Hitze, Staub und lautes Gewimmel auf den Straßen: Wer die Königsstädte Marokkos besucht und genug Moscheen, Kasbahs oder orientalische Märkte besichtigt hat, sollte die Wandergebiete im Atlasgebirge entdecken: Schneebedeckte Berge, ursprüngliche Berberdörfer, raue Landschaften und ein unendliches Sternenmeer in der Nacht erfreuen die Naturfreunde.

Los geht es in der Gite d´Etape – einer Wanderherberge mit Bettenlager bei Oukaimeden – dem mit 2.630 Metern höchstgelegenen Wintersportort Afrikas. Hier tummeln sich – je nach Wetterlage – schon ab November die Skifahrer, weil der Skilift bis auf 3.200 Meter fährt. In der schneelosen Zeit übertönen allein das Mähen einer Schafherde und Hundegebell das Pfeifen des Windes.

Die siebenköpfige marokkanische Begleitmannschaft ist schon vorausgegangen. Mit ihren Mulis, auf denen das Gepäck der Wanderer, die Zelte, Matratzen, Kochgeschirr und Nahrungsmittel verstaut sind. Die Mulis sind im Atlasgebirge und in den kleinen Berberdörfern die einzige Transportmöglichkeit, aber auch bei der Arbeit auf den Feldern oder in den Obsthainen wichtig. Sie sind das Kapital derjenigen Marokkaner, die auch Touristengruppen begleiten und für einen schnellen Aufbau der kleinen Zweipersonenzelte sorgen.

Lager unterm Sternenmeer

Dann treffen sich alle zum Aufwärmen und Trocknen im Mannschaftszelt. Ein Becher Tee und einige Kekse wärmen nach dem Marsch durch das karge und raue Gebirge wieder auf. Umziehen oder Frischmachen entfällt – Duschen oder Toiletten gibt es ebenso wenig wie eine Straßenbeleuchtung. Das leckere Abendessen bestehend aus Suppe und einem dampfenden Tajine-Gericht mit Kartoffeln, Gemüse und Fleisch macht dann schnell schläfrig. Das Zähneputzen über Pfützen dauert nur kurz, weil die Temperatur um null Grad alle in die Schlafsäcke treibt. Auch wenn der Blick in den Himmel das Zähneklappern aussetzen lässt: Ein unendliches Sternenmeer mit dem erkennbaren Schweif der Milchstraße umhüllt die schwarze Nacht.

Bereits kurz vor Sonnenaufgang ruft aus der Ferne der Muezzin zum Gebet. Kurze Zeit später kochen die Marokkaner bereits Kaffee und Tee für die Wandergruppe, bringen das selbst gebackene Brot und die Marmeladen in das Mannschaftszelt. So verpflegt geht es mit dem Bergführer Mohammed durch das Imenane- Tal auf ein Hochplateau in 2.100 Metern Höhe. Knorrige 500 Jahre alte Wacholderbäume umzäunen auf mystische Weise die Zelte, die am nächsten Morgen mit Raureif weiß verzuckert sind. Süß ist die Kälte zwar nicht, aber das schnelle Zusammenpacken und der Wanderstart lassen die Füße schnell wieder warm werden. Die unterschiedlichen Brauntöne der Berge, der weite Blick in karge Schluchten, die einzelnen grünen Abschnitte oder die Schaf- und Ziegenherden, die selbst auf 3.000 Metern noch etwas zum Fressen finden, lassen die Temperaturen der Nacht vergessen ... Und nach einigen Tagen scheint auch die Sonne wieder. Tagsüber ist es nun "T-Shirt-warm", Sonnenbrille, vor allem aber Sonnenmilch und Sonnenhut sind gefragt. Der Wind ist angenehm, ebenso wie die Übernachtungen in den Gites. Denn zu der einwöchigen Trekkingtour gehören auch zwei Übernachtungen in festen Unterkünften mit Mehrbettzimmern. In der Gite d´Etape im Dorf Aremd gibt es Duschen mit warmem Wasser und Toiletten.

Reise-Informationen
Verschiedene Reiseveranstalter (z. B. Hauser-Exkursionen) bieten geführte Trekkingreisen durch das Atlasgebirge in Marokko an. Gute Kondition ist zur Besteigung des Toubkal ebenso notwendig wie Ausdauer. Außerdem sollte man sich mit dem Notwendigsten zufriedengeben können. Im Sommer kann man sich während des Trekkings an Bächen oder Flüssen waschen; auf einigen Trekkingtouren baut die marokkanische Begleitmannschaft auch ein Dusch- und Toilettenzelt auf. Bei Letzterem handelt es sich um ein Zelt, das ein gegrabenes Loch für die Notdurft umhüllt. Die meisten Teilnehmer ziehen stattdessen einen Abstecher in die Natur vor. Wichtig ist warme Kleidung, die wasserfest verpackt ist, weil die Taschen von Mulis getragen werden, die keinen Regenschutz haben. Tipp: Die Kleidungsstücke in verschließbare Plastiktüten verpacken und dann in den Rucksack oder in die Tasche.

Auf zum Dach Nordafrikas

Unvergesslich bleibt die Tour auf den höchsten Berg Nordafrikas, der in zwei Etappen bestiegen wird. Auf einem gut angelegten Pfad geht es am ersten Tag am Mizane-Bach entlang. Vorbei am Sidi Chamharouch – einem kleinen Heiligtum, dem vom Volk magische Kräfte zugeschrieben werden. Begehrt ist auch die Refuge Neltner auf 3.200 Metern Höhe, denn hier ist die Basisstation für den Aufstieg. Übernachtungen sind ebenso möglich wie Duschen, Abendessen oder das Ausleihen von Grödeln – Leichtsteigeisen, die der marokkanische Bergführer empfiehlt, auf den 4.167 Meter hohen Toubkal mitzunehmen.

Der höchste Berg Nordafrikas ist längst kein Geheimtipp mehr. Im Gegenteil. Immer mehr Wanderer, Wintersportler oder Wochenendausflügler gehören zu den Fans, die ganzjährig nach oben wollen. Auch deswegen beginnt der Aufstieg am zweiten Tag bereits um 7 Uhr in der Dunkelheit. Ein starker Anstieg über Schotter und loses Geröll zu Beginn vertreibt Müdigkeit ebenso wie Kälte. Der Sonnenaufgang hinter den Bergen entschädigt nur kurz, denn das Verweilen ist kalt und nervig: Immer mehr Menschen sind unterwegs und überholen selbst auf schneebedeckten oder gefrorenen Stellen. Der Weg ist nicht für alle das Ziel, das dann am späten Vormittag erreicht ist. Das Gipfelkreuz ist dicht umlagert. Das diesige Wetter trübt nicht das Gefühl einer mächtigen Natur, in der der Mensch ganz klein ist. Groß ist die Freude über das Erreichen des Ziels.

Ausspannen bei frischem Minztee

Nicht alle Touristen gehen zu Fuß, manche lassen sich mit den Mulis auf 3.000 Meter bringen. Doch ob dieses Vorwärtskommen die Ruhe und Gelassenheit vermittelt, die das Wandern auslöst? Der Gedanke an die Rückkehr in das rund 80 Kilometer entfernte Marrakesch löst erst einmal Unbehagen aus: Zu schön das Unterwegssein in der Weite. Eindrucksvoll die Ursprünglichkeit und Einfachheit, mit der es sich überraschenderweise gut leben lässt. Doch die Aussicht auf ein allein zu nutzendes Bade- und Schlafzimmer ist natürlich ebenso verlockend wie der leckere frische Minztee in den Cafés.

Maren Landwehr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (14) Seite 88-90