Der zweitlängste Fluss Frankreichs – die Seine – entspringt im Burgund und fließt etwa 777 km durch Frankreich, bis sie bei Le Havre in den Ärmelkanal mündet. Ob Edith Piaf, Claude Monet oder Picasso – sie alle ließen sich von Frankreichs magischem Norden inspirieren. Und auch die Impressionisten wussten: Diese Region ist einzigartig und unverwechselbar. Eine echte Muse für große Werke. Jede einzelne dieser Facetten kann man bei einer Flusskreuzfahrt auf der Seine auf ihrer Reise zur Atlantikküste entdecken, davon berichtet unsere Reiseautorin Dr. Renate V. Scheiper.

Links und rechts der sich wie eine Schlange durch die zauberhafte Normandie zum Atlantik windenden Seine jagt ein Höhepunkt den anderen. Es ist, als reihten sich die kostbaren Perlen einer Kette aneinander. Wäre zwischen den Ausflügen nicht die schöne "Seine Comtesse" unser schwimmendes Zuhause, könnte man die Eindrücke kaum verdauen. Als erstes Highlight überrascht Kapitän Michael Payen, der fließend Deutsch spricht, die Passagiere mit einem Abstecher von der Anlegestelle in Paris flussaufwärts zum Eiffelturm.

Vom glitzernden Eiffelturm …

Punkt 23 Uhr funkelt und glitzert er für wenige Minuten wie im Märchen. Angestrahlt wird auch auf der Insel Ile aux Cygnes vor dem Eiffelturm die "Kleine Freiheitsstatue". Was hat sie dort zu suchen? Lachend erklärt Michael Payen, dass sie das kleine Modell der Freiheitsstatue auf Liberty Island vor New York sei. Beide habe der französische Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi 1885 in Paris geschaffen. Die "Große" wurde in 350 Kupferplatten zerlegt, in 214 Kisten verpackt, nach New York verschifft und dort wieder zusammengesetzt. Allgemeines Staunen.

… in die grüne Normandie

Dann geht es weiter flussabwärts Richtung Atlantik. Tagsüber gemütlich auf dem Sonnendeck liegend, genießen wir die üppig grüne Vegetation entlang der Ufer, die ab und zu den Blick frei gibt auf idyllische Orte, Schlösser, Burgruinen und immer wieder schneeweiße phantastische Gebilde an steilen Hängen. Es sind Kreidefelsen, die vor vielen Millionen Jahren übrig geblieben sind nach dem Rückzug des sich damals weit ins Land erstreckenden Meeres. "Senkrecht gestreift wie elegante Pyjamas sind die Fachwerkhäuser", amüsiert sich eine Dame im idyllischen Örtchen Les Andelys. Bevor wir uns dort in einem kleinen Café im Schatten einer Kirche am Pastis gütlich tun, steigen wir gleich von der Anlegestelle aus steil hinauf zur mächtigen Burgruine Château Gaillard, die Richard Löwenherz im 12. Jahrhundert errichten ließ. Der grandiose Blick von dort oben über die große Seine-Schleife zeigt die damalige strategische Bedeutung dieser Lage.

Am nächsten Tag erreicht die "Seine Comtesse" das Städtchen Honfleur mit seinen malerischen Gassen. Hier dominieren Calvados und Cidre in den Geschäften. Noch mehr beeindruckt aber hinter dem Alten Hafen die größte und älteste Holzkirche Frankreichs aus dem 15. Jahrhundert, St-Cathérine. Der ebenfalls hölzerne Glockenturm gegenüber erhebt sich aus einem scheunenartigen Fachwerkhaus. Tagelang könnte man durch diese idyllische Stadt streifen.

