Seit Jahren weist der Sachverständigenrat darauf hin, dass die Gesundheitsarchitektur eher auf Konkurrenz als auf Kooperation ausgerichtet ist.

Bevor also das eigene Haus einstürzt, setzen viele Player im Gesundheitswesen eher auf Fehl-, Unter- oder gar Überversorgung als auf eine passgenaue Patientenversorgung. Die Folgen sind weithin bekannt: unabgestimmte Mehrfachdiagnostik in den diversen Sektoren, Informationslücken zwischen den unterschiedlichen Versorgungsebenen, unkoordinierte Behandlungen vom Hausarzt bis hin zum Superspezialisten. Das und vieles mehr kritisiert Prof. Ferdinand M. Gerlach, anerkannter Vordenker des Sachverständigenrates, seit Jahren. Dabei läuft er aber gegen eine Wand, weil das Beharrungsvermögen derer, die von dieser Zersplitterung der Versorgungslandschaft profitieren, kaum zu durchbrechen ist.

Ermutigende Ansätze …

Dabei hat der Gesetzgeber durchaus einige ermutigende Ansätze gesetzt. Los ging es mit der Integrierten Versorgung und der Öffnung der Kliniken auch für ambulante Versorgungsangebote. Danach folgten die ambulante spezialärztliche Versorgung und der Innovationsfonds, bei dem aber sektorübergreifende Ansätze, die gerade den Versorgungsalltag von Allgemeinärzten betreffen, eher Mangelware sind. Auch krankheitsbezogene Strukturen mit klar definierten Behandlungszielen für jeden Sektor inklusive verlässlichem Entlassmanagement sind weiterhin Mangelware.

Aber ist das Dilemma überhaupt lösbar, zumal nicht nur die Politik halbherzig agiert, sondern auch die Selbstverwaltung bisher kläglich versagt hat? Ja durchaus, nur muss man den Mut haben, das Übel an der Wurzel zu packen, indem man z. B. die absurden Vergütungsunterschiede zwischen Klinik und Praxis endlich überwindet. Etwa bei den ambulanten Operationen. Am Beispiel des Leistenbruchs wird das Dilemma deutlich: Laut der Techniker Krankenkasse erhalten in Thüringen ambulante Operateure rund 600 €, Kliniken dagegen bis zu 2.500 €. Alle bisherigen Angleichungsprozesse sind kläglich gescheitert. Jetzt will man mit einem Pilotprojekt bei den häufig gerade auch von Hausärzten diagnostizierten Op.-Indikationen Leistenhernie, Karpaltunnelsyndrom und Varizen, an dem 20 Vertragsärzte und 9 Kliniken in Thüringen beteiligt sind, endlich zum Erfolg kommen. Dabei soll zweierlei erreicht werden. Der Patient soll dort operiert werden, wo es für ihn am besten ist. Und: Alle Akteure erhalten für vergleichbare Leistungen das gleiche Honorar in Höhe von 1.600 €. Die ambulanten Operateure werden so eindeutig besser gestellt, die Krankenhausärzte nicht unbedingt schlechter, weil für sie die MDK-Prüfungen entfallen und sie auch prä- und postoperativ tätig sein können.

… müssen ausgebaut werden

Es wäre diesem Projekt mit dem fulminanten Namen "Hybrid-DRG" sehr zu wünschen, dass es ein Erfolg wird und dann auf andere Krankheiten und Ebenen ausgeweitet wird. Damit würde man nicht nur dem Sachverständigenrat, sondern vor allem den Patienten gerecht werden. Und die neue Bundesregierung könnte fleißig Pluspunkte sammeln, schließlich sind alle Krankenversicherten, die bisher zwischen den Sektoren kräftig zerrieben wurden, auch Wähler, meint Ihr

Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (2) Seite 28