Eigentlich ist doch alles in Butter. Dank der blendenden Konjunktur liegen auch im Wahljahr die Einnahmen der Krankenkassen wieder über den Ausgaben. Warum also irgendetwas verändern in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt? Warum in Wahlprogrammen Verbesserungen in Aussicht stellen, wo doch die Gesundheitsmaschinerie wie geschmiert läuft? So oder ähnlich müssen die Debatten der Wahlstrategen zumindest der beiden großen Volksparteien wohl gelaufen sein, wenn man deren Programme durchstöbert.

Die CDU sieht Gesundheit und Pflege "auf hohem Niveau" und versucht erst gar nicht, bei ihren 19 Punkten auf ganzen drei Seiten wie etwa der "Stärkung der Allgemeinmedizin" konkreter zu werden. Die SPD fordert zwar einen "starken Sozialstaat" ein, verheddert sich aber in der Bürgerversicherung und will eine einheitliche Honorarordnung für Ärzte, ohne aufzuzeigen, wie das in der Praxis genau aussehen soll.

Der Problemberg wächst

Warum auch konkret werden, wenn es offenbar ausreicht, plakative Forderungen unters Wahlvolk zu streuen? Dabei türmen sich die Probleme zu einem ganzen Problemberg auf. Wer denkt eigentlich an die Patienten, die z. B. auf dem Land gar keinen Arzt mehr in Wohnortnähe finden? Oder was soll künftig mit akut erkrankten Patienten passieren, die bis zu fünf Monate auf einen Facharzttermin warten müssen? Und möchte denn niemand endlich mal das Problem mit den Doppel- und Dreifachuntersuchungen anpacken, die nur deshalb stattfinden, weil die verschiedenen Systeme nicht zusammenfinden und alle Patienten ohne Steuerung zu dem Arzt rennen können, der ihnen gerade eben einfällt? Und kann sich die Politik auf Dauer damit abfinden, dass alle zusätzlichen Kosten im System einseitig vom Arbeitnehmer über dessen Zusatzbeitrag auf den Tisch geblättert werden müssen? Und diese Zusatzkosten werden kommen, weil allein die Arzneimittelpreise massiv – allein bei den Onkologika um 30 Mrd. Euro bis 2030 – ansteigen werden.

Hausärzte stehen vor großen Herausforderungen

Nein, wir können uns eben nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, wie das die Politik vorzugaukeln versucht. Weil wir eben nicht darauf vertrauen können, dass die Konjunktur weiter so sprudelt. Und weil noch so viele Effizienz- und Sparpotenziale gehoben werden müssen. Das wird allein deshalb schon notwendig sein, weil auf die Hausärzte künftig gewaltige Herausforderungen zukommen werden, um die stetig steigende Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen noch versorgen zu können. Und was findet man dazu in den Wahlprogrammen? Wenig, viel zu wenig. Gerade das verwundert sehr. Denn laut einer repräsentativen Befragung des Zen-
trums für Qualität in der Pflege (ZQP) ist für 43 % aller Deutschen die Lebenssituation älterer und pflegebedürftiger Menschen sehr wichtig für ihre Wahlentscheidung. Bei der größten Wählergruppe 50+ sind es sogar 53 %. Was passiert, wenn nichts passiert oder zu lange abgewartet wird, zeigt die klaffende Versorgungslücke bei den Hausärzten. Politisch wie ethisch ein Armutszeugnis.

Es besteht also auch in der Gesundheitspolitik dringender Handlungsbedarf. Bleibt nur die vage Hoffnung, dass das neue Regierungsprogramm bis 2020 das liefert, was in den Wahlprogrammen dem Wahlvolk vorenthalten worden ist, hofft

Ihr
Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (14) Seite 40