Irgendwann kommt bei jedem der Tag, an dem man sich endgültig aus dem Arbeitsleben verabschiedet und seine Praxis schließt oder an eine oder einen Jüngere/n übergibt. Frau Dr. Waltraud Fink ist diesen Schritt zum Jahresende 2016 gegangen. Sie schildert, wie dieser letzte Praxistag und die letzten Hausbesuche verliefen und welche Gedanken der angehenden Pensionärin dabei durch den Kopf gingen.

Natürlich beginnen schon Wochen, ja Monate vorher die Gedanken zu kreisen: Wie wird es sein? Aber bald werden hochkommende Gefühle zurückgedrängt, weil die Pflicht ruft. Zudem dominiert Bürokratisches, Administratives, Organisatorisches die Überlegungen. Vereinbarungen, Besprechungen, rechtzeitige Kündigungen, Telefonate beherrschen den Alltag.

Morgen bin ich nicht mehr da

Und es nähert sich der letzte Tag. Das Praxis-Ende mit all seinen Konsequenzen kündigt sich an, etwa wenn man mit einem Patienten die Befundkontrolle in einem Monat vereinbart … aber Moment! Da bin ich ja gar nicht mehr da. Es kommen die letzten Hausbesuche bei langjährigen, pflegebedürftigen Patienten. Es kommt schlechtes Gewissen auf, das Gefühl, man lässt die armen Leute im Stich: Man hat doch die Verantwortung, wie für ein Kind. Gerne hätte ich alle Details, Eigenheiten dieses oder jenes Patienten meinem Nachfolger übermittelt und meine Erfahrungen kundgetan. Und dann schweifen meine Gedanken immer wieder zurück zu meinen eigenen Anfängen in der Praxis: Auch ich hatte kaum eine Einführung durch meine Vorgängerin, habe nach meinem eigenen Gutdünken die Betreuung begonnen. Jetzt werde ich bald nicht mehr zuständig sein und ich werde keinen Einfluss mehr haben. Aber wenn mir nicht mehr die Verantwortung obliegt, gebe ich letztendlich Macht ab. Das wiederum tun wir ungern.

Die letzten Patienten behandeln

Und dann ist er da, der letzte Praxistag, Freitag, der 30. Dezember 2016. Ein Tag mit Vormittag- und Nachmittag-Sprechstunde und dazwischen akut verlangte Hausbesuche. Der erste Patient will noch einmal eine Zerumenentfernung, weil ich das am besten machen würde. Die Praxisnormalität wird immer wieder unterbrochen, weil mir jemand nur zwischen "Tür und Angel" schnell ein Dankbillet oder einen Blumenstrauß in die Hand drücken will.

Die Zeit der grippalen Infekte oder gar Influenza hat begonnen. Diese Patienten – groß und klein – leiden. Sie berührt mein Abgang nicht, wollen nur eine Krankmeldung, ein paar wirksame Mittel und die Gewissheit, dass hinter dem quälenden Husten keine Lungenentzündung steckt. Als ich selbst einmal krank war, bekam ich von dem kleinen Lukas eine Zeichnung zur "Guten Besserung". Heute kommt er mit seiner verkühlten Mutter und überreicht mir zum Abschied seinen Eindruck von meiner Arztpraxis. Viele decken sich mit Medikamenten ein, um nicht gleich die neue Praxis aufsuchen zu müssen, aber es gab auch ein paar, mit denen ich gerechnet hätte, die doch nicht kamen. Sie konnten es nicht erwarten, den Neuen "auszuprobieren".

Bei einem Plasmozytom-Patienten haben wir eigens die Xgeva®-Injektion ein paar Tage vorverlegt, damit ich sie noch machen kann. Während ich die Spritze vorbereite, packt die Gattin ein von ihm selbst aus Steinen und Blech gebasteltes Alpenblumenbild aus. Als er noch in den Bergen herumklettern konnte, hatte er mir einmal – verbotenerweise – ein echtes Edelweiß mitgebracht. Ein 83-jähriger Landwirt nimmt sich kaum Zeit für die Laborbesprechung. Wegen des deutlich erhöhten PSA hätte ich ihm schon zu einem Besuch beim Urologen geraten. Ob er meinen letzten Rat annehmen wird?

