In der letzten Ausgabe von Der Allgemeinarzt hatten wir die wichtigsten Neuerungen der aktuellen Pflegereform vorgestellt. Eine Pflegewissenschaftlerin und ein Hausarzt kommentieren nun noch einmal die zahlreichen Verbesserungen und Leistungsausweitungen, die Pflegebedürftigen und deren Angehörigen eine individuelle Unterstützung sichern sollen. Sie meinen, dass sich auch die Rahmenbedingungen für die berufsgruppenübergreifende, gemeinsame Patientenversorgung entscheidend verbessern.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) ist die weitreichendste Reform zur Verbesserung der pflegerischen Versorgung seit Einführung der Pflegeversicherung gelungen. Das neue Leistungsrecht ermöglicht, die Selbstständigkeit und die Fähigkeiten Pflegebedürftiger zu erhalten und zu stärken. Die Leistungen der häuslichen Betreuung (ehemals § 124 SGB XI, Unterstützung bei der Alltagsgestaltung sowie bei Aktivitäten im häuslichen Umfeld) sind in die Pflegesachleistungen (§ 36 SGB XI) integriert worden.

Alle Bewohner in voll- und teilstationären Pflegeeinrichtungen haben zukünftig einen Anspruch auf zusätzliche Betreuungsangebote. Die soziale Pflegeversicherung finanziert die Betreuungsangebote vollständig. Einrichtungen der langzeitstationären Versorgung haben dies mit den Pflegekassen zu verhandeln und zusätzlich benötigte Betreuungskräfte einzustellen. Die Pflegekassen bieten den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen eine Pflegeberatung an und benennen feste Ansprechpartner für die Pflegeberatung vor Ort. Dies ist als großer Fortschritt zu bewerten, da pflegende Angehörige Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht mehr allein suchen müssen.

Grad der Selbstständigkeit steht im Mittelpunkt

Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ist Teil der Pflegereform, die mit den Pflegestärkungsgesetzen I und II auf den Weg gebracht worden ist. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff wird ein verbessertes Begutachtungsinstrument zur Beurteilung der individuellen Unterstützungsbedarfe eingesetzt. Das neue Begutachtungsinstrument erfasst nun mittels gewichteter Punktwerte die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, die gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen und psychischen Problemlagen sowie die Gestaltung von Alltagsleben und sozialen Kontakten. Der Grad der Selbstständigkeit, Ressourcen und Fähigkeiten stehen hierbei im Mittelpunkt der Begutachtung. Mit dem vorangegangenen Begutachtungssystem zur Festsetzung der Pflegestufe waren v. a. gerontopsychiatrische und psychische Beeinträchtigungen nur eingeschränkt berücksichtigt worden.

Bürokratische Hürden werden aufgehoben

Bei der Versorgung mit Hilfsmitteln wird es Erleichterungen in der Antragstellung geben: Pflegebedürftige müssen nun keinen separaten Hilfsmittelantrag mehr stellen. Die im Einstufungsgutachten enthaltenen Empfehlungen zu Hilfsmitteln werden automatisch an die Pflegekasse weitergeleitet. Die Hilfsmittelversorgung pflegebedürftiger Menschen wird damit in Zukunft wesentlich zügiger und ohne zusätzliche Antragswege geschehen können. Neu ist auch, dass das Einstufungsgutachten dem Antragsteller zukünftig automatisch zugestellt wird.

Regelleistungen der Pflegeversicherung werden erweitert

Pflegerische Betreuungsmaßnahmen zur Bewältigung und Gestaltung des alltäglichen Lebens im häuslichen Umfeld sind nun Bestandteil der Regelleistungen der Pflegeversicherung. Alle Bewohner in voll- und teilstationären Pflegeeinrichtungen haben zukünftig einen Anspruch auf zusätzliche Betreuungsangebote. Die soziale Pflegeversicherung finanziert die Betreuungsangebote vollständig. Einrichtungen der langzeitstationären Versorgung stellen zusätzlich benötigte Betreuungskräfte ein.

Der pflegebedingte Eigenanteil in stationären Pflegeeinrichtungen wird, unabhängig vom Pflegegrad, gleich bleiben: Bislang zahlten Pflegebedürftige in langzeitstationärer Versorgung einen Eigenanteil, der in Abhängigkeit von der Pflegestufe festgesetzt worden war – das bedeutete, je höher die Pflegestufe festgesetzt war, desto höher war der vom Pflegebedürftigen zu zahlende Eigenanteil. Mit den Verbesserungen durch das PSG II wird es einen einheitlichen Eigenanteil für die Pflegegrade 2 bis 5 geben.

Wichtiger Schritt zum Abbau des Fachkräftemangels

Mit dem PSG II sind langzeitstationäre Pflegeeinrichtungen verpflichtet, Kooperationsvereinbarungen mit niedergelassenen Haus-, Fach- und Zahnärzten abzuschließen, um die ärztliche Versorgung der Pflegeheimbewohner zu verbessern.

Um sicherzustellen, dass die neuen Anforderungen an die pflegerische Versorgung umgesetzt werden können, sind mit dem PSG II Maßstäbe und Grundsätze zur Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität und damit ein verbessertes Personalbemessungssystem ("Pflegeschlüssel") festgeschrieben worden (§ 113 SGB XI). Die Erprobung eines verbindlichen Personalbemessungsverfahrens (§ 113c SGB XI) soll bis 2020 abgeschlossen sein, um auf dieser Grundlage einen verbindlichen Personalschlüssel festzulegen. Dies ist ein wichtiger Schritt zum Abbau des Fachkräftemangels.

Die regionale Zusammenarbeit in der Versorgung Pflegebedürftiger wird durch finanzielle Unterstützung der Pflegekassen verbessert: Pflegekassen können zukünftig auf Ebene der Kreise/kreisfreien Städte Netzwerke in deren strukturierter Zusammenarbeit fördern – dies mit bis zu 20.000 Euro je Kalenderjahr.

Rehabilitation und Prävention wird gestärkt

Der Vorrang von Prävention und Rehabilitation vor Pflege ist gestärkt worden. Gutachter treffen nunmehr eine Aussage darüber, ob in der häuslichen Umgebung oder in der stationären Einrichtung, in der der Pflegebedürftige lebt, präventive Maßnahmen empfohlen werden können. Sie müssen auch feststellen, ob Beratungsbedarf zu primärpräventiven Maßnahmen (z. B. Präventionsangebote zur Sturzprävention oder zur Beseitigung von Mangel- oder Fehlernährung) besteht.



Autoren:

Prof. Dr. med. Andreas Klement

Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirurgie, Inst. f. Allgemeinmedizin, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg


Prof. Dr. phil. Susanne Grundke (M. A.)

Pflegewissenschaftlerin, htw saar, Department Gesundheit und Pflege, Saarbrücken

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (3) Seite 31-32