Auf den Spuren von Claude Monet

Von Honfleur aus fahren wir mit einem Bus an die "Alabasterküste" bei Etretat. Steil stürzen die Kreidefelsen in den Atlantik. Den berühmten Torbogen, vom Meer in den Kreidefelsen gespült, bannte der Maler Claude Monet immer wieder in allen Schattierungen auf die Leinwand. Einige von uns steigen rechts, die anderen links die bequemen Treppenwege hinauf auf die Felsen. Erhaben ist der Blick auf den Atlantik und die sich nach Süden und Norden kurvenreich entlangschlängelnde Küste von beiden Seiten. Doch der Trubel ist enorm. Wir sind froh, abends wieder an Bord der "Seine Comtesse" zu sein, wo uns am Abend im Salon der bekannte Sänger Fabrice Thierry mit den schönsten Chansons begeistert.

Der Kapitän nimmt nun wieder Kurs stromaufwärts Richtung Paris, um weitere Ziele links und rechts der Seine anzusteuern. Am nächsten Morgen legen wir in Rouen an. Hier wurde 1431 Jeanne d’Arc, die mutige Nationalheilige Frankreichs, als Ketzerin verbrannt. Genau an der Stelle des Scheiterhaufens steht die Kirche Sainte-Jeanne-d’Arc in kühner Architektur. Ebenfalls ungewöhnlich ist ihr Innenraum mit der schlichten Statue der Jeanne d’Arc. Fast makaber: An der berühmten "Gros-Horloge", der riesigen Uhr in der nach ihr benannten Rue du Gros Horloge, verkauft der Chocolatier Anzou ihre Tränen als süße Mandel-Schokoladen-Spezialität. Die breite, von eleganten Geschäften flankierte Straße führt direkt zur Kathedrale Notre-Dame. Vor der monumentalen Fassade mit den zwei gewaltigen Ecktürmen verbrachte
Claude Monet Monate und malte sie zu allen Tages- und Abendstunden. Innen im Chorumgang reihen sich Grabmale bedeutender Wikinger und Normannen aneinander. Richard Löwenherz jedoch ließ hier nur sein Herz bestatten.

Erholsamer Gegensatz zum pulsierenden Rouen ist der Ausflug nach Jumièges auf dem linken Seine-Ufer zur wohl romantischsten Klosterruine Frankreichs. Schon von weitem sind die 46 Meter hohen Türme der romanischen Kirche Notre-Dame aus dem 11. Jahrhundert zu sehen. Romantischer aber wirkt der große Bau von der Ostseite mit Blick in den relativ gut erhaltenen Kirchenraum. Der riesige, sich anschließende Park gehörte einst zur Klosteranlage. Ein weiteres phantastisches Erlebnis ist in Giverny der Besuch des in bunter Blumenfülle fast ertrinkenden Hauses von Claude Monet. In allen Jahreszeiten hielt er die Stimmung seines Blumenparadieses auf Leinwand fest, auch den berühmten Seerosenteich. In seinem Haus ist den Bildern mit dem Seerosenteich ein eigener Raum gewidmet.

In Paris endet die erlebnisreiche Flussfahrt nach einer interessanten Führung durch das Viertel Montmartre für die meisten Passagiere mit dem Besuch des berühmten Revue-Theaters "Lido" auf den Champs-Élysées – denn einmal im Leben muss man den berühmten Cancan gesehen haben.

Reiseinformationen
  • Die einwöchigen Flussfahrten "Seine und romantische Normandie" mit dem "4 Sterne plus"-Schiff "Seine Comtesse" bietet der Flusskreuzfahrtspezialist "Nicko Cruises" an mit verschiedenen Anreisepaketen http://www.nicko-cruises.de .
  • Schiffsbeschreibung: Die "Seine Comtesse" hat auf 3 Passagierdecks 75 Doppelkabinen in 3 Kategorien. Der Kreuzfahrtleiter hält Vorträge, weist auf Besonderheiten am Ufer hin.
  • Buchtipp: DuMont Reisetaschenbuch "Normandie", 12 Euro.



Autorin:
Dr. Renate V. Scheiper

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (8) Seite 90-92