Die Frage lässt sich zum Glück leicht beantworten und zwar in einem knappen Satz: Die Selbstständigkeit ist dann kein Risiko, wenn sie gut geplant ist! Erfahren Sie hier, worauf es bei der Planung ankommt, welche Kosten Sie einkalkulieren müssen und wie hoch der Ertrag nach all den anfänglichen Investitionen ist.

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Praxisgründung und vieles muss wohlüberlegt sein, bevor man sich als Arzt oder Ärztin eine Existenz aufbaut. Wichtig ist, dass sich jeder Gründer umfassend informiert und die richtigen Experten und Berater mit ins Boot holt. Die ersten Fragen, die man für sich klären sollte, sind: Will ich meinen Beruf ganz allein oder mit anderen ausüben? In welcher Region will ich arbeiten? Mit einem breit gefächerten oder einem spezialisierten Leistungsangebot? Aus all diesen Überlegungen heraus ergibt sich ein erstes Praxiskonzept.

Die Einzelpraxis: Übernahme oder Neugründung?

Die häufigste Form der Existenzgründung bei Ärzten ist die Übernahme einer bereits bestehenden Einzelpraxis. 2016 haben sich 54 % der Ärzte, die sich niedergelassen haben, dafür entschieden. Am Beispiel der Hausärzte verlangte diese Entscheidung im Durchschnitt 134.000 Euro an Gesamtinvestitionen. Wobei hier zwischen dem eigentlich durchschnittlichen Übernahmepreis für die Praxis selbst in Höhe von 90.000 Euro und den Investitionen für die Praxismodernisierung und Geräteausstattung von durchschnittlich 44.000 Euro unterschieden werden muss. Der Übernahmepreis umfasst den ideellen Wert, der unter anderem vom Patientenstamm, dem Image und der Lage der Praxis abhängt, sowie den materiellen Wert, der sich durch die sich bereits in der Arztpraxis befindenden Einrichtungsgegenstände und medizinischen Geräte ergibt. Hinzu kommen weitere Investitionen – je nach Zustand und Ausstattung der Räume – unterschiedlich hohe Kosten für Modernisierung, Einrichtung oder medizinisch-technische Ausstattung. WICHTIG jedoch: Die Zahlen sind extrem davon abhängig, wo Sie gründen!

Vorteile der Praxisübernahme

Bei Praxisübernahme profitiert der "Neue" von den alten, gewachsenen Strukturen, der vorhandenen Einrichtung und dem Patientenstamm. Für die Anfangsphase gibt es Erfahrungswerte, und im Vergleich zu einer Neugründung wird das wirtschaftliche Risiko auf ein Minimum reduziert. Der "Übernehmer" hat zudem die Möglichkeit, einige Investitionen auf später zu verschieben.

Vorteile der Neugründung

Neu gegründete Praxen bieten dagegen den Vorteil des größeren Gestaltungsspielraums u. a. bei Standort, Ausstattung und Zielgruppe; der Arzt kann sein Praxiskonzept ohne Einschränkungen vonseiten des Vorgängers umsetzen. 2016 waren die Neugründungen von Einzelpraxen im Schnitt mit 104.000 Euro sogar günstiger, doch diese finden nur sporadisch statt und lagen 2016 bei 5 %.

Die gemeinsame Niederlassung

Für diejenigen, die lieber gleich mit einem Kollegen die Praxisgründung angehen wollen, bedeutet diese Entscheidung, sich in eine ärztliche Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) einzukaufen bzw. selber eine zu gründen. In der Regel wählt jeder dritte Arzt eine BAG bei dem Schritt in die Selbstständigkeit.

Im Falle der Hausärzte stellte 2016 die Niederlassung in einer BAG eine beliebte Variante der Existenzgründung dar. Dies kann u. a. auf zweierlei Weise geschehen: Entweder durch den Eintritt durch Kauf von Anteilen eines ausscheidenden BAG-Mitglieds oder durch die Übernahme einer vorhandenen BAG. In beiden Fällen lag das Investitionsvolumen im Schnitt bei 128.000 Euro.

Bei all den Investitionen – was verdiene ich eigentlich?!

Die Ausübung der Allgemeinmedizin in eigener Praxis lohnt sich nach wie vor! Die Praxiseinnahmen und auch der Überschuss sind 2016 sowohl in einer allgemeinmedizinischen Einzelpraxis (Abbildung 1) als auch in einer 2er- und 3er-BAG weiter gestiegen.

Unsere Auswertungen zeigen, dass zwei Drittel der Praxisinhaber einen Überschuss erzielen, der oberhalb des Bruttogehalts eines Oberarztes liegt. Bereits im ersten vollen Wirtschaftsjahr nach Aufnahme der Selbstständigkeit werden in allgemeinmedizinischen Einzelpraxen durchschnittliche Einnahmen in Höhe von 334.300 Euro erwirtschaftet. Dies entspricht rund 92 % der durchschnittlichen Einnahmen über alle allgemeinmedizinischen Einzelpraxen.

