Kaum ein Land fasziniert mehr als das Reich der Mitte. China lockt mit einer der ältesten Kulturen der Welt und zahlreichen Gegensätzen. China damals und China heute – das Reiseland bietet den Gegensatz zwischen Tradition und alten Kulturen sowie einer modernen, aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Unser Reise-Autor Ulrich Uhlmann hat sich mit den Besonderheiten der Kultur vertraut gemacht.

"Der Osten ist rot", hallt es aus den Lautsprechern von Nanjie. Morgens, mittags und abends werden so mit revolutionärem Trommelwirbel und maoistischen Losungen die Bewohner und jährlich 400.000 Touristen in Nanjie begrüßt. Gleich strömen die Besucher auf den Dorfplatz, um der zehn Meter hohen Mao-Statue ihre Reverenz zu erweisen, umgeben von Porträts von Lenin, Stalin, Marx und Engels.

Alles wie zu Maos Zeiten

Nanjie, sauber wie aus dem Ei gepellt, ist sozialistische Nostalgie pur: Wie zu Mao Zedongs besten Zeiten sind Strom, Wohnraum, Kleidung, Altenpflege und vieles andere kostenlos. Und die Einnahmen aus Landwirtschaft, Nudelfabrik und anderen örtlichen Betrieben werden zu gleichen Teilen unter den rund 3.000 Einheimischen aufgeteilt – ein Rundum-sorglos-Paket also. Doch auch hier zieht es unterdessen die jungen Leute wie anderswo in die aufstrebenden Städte.

Von der Provinzhauptstadt Zhengzhou mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern, mit ihren Hochhäusern aus Glas, Stahl und Beton machen wir uns per hervorragend ausgebauter Autobahn auf in Richtung Kaifeng, der alten chinesischen Kaiserstadt. Viele historische Gebäude wurden hier restauriert, denn wiederholte Überschwemmungen richteten immense Schäden an. Zwischen 1194 und 1938 versank die Stadt immerhin 368-mal im Hochwasser. Geblieben ist die sehenswerte 55 Meter hohe Eisenpagode aus dem 11. Jahrhundert – ein achteckiger schlanker Ziegelbau mit glasierten rosafarbenen Kacheln, verteilt auf dreizehn Stockwerke.

Uns aber erwartet ein Spektakel der besonderen Art. Im Millennium-Stadtpark ist nach einer über tausend Jahre alten Bildrolle zwischen Seen, Kanälen, Gassen und Tempeln eine Flussufer-Szene nachgestaltet worden. Gaukler, Feuerschlucker, Mönche, Akrobaten und Marktschreier in historischer Kleidung durchstreifen das Gelände. Sogar ein Schiffsgefecht steht auf dem Programm. Eine Reitershow begeistert die Zuschauer.

Die tausend Gesichter Buddhas

Weiter geht es zur nächsten Touristenattraktion, den Longmen-Grotten bei Luoyang. Auf gut befestigten Wegen und Steigen entdecken wir das UNESCO-Weltkulturerbe. Entlang des Yi-Flusses entstanden auf einem Kilometer Kalksteinwand in Höhlen und Nischen 100.000 Bildnisse und Statuen Buddhas und seiner Schüler. Mehr als 400 Jahre arbeiteten die Künstler bis etwa ins 11. Jahrhundert ununterbrochen daran. Manche der Meisterwerke sind gut erhalten, andere verwittert oder enthauptet. "Entführt" wurden die Schätze vor Jahrzehnten von skrupellosen Kunstsammlern u. a. nach New York, Kansas City und Tokio. Zurück zum Busplatz geht es dann mit einem Boot auf dem Yi-Fluss. Die ganze Schönheit der Longmen-Grotten ist nun mit einem Blick zu erfassen.

Wirbelnde Kung-Fu-Kämpfer

Szenenwechsel: Wir sind bei Dengfeng unterwegs zum Shaolin-Kloster, Heimat der chinesischen Kampfkunst Kung-Fu. Schon von weitem sehen wir auf einem Trainingsgelände junge Leute bei Übungen. Insgesamt gibt es rund ums Kloster 83 Kung-Fu-Schulen mit etwa 80.000 Schülern, in denen ähnlich wie in einer europäischen Sportschule die Jugendlichen bis zum Abitur geführt und in Shaolin vor allem zum Kampfsport-Meister gekürt werden. Später finden sie Arbeit zum Beispiel als Sicherheitspersonal. Stolz sind die Familien aus ganz China, die einen der begehrten Ausbildungsplätze ergattern.

Wir haben Gelegenheit, den Kampfkunst-Vorführungen beizuwohnen. Da wirbeln Schüler und Kampfmönche mit Säbeln, Stöcken und Lanzen herum, erstarren Sekunden später zu Salzsäulen und stürzen sich erneut ins Getümmel. Höhepunkt der Darbietungen: Eine Metallstange wird mit einem gekonnten Schlag auf Arm oder Kopf zerbrochen. Der Getroffene zuckt mit keiner Wimper. Um die elf Millionen Gläubige und Schaulustige sind jährlich nach Shaolin unterwegs, um Tempel und Hallen des Klosters zu besuchen, aber sich auch von den Kung-Fu-Shows beeindrucken zu lassen.

Abends dann vor herrlicher Gebirgskulisse eine Freilichtveranstaltung mit über 600 Darstellern, die in fünf Kapiteln dem Zen-Buddhismus gewidmet ist. Shaolin-Mönche bezaubern durch ihren Gesang; Kung-Fu-Gruppen zeigen ihre Fähigkeiten. Bestaunenswert auch die Lichteffekte, die Tempel, Hallen, Grotten und Wasserfall in wechselnd-bunten Farben zeigen. Als technische Glanzleistung zieht sogar der Mond über den Himmel, während die umliegenden Berghänge in diffuses Licht gehüllt sind.

Abschied von Henan, einer aufstrebenden Provinz in Zentralchina, die sich in den letzten Jahren dem nationalen und internationalen Tourismus geöffnet hat. Jährlich wird sie von 120 Millionen Gästen aus nah und fern erforscht. Sie ist gezeichnet von dreitausendjähriger Geschichte, von einzigartigen Naturlandschaften, historischen Städten, dem Gelben Fluss und ihren liebenswerten Menschen. Ulrich Uhlmann

Reisetipps
Informationen:

Reiseliteratur:
  • Lonely Planet "China", MairDumont, 28,99 €;
  • Reise-Handbuch "China", DuMont Reiseverlag, 26,99 €;
  • "China", Nelles Verlag, 15,90 €;
  • "China – Der Reiseführer vom Spezialisten", traveldiary Verlag, 14,80 €;
  • Polyglott on tour "China", Travel House Media, 12,99 €.



Autor:
Ulrich Uhlmann

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (6) Seite 96-98