also sind aus den Erwartungen der beiden Seiten keine unüberwindbaren Hindernisse abzuleiten.

Allerdings trifft diese Aussage zunächst einmal eher auf die Übereinstimmung der Erwartungen seitens der Patienten und das Wollen seitens der Ärzte zu. Die tagtägliche Praxis sieht jedoch anders aus. Vor allem der Arzt muss erhebliche Abstriche machen, wenn er sein Wollen in tatsächliches Tun umsetzen möchte. Die Rahmenbedingungen, vor allem die ökonomischen, lassen dies nicht zu. So fehlt es ihm in erster Linie an der (bezahlten) Zeit, die nötig wäre, um den Wünschen der Patienten zu entsprechen. Da die Patienten dies meistens wahrnehmen und sogar auch einsehen, könnten beide nun gemeinsam Arm in Arm gegenüber den Rahmenbedingungen und insbesondere dem Abrechnungsmodus wehklagen. Sie können dabei sogar sicher sein, dass auch die Gesundheitspolitiker, vor allem wenn sie dabei auf Stimmenfang gehen können, zu Hauf mit einstimmen. Ändern würde sich dabei kaum etwas, außer dass man etwas Frust losgeworden wäre. Der Autor setzt angesichts dieser Situation auf eine andere Strategie, die er aus seinen Erfahrungen als Erwachsenenbildner und in der betrieblichen Weiterbildung gewonnen hat. Es geht dabei um die Vermittlung von Techniken und Instrumenten, mit der knappen Ressource „Gesprächszeit“ möglichst effektiv umzugehen. Mehr dazu erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von Der Allgemeinarzt.

Teil 2


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2013; (9) Seite 78-79