Eine der Aufgaben der Allgemeinmedizin ist das Erkennen abwendbar gefährlicher Verläufe und die entsprechende Behandlung und Überweisung zur fachärztlichen Behandlung sowie die Betreuung von chronisch Kranken, z. B. Patienten mit Hypertonien und Diabetes. Für die Familienmedizin mit oft krisenhaften Verläufen ist der Allgemeinarzt als Hausarzt zumeist Ansprechpartner für die entstehenden psychosozialen Konflikte.

Gesundheitssystemforschung befasst sich mit dem Bedarf, der Inanspruchnahme, den Ressourcen, Strukturen, Prozessen und Ergebnissen von systematisch organisierten Ansätzen der Krankheitsverhütung, -bekämpfung oder -bewältigung. Gesundheitssystemforschung, die sich auf die Mikroebene bezieht, wird auch als Versorgungsforschung bezeichnet.

Die wesentlichen Fragestellungen betreffen
  • die Zugangsmöglichkeiten bzw. Hindernisse zum Versorgungssystem
  • die gerechte Verteilung von Lasten und Nutzen auf die Bevölkerung
  • die Nutzung und Angemessenheit von Leistungen
  • die Anreizwirkungen aufseiten der Leistungsanbieter und Präferenzen der Leistungsnachfragenden sowie
  • die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Subsystemen, Institutionen oder Programmen

Betrachtet man die oben genannten Fragestellungen, wird deutlich, dass z. B. die äußerst angespannte Situation der hausärztlichen Versorgung in ländlichen Gebieten ein Hindernis des Zuganges zum Versorgungssystem ist. Es sieht zwar so aus, als gäbe es genügend Versorgungsforschung in der Allgemeinmedizin, aber diese zeigt u. a., dass derzeit nicht von einer gerechten Verteilung die Rede sein kann.

Die zunehmende altersdemografische Entwicklung in Deutschland erfordert von der hausärztlichen Versorgung quantitativ und qualitativ besondere Anstrengungen, die nicht mehr mit der Versorgungsrealität zu vereinbaren sind, da zugleich die Zahl der Familien, die ihre Großeltern oder Eltern zu Hause versorgen zurückgeht. Altenwohnheime, Demenzeinrichtungen etc. sind gleichfalls häufig von den Hausärzten zu versorgen.

Versorgungsforschung braucht in der Routineversorgung erhobene Daten, wofür die allgemeinmedizinische Versorgung besonders geeignet erscheint. Es gibt also einen dringenden Bedarf an Versorgungsforschung in der Allgemeinmedizin. Wie aber sollen Allgemeinärzte in der hausärztlichen Praxis solche zusätzlichen Aufgaben, noch dazu ohne finanzielle Entgelte, leisten?

Die Institutionen, die über die meisten der notwendigen Daten verfügen, sind die Kostenträger, denen die hausärztliche Versorgung deutlich mehr am Herzen liegen sollte. Um demnach die hausärztliche Versorgung erheblich zu fördern und zukunftssicherer zu machen, bedarf es weiterer Anstrengungen der allgemeinärztlichen Institutionen, z. B. der privaten und vor allem gesetzlichen Krankenversicherungen, um gemeinsam diese Ziele zu erreichen.



Autor:

Prof. Dr. med. lic. jur. (CH) Toni Graf-Baumann

Facharzt für Anästhesie und Intensiv- und Notfallmedizin
Lehrbeauftragter an der Univ. Innsbruck und an der ANGELL-Akademie Freiburg
10098 Berlin

Zur Person:
Für seine herausragenden Leistungen für die Ärzteschaft ist der Facharzt für Anästhesie und Intensiv- und Notfallmedizin, Prof. Dr. med. Toni Graf-Baumann, mit der Ehrenplakette in Silber der Landesärztekammer Hessen geehrt worden. Der heute 71-Jährige studierte Medizin, Psychologie und Rechtswissenschaften. 1987 habilitierte er im Bereich Gesundheitssystemforschung an der Eidgenössischen Wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule St. Gallen.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (8) Seite 5