Die kleine portugiesische Atlantikinsel Madeira ist sicherlich kein Geheimtipp mehr. Das heißt aber nicht, dass sich ein Besuch nicht lohnen würde. Denn Madeira ist ein Paradies für Naturliebhaber und Wanderer. Die beliebtesten Wanderwege für Jung und Alt sind die Pfade entlang den Levadas, die in einem ca. 2.000 km langen Netz die ganze Insel durchziehen und zu fast allen sehenswerten Punkten führen. Unser Reiseautor Ulrich Uhlmann hat sich auf den Weg gemacht.

"Ohne Wasser merkt euch das, wär unsre Welt ein leeres Fass." Für die Madeirenser ist Isaak Dunajewskis bekanntes Lied schon seit Jahrhunderten Lebensweisheit. Bereits um 1450 wurden von maurischen Sklaven erste Bewässerungsgräben – die heutigen Levadas – angelegt, um wertvolles Quell- und Regenwasser aus dem Gebirge auf die kargen Anbauflächen in den Küstenregionen zu leiten. Teils unter halsbrecherischen Bedingungen mussten die Wassergräben mit Spitzhacken am Steilhang aus dem Felsgestein geschlagen oder oft durch Hunderte Meter lange Tunnel geleitet werden. Heute umfasst das Kanalsystem der Blumeninsel mehr als 2.000 Kilometer.

Taschenlampe nicht vergessen

Wir sind unterwegs mit einer rüstigen ASI-Wandergruppe, die die Gebirgswelt Madeiras erkunden will. Gut ausgerüstet mit knöchelhohen Wanderschuhen, Trekkingstöcken, Wasserflasche und einer Tunnel-Taschenlampe ist alles für die vierstündige Hin- und Rücktour entlang der Levada da Ribeira da Janela bei Porto Moniz bereit. Auf schmalem Pfad neben der Levada geht es voran. Die Sonnenstrahlen glitzern auf dem Wasser; mitunter huschen Forellen durchs Nass. Am ersten Picknickplatz weitet sich der Blick in Richtung Atlantik, auf Dörfer und Berghänge. Aromatisch duftende Eukalyptusbäume säumen den Weg. Überall blühen Hortensien und Passionsblumen. Farne, Lorbeer- und Ahornbüsche verbreiten Dschungeleindrücke. Nach etwa einer Stunde stehen wir vor einem Tunneleingang und achten auf eventuellen "Gegenverkehr". Ein Ausweichen im Berg ist kaum möglich. Die zehnminütige Durchquerung ist schmal. Mit der Taschenlampe lässt sich die feuchte, grob behauene Felswand erkennen, daneben der strömende Kanal. Und dann am Ausgang der überwältigende Blick in einen Felskessel, in den von hoch oben ein Wasserfall tost.

Auf der Rückfahrt nach Funchal, der Inselhauptstadt, hält unser Bergführer Oliver Hoppe, den es vor mehr als 20 Jahren nach Madeira verschlagen hat, eine besondere Überraschung für uns bereit. Wir machen Stopp in dem 3.000- Einwohner-Städtchen Santana an der Nordküste. Ein über 200 Jahre altes Märchenhäuslein wie aus dem Bilderbuch erwartet uns hier – buntfarbig, strohgedeckt und so winzig, dass man mit der Hand fast ans Obergeschossfenster klopfen könnte. Der 84-jährige Manuel hat es mit seiner Familie bis vor wenigen Jahren bewohnt und pflegt noch heute mit Liebe die Blumenwelt ums traditionelle hölzerne Haus. Noch etwa 100 dieser malerischen, jetzt denkmalgeschützten Casas de Colmo (Strohhalm- oder Bienenkorbhäuser) gibt es rund um Santana. Es wird vieles getan, um sie der Nachwelt zu erhalten. Zum Wohnen aber sind sie nicht mehr gefragt, denn sie boten unten nur Platz für Bett, Kommode und Truhe.

Zum Dach Madeiras

Am nächsten Tag führt unser Weg zum höchsten Berg Madeiras, dem Pico Ruivo (1.861 m). Auf einem gut begehbaren Pfad wandern wir vom Parkplatz Achada do Teixeira aus zwei Stunden bergauf, bergab und wieder bergauf. Drei kleine Unterstände – umgeben von Bergheidegesträuch, das andernorts Ziegen und Schafen zum Opfer gefallen ist – bieten Pausenromantik und Wetterschutz. Dann noch einmal anstrengende 100 Stufen und die Casa de Abrigo do Pico Ruivo, Berghütte und Ausgangspunkt zur Gipfelbesteigung, ist erreicht. An der Tür begrüßt uns der 55-jährige Wirt Antonio und bietet Cola, Tee und Kekse an. Mehr hat er kaum auf der "Speisekarte", denn seit 26 Jahren schleppt er alles Notwendige höchstpersönlich per Rucksack auf den Berg.

Reisetipps:
Reiseliteratur:

DuMont Reise-Taschenbuch "Madeira", DuMont Reiseverlag, 17,99 €; "Madeira mit Porto Santo", Iwanowskis Reisebuchverlag, 16,95 €; "Madeira", Michael Müller Verlag, 16,90 €; "Madeira/Porto Santo", Reise Know-How Verlag, 16,90 €; Polyglott on tour "Madeira", Travel House Media, 12,99 €; "Universal-Wörterbuch Portugiesisch", Langenscheidt, 10,99 €

Informationen:

Die beschriebene achttägige Reise "Madeira gemütlich erwandern" hat ASI Reisen ab 1.217 €, einschl. Flug, im Angebot. Ausführliche Auskünfte dazu: ASI Reisen, A-6161 Natters; Tel. 0043/512546000; www.asi.at, info@asi.at.

Noch eine reichliche Viertelstunde sind es von hier auf beschwerlicherem Weg durch karge Landschaft bis zum Gipfelkreuz. Der Lohn: ein traumhafter Panoramablick über Insel und Meer. Wir sind begeistert von der landschaftlichen Vielfalt Madeiras und von den vielen Möglichkeiten des erholsamen Wanderns, die man wohl am besten auf einer geführten Wanderreise entdecken kann, wie z. B. auf unserer ASI-Tour. Kein Wunder, dass es jährlich etwa eine halbe Million Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die grüne Insel im Atlantik zieht.



Autor:
Ulrich Uhlmann

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (2) Seite 86-88