Beim Thema Primärarztsystem hat die DEGAM endlich Klartext gesprochen. Doch nützt das etwas?

Selten war ein Positionspapier so richtig und wichtig wie das jüngste der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zum Primärarztsystem. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Versicherte orientierungslos im System herumirren und bestimmte Facharztgruppen sich als den Lotsen schlechthin hochjubeln, war es gut, dass die DEGAM Klartext gesprochen hat. Für sie kann die Primärversorgung nur mit einem "hausarztgeleiteten Team von Fachärzten" abgedeckt werden, zu der dann aber auch zwingend die Einschreibung in ein Primärarztsystem gehört, wie das bereits in 15 von 28 europäischen Staaten eingeführt ist. Dazu gehört für die DEGAM auch, dass bei direkter Inanspruchnahme von Spezialisten oder Klinikambulanzen eine Zuzahlung erforderlich ist. Das wird laut OECD inzwischen in weiteren 12 Staaten in Europa so praktiziert. Wenn es stimmt, dass nur bei 10 bis 20 % aller Patienten eine Überweisung zu einem Spezialisten erforderlich ist, könnten mit einem Primärarztsystem tatsächlich viele strukturelle Probleme – wie etwa die Überdiagnostik – gelindert oder gar gelöst werden.

Erstaunliche Zustimmung

Selten gab es auch von der organisierten Ärzteschaft so eine eindeutig positive Reaktion wie diesmal. So bewertete Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), in einem Interview die unzureichende Steuerung der Patienten so, als ob er der neue Lobbyist des Hausärzteverbandes wäre: "Das führt dazu, dass die Versicherten sehr oft zum Arzt gehen und direkt den Facharzt aufsuchen, ohne überhaupt den Hausarzt konsultiert zu haben. Oder sie gehen sogar zu mehreren Ärzten gleichzeitig. Auch das sorgt für längere Wartezeiten ..." Die Schlussfolgerung Gassens steht genau auch im DEGAM-Positionspapier: Bei einer völlig beliebigen und unkoordinierten Inanspruchnahme von Medizinern müsste ein "höherer Beitrag gezahlt werden." Da zudem auch in der Bundesärztekammer derzeit über eine neue Definition der Primärversorgung debattiert wird und auch der Sachverständigenrat in seinen Gutachten seit nunmehr 10 Jahren das Primärarztmodell immer wieder in den Fokus rückt, sehen sich dessen Befürworter nun im Aufwind.

Trügerische Hoffnung

Selten war aber eine solche Hoffnung auch so trügerisch. Denn ein Primärarztsystem wird bei uns immer mit zwei grundsätzlichen Argumenten ausgehebelt werden. Niemals wird die Politik hierzulande die freie Arztwahl aufgeben, weil sie als Grundrecht gilt und immer höher bewertet werden wird als sämtliche strukturellen Mängel, die mit dem Primärarztsystem behoben werden könnten. Und niemals wird es die geballte Phalanx von Spezialisten und Klinikambulanzen zulassen, der Allgemeinmedizin einen derart hohen Stellenwert einzuräumen, weil sie mit dem Primärarztsystem zum eindeutig wichtigsten Fach in der ambulanten Medizin aufsteigen würde.

Selten war also ein Positionspapier wie das der DEGAM so wertlos. Denn ein Primärarztsystem wird bei uns politisch niemals primär relevant werden. Dazu bräuchte es mutige Schritte, zu denen derzeit die politischen Entscheidungsträger in diesem Land weder willens noch fähig sind, fürchtet

Ihr
Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (12) Seite 38