Und noch einmal zum Hausbesuch

Die letzten Hausbesuche spiegeln die normalen Herausforderungen einer Allgemeinmedizinpraxis wider: Ein fraglich fieberhafter Zustand von Erbrechen und Durchfall bei einer sonst rüstigen 80-Jährigen. Leider ist niemand von ihrer Familie hier, um sie zu betreuen. Zum dritten Mal wird dem 79-Jährigen eine Spitalseinweisung geschrieben. Zwar hieß es in dem jüngsten Arztbrief "… gebessert entlassen", doch laut Gattin kann davon keine Rede sein: Die Durchfälle dauern an, und er wolle gar nicht aufstehen. Wegen chronischer Kreuzschmerzen will die fast 93-jährige Frau unbedingt noch eine Rheumaspritze; ihre flimmernde Myokardiopathie, die NOAK-Therapie und die grenzwertigen Kreatininwerte kümmern sie nicht.

Am Ende der Abendsprechstunde: ein Vertretungsfall. Einen sympathischen Patienten, der viel in sich hineinzuhören scheint, versuche ich zu entängstigen. Er hatte eine Erkältung, fühlt sich jetzt noch matt und es steche ihn in der Brust. Mehr aus "therapeutischen" Gründen schreibe ich ein EKG, auch wenn die Zeit schon fortgeschritten ist und sich die Ordinationshilfe längst verabschiedet hat. Jedenfalls möchte ich auch diesen letzten Patienten nach bestem Wissen und Gewissen beraten.

Dann der Versuch der Sammlung, des Bewusstwerdens, dass es tatsächlich mein letzter Praxistag ist: Im Sozialraum sieht es aus wie in einer Blumenhandlung …. Aber während ich beginne, mich gedanklich und emotionell zu "verabschieden", läutet gegen 21 Uhr das Telefon. Nein, es ist nichts Privates! Ein Mann aus dem Ort will noch einmal mit seiner Frau herkommen: Sie habe arge Kopfschmerzen und fühle sich einfach nicht wohl. Die wenig klagsame Frau wies in den letzten Jahren einen leicht demenziellen Prozess auf. Klinisch wirkt sie jetzt nur etwas erschöpft, bei der körperlichen Untersuchung fällt mir sonst nichts auf. In ihrer Kartei suche ich vergebens nach der letzten Bildgebung des Kopfes. Hatten wir es tatsächlich verabsäumt, diese überhaupt einmal zu veranlassen? Sofort stelle ich noch eine Zuweisung zur Magnetresonanztomographie aus; zur Dokumentation, dass ich wenigstens am letzten Praxistag daran gedacht hatte, abwendbar gefährliche Verläufe auszuschließen.

Ein skurriles Ende

Nach Mitternacht komme ich endlich mit einem Teil meiner Blumensträuße nach Hause und beginne die Dankschreiben zu lesen:

Danke ….. "für die sehr kompetente und sehr einfühlsame Betreuung während der letzten Jahrzehnte" … "für die liebe Betreuung" … "umsichtige Betreuung" … "für Ihre Hilfe bei kleinen Sorgen und auch großen!" … "für alle Jahre Ihrer Begleitung" … "Sie hatten immer mein vollstes Vertrauen" … "Wir bedanken uns herzlich dafür, dass Sie uns viele Jahre die Gewissheit einer guten ärztlichen Versorgung geschenkt haben."

Und dann das Skurrilste dieses letzten Praxistages: Just da kam ein Telefonat, eine Klarstellung der Sanitätsbehörde: Die vor einiger Zeit brieflich angekündigte Verleihung des Ehrenzeichens für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich galt nicht mir. Die Anruferin erklärte, es sei jemandem ein Irrtum unterlaufen. "Wo Menschen arbeiten, passieren eben Fehler", meinte sie entschuldigend.

Waltraud Fink

Waltraud Fink ...
... studierte Medizin in Wien, absolvierte die Spitalausbildung in Schärding am Inn und war ab 1982 niedergelassen im kleinen Weinbauort Straning. 1990 übernahm sie für mehrere Semester den Lehrauftrag an der Meduni Wien von Robert N. Braun. Sie leitete seinen Qualitätszirkel "Erfahrungsaustausch". Über viele Jahre war sie National Representative im European General Practice Research Network (EGPRN).


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (5) Seite 88-90