Die größten Stolpersteine – kritische Fragen zur Praxisgründung

Viele Fragen, die wichtig sind (zu Praxisart, Leistungsspektrum oder Praxislage), sind bereits angesprochen worden. Richtig ist: Wer sich als Ärztin oder Arzt selbstständig machen möchte, hat die Qual der Wahl. Einen Masterplan für die Selbstständigkeit gibt es nicht. Für jede Niederlassungsform gibt es Pro- und Kontra-Argumente, die mit der eigenen Persönlichkeit in Einklang gebracht werden müssen. Zudem hat der ärztliche Nachwuchs einige Vorbehalte gegen die Niederlassung. Zu aufwendig und zu riskant glauben die meisten. Nachfolgend die drei häufigsten Bedenken und wie sie einzuordnen sind:

1. Vorbehalt: "Mir ist das finanzielle Risiko zu hoch!" Ja, die immensen Investitionen wollen gut durchdacht und durchgeführt werden. Doch die Erfahrung zeigt: Hohe Investitionen sind nicht zwingend mit einem hohen Risiko gleichzusetzen. Entscheidend für den langfristigen Erfolg ist vielmehr, ob das Vorhaben wirtschaftlich auf solider Grundlage steht. Gründer sollten ihren Finanzierungsbedarf nicht nur für Investitionen, sondern auch für die Anlaufkosten der Praxisgründung genau kennen. Oder anders ausgedrückt: Je besser ein Projekt vorher durchgerechnet wurde, desto weniger Probleme gibt es nachher. Den besten Beweis hierfür liefern die langjährigen Erfahrungswerte der apoBank, die einen Großteil der Existenzgründer unter den Heilberuflern in Deutschland begleitet: 998 von 1.000 Finanzierungen können problemlos bedient werden. Und trotz vieler Diskussionen über schlechte Honoraraussichten ist die wirtschaftliche Situation der Niedergelassenen insgesamt solide und nicht selten deutlich attraktiver als die der Angestellten. Was uns direkt zum nächsten Vorbehalt führt.

2. Vorbehalt: "Wo bleibt bei all der Arbeit meine Freizeit?" Ja, das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Für viele Menschen spielen Status, Einkommen und Hierarchien eine eher untergeordnete Rolle. Der Job soll sinnvoll sein und Zeit und Raum für Freizeit und Familie lassen. Das Stichwort lautet: "Work-Life-Balance". Doch so wie sich die Lebensentwürfe in den vergangenen Jahrzehnten geändert haben, haben sich auch die Gründungsmöglichkeiten geändert. Gerade heute kann die Selbstständigkeit so flexibel gestaltet werden wie nie zuvor – ob im Rahmen einer Teilzulassung, eines Jobsharings oder in einer BAG. In erster Linie ist es also eine Frage der Organisation, ob der Spagat zwischen Beruf und Familie gelingt. Nicht umsonst wird die Gemeinschaftspraxis bei Ärztinnen und Ärzten immer beliebter.

3. Vorbehalt: "Ich bin kein Unternehmertyp!" Ja, ein niedergelassener Arzt muss nicht nur im Sinne des Hippokrates handeln, sondern zudem auch in seinem eigenen Sinne unternehmerisch denken. Ist man selbstständig, muss man sich auch selbstständig um wirtschaftliche Kennzahlen, Abrechnung, Qualitätsmanagement, Praxisorganisation, Personalführung etc. kümmern. Das sind aber Bereiche, in denen man ohnehin auf professionelle Hilfe zurückgreifen sollte. Fehlendes Know-how kann man sich aneignen oder einkaufen. Ob Steuerberater, Gründer-Coach oder persönliche Beratungspartner (von Banken, Verbänden und Organisationen): Wer sich rechtzeitig informiert und fortbildet, spart sich später mögliche Fehlschläge.

In der kommenden Ausgabe finden Sie eine Übersicht über die verschiedenen Formen der Niederlassung.

Fazit: Analysieren Sie Ihre Grundvoraussetzungen für Ihre Existenzgründung
Stecken Sie betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen ab, überlegen Sie, wie Sie Ihre Praxis führen wollen. Denn je konkreter die Planung, desto reibungsloser die Existenzgründung. Viele Checklisten liefern dafür detaillierte Übersichten zu den wichtigen Punkten, an die Sie denken sollten. Die Aussichten, dass der Schritt in eine eigene Praxis am Ende auch die richtige berufliche Entscheidung sein wird, sind sehr gut: 90 % der Ärzte würden sich nach fünf Jahren Selbstständigkeit erneut für die eigene Praxis entscheiden, so die Ergebnisse einer apoBank-Studie. So sollte nicht das finanzielle Risiko im Fokus stehen, sondern vielmehr die eigene Motivation, Patientenversorgung individueller und vielschichtiger gestalten zu können.



Autor:

Jessica Hanneken

Rechtsanwältin
Deutsche Apotheker- und Ärztebank
40547 Düsseldorf

Interessenkonflikte: Die Autorin hat keine deklariert



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (4) Seite 54-56