Als einen weiteren Warnruf gegen das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn muss man wohl eine Aktion der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) verstehen. Die hat kürzlich in ihrem Hauptquartier eine sogenannte Arztzeituhr aufgestellt. Und die zählt – anders als die weitaus bekanntere Schuldenuhr – nicht aufwärts, sondern abwärts.

In den Kliniken wird händeringend Fachpersonal gesucht, und auch im ambulanten Sektor mangelt es an jungen Ärzten, die bereit sind, sich in einer Praxis niederzulassen und die jetzt schon mancherorts klaffenden Lücken in der Versorgung zu schließen. Das führt dazu, dass die Menge an Arztzeit allmählich schwindet. Und genau das soll die von der KBV installierte 3 Meter lange Arztzeituhr verdeutlichen. Langsam, aber stetig wird die angezeigte Zahl kleiner.

Von Arztköpfen und Produktivität

Das liege gar nicht mal so sehr daran, dass sich die Zahl der "Arztköpfe" verringere, so der KBV-Vorstand. Tatsächlich wird wohl die Zahl der Ärzte und Psychotherapeuten bis zum Jahr 2025 relativ konstant bleiben. Für den Sinkflug macht die KBV vielmehr die geringere Produktivität der Ärzte verantwortlich. Gemeint ist damit der Trend bei jungen Ärzten, erst einmal im Angestelltenverhältnis zu arbeiten und das auch oft nur in Teilzeit.

So hat die KBV für das Jahr 2017 für die Praxen eine Jahresarbeitszeit von mehr als 19 Milliarden Minuten errechnet, die von 162.878 Ärzten und Psychotherapeuten erbracht wurden. Rechnet man dies in eine klassische 40-Stunden-Woche um, so kommt man auf fast 180.000 "Vollzeitäquivalente", wie die KBV das nennt.

Wenn nun die Zahl der selbstständig arbeitenden Ärzte abnimmt und durch angestellt und in Teilzeit arbeitenden Nachwuchs ersetzt wird, so werde die Jahresarbeitszeit bis zum Jahr 2025 auf 16,7 Milliarden Arztminuten abnehmen, prophezeit die KBV. Das entspräche dem Verlust von rund 21.000 "Vollzeitäquivalenten" – also Arztköpfen. "Die nachkommende Medizinergeneration kann die Lücke, die die älteren reißen, nur nach Köpfen, nicht aber nach Arbeitszeit schließen", fasst KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister das Szenario zusammen.

Keine Schuldzuweisung an angestellte Ärzte

Der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen malt sogar ein noch schwärzeres Bild: Er spricht von 40.000 Arztköpfen, die verloren gingen, wenn auf einen Schlag alle jetzt noch selbstständigen Vertragsärzte zu Angestellten würden und in einem Normalarbeitsverhältnis von 40 Stunden pro Woche arbeiten würden.

Dass es so weit kommen könnte, glaubt zwar derzeit keiner, aber Gassen geht es darum, deutlich zu machen, dass durch das TSVG die Rahmenbedingungen für niedergelassene Ärzte immer unattraktiver würden, weil der Gesetzgeber massiv in die Praxisabläufe eingreife. So werde keine zusätzliche Arbeitszeit geschaffen, sondern durch mehr Bürokratie würde diese Arbeitszeit sogar noch weiter verknappt. Einen Anreiz für junge Ärzte, sich niederzulassen, böte das TSVG jedenfalls nicht, meint Gassen. Vielmehr könne es dazu führen, dass sich ältere Ärzte früher als geplant ganz aus der Versorgung zurückziehen. Das Arztzeitproblem würde sich dadurch noch verschärfen.

Niederlassungsbedingungen verbessern

Als Kritik oder gar Anklage gegenüber der jungen Medizinergeneration will KBV-Chef Gassen seine Berechnungen allerdings nicht verstanden wissen. Er stellt klar, dass auch angestellte Ärzte eine medizinisch hervorragende Arbeit leisten würden. Aber ihr zeitliches Wirken sei eben logischerweise durch Arbeitsverträge auf maximal 40 Wochenstunden begrenzt. Es sei völlig verständlich und auch richtig, dass sich Arbeits- und Privatleben möglichst ausgeglichen die Waage halten, nahm auch KBV-Vize Hofmeister die jungen Ärzte in Schutz. Es sei ja nicht ihre Schuld, wenn der Gesetzgeber die Niederlassungsbedingungen weiter verschlechtere und so die Motivation zur Selbstständigkeit erdrossele. Stattdessen sollte der Gesetzgeber so viel wie möglich dafür tun, dass sich weiterhin Ärzte und Psychotherapeuten für eine eigene Praxis entscheiden, so Hofmeister.

Die Hoffnung von Gesundheitsminister Spahn, dass die Digitalisierung das große Allheilmittel für den Arztzeitverlust sein könnte, teilt der KBV-Vorstand jedenfalls nicht. Zwar müsse man die Telemedizin und E-Health weiter ausbauen, aber eine Arztminute bleibe eine Arztminute – egal ob digital oder nicht.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (4) Seite 26-27