Durch die zunehmende Nutzung von digitalen Medien ergeben sich auch im Bereich der Diabetologie neue Möglichkeiten. So werden Informationen über die Erkrankung sowie die passende Ernährung mit Hilfe von Apps angeboten, über das Smartphone können Blutzuckerwerte und Insulindosen, oft auch Ernährung und Bewegung dokumentiert sowie Kalorien gezählt werden.

Die Zahl an Diabetes-Apps wächst stetig. Dabei ist nicht geregelt, ob und wie Apps auf inhaltliche Richtigkeit und Sinnhaftigkeit geprüft werden. Das erschwert es, empfehlenswerte Apps herauszufiltern. Daneben stellt sich – auch durch die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – die Frage, was mit den Daten der Nutzer passiert.

Verbesserte Compliance der Patienten

Smartphones sind ein alltäglicher Begleiter geworden. Verständlicherweise möchten Patienten, auch was Gesundheit und Medizin betrifft, diesen "Komfort" nicht missen und wünschen sich einfache Lösungen. Das Führen eines handschriftlichen Diabetestagebuchs ist aufwendig. Deutlich schneller ist es, Blutzuckerwerte in eine App zu tippen oder sogar direkt vom Messgerät in diese zu übertragen; oder etwa die zur Blutzuckermessung und Insulininjektion verzehrten Lebensmittel aus einer vorgefertigten Liste mit wenigen Klicks auszuwählen und zu speichern.

In einer App erhobene Daten können digital übertragen werden. Für die Besprechung der Blutzuckerwerte müssen Patient und Arzt bzw. Diabetesfachkraft sich nicht gegenübersitzen. Durch eine solche Verbesserung des Therapiemanagements kann auch die Compliance der Patienten gefördert werden [3].

Das Problem mit den Daten

Bei der Übertragung muss Datensicherheit gewährleistet sein, den die Abfrage von sensiblen Gesundheitsdaten ist besonders kritisch. In der DiMAPP-Studie [4] wurden Fragebögen von 337 Probanden zu ihrer Nutzung von Diabetes-Apps ausgewertet. Hierbei ging es unter anderem um die Vorteile, aber auch die Hürden bei der Nutzung von Diabetes-Apps. Es zeigte sich, dass viele Befragte das Ausspähen von Gesundheitsdaten fürchten – mehr noch als Probleme mit der App-Technik. Nach der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung müssen App-Anbieter jetzt darüber aufklären, wie die Daten verarbeitet werden. Je nach Anwendung, z. B. App, Softwarelösung oder E-Mail-Programm, kann es bei der Übermittlung von personenbezogenen Daten Probleme bei der Einhaltung des Datenschutzes geben. Im Zweifel sollten Patienten hierüber aufgeklärt werden.

Was ist eine gute Diabetes-App?

Im Prinzip kann jeder – ungeachtet seiner beruflichen Qualifikation – eine Diabetes-App herausbringen. Nur sehr selten sind dies Ärzte oder Diabetesfachkräfte. Die Situation macht deutlich, dass Standards entwickelt werden sollten, die es ermöglichen, die Qualität von Gesundheits-Apps zu beurteilen. Die Informations- und Bewertungsplattform HealthOn der Initiative Präventionspartner untersucht ein weites Feld an Gesundheits-Apps, darunter speziell auch Ernährungs-Apps, anhand diverser Kriterien, die unter dem Begriff "Ehrenkodex" zusammengefasst sind [2]. Weitere Kriterien zur Qualität von Apps wurden vom Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (ZTG) zusammengestellt [1].

Tipp: Woran erkenne ich eine empfehlenswerte App?
  1. Es ist klar erkennbar, welchem Zweck die App dient und ob es sich um ein Medizinprodukt handelt.
  2. Der Informationsgehalt der App ist korrekt und auf dem aktuellen Stand.
  3. Der Autor ist inkl. seiner Qualifikation angegeben.
  4. Die Datenschutzrichtlinien werden aufgeführt.
  5. Auf ggf. bestehende Werbepolitik wird hingewiesen bzw. ggf. vorhandene Finanzierungsquellen werden vollständig genannt.
  6. Es wird ein Ansprechpartner für gesundheitsbezogene Informationen der App genannt bzw. es gibt ein Kontaktformular.
  7. Ein Impressum ist vorhanden und leicht zu finden.


Erstmals gibt es ein Siegel für Diabetes-Apps, welches von der Initiative DiaDigital vergeben wird. Patienten, Angehörigen und Gesundheitsfachkräften wird auf diese Weise eine Orientierung gegeben. Unter anderem wurde das Siegel für die Apps NutriCheck, SiDiary und MyTherapy vergeben. Die Bewertung weiterer Apps steht aus und ist auch auf die Mithilfe vieler freiwilliger Tester angewiesen. Weitere Informationen unter http://www.diadigital.de .

Nutzen von Apps belegt

Der Nutzen von Diabetes-Apps ist durch klein angelegte Studien belegt. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit 100 Teilnehmern aus dem Jahr 2016 konnte zeigen, dass durch Diabetesmanagement mittels App HbA1c und Blutzuckerwerte sowie das Wissen um die Erkrankung und das Selbstmanagement signifikant verbessert werden konnten [7]. In einer weiteren randomisierten kontrollierten Studie erhielten die 144 Teilnehmer im Alter von über 60 Jahren Rückmeldung zu ihren Blutzuckerwerten über das Smartphone. Dies verbesserte den HbA1c-Wert und verringerte die Zahl schwerer und nächtlicher Unterzuckerungen [5]. Die Verwendung einer App mit automatisierten Rückmeldungen zu den eingegebenen Werten führte in einer Studie bei Patienten mit Typ-2-Diabetes (n = 48) zu einer Verbesserung von HbA1c-Wert und Gewicht [6].

Positive Erfahrungen aus dem Praxisalltag

In unserer diabetologischen und ernährungsmedizinischen Schwerpunktpraxis sehen wir eine größere Zahl von Patienten, die Diabetes-Apps regelmäßig nutzen. Wir können bestätigen, was bereits die DiMAPP-Studie zeigte: Die Technik stellt schon lange keine Hürde mehr für die Nutzung dar – ungeachtet der Altersklasse der Patienten. Zielgruppen von Diabetes-Apps sind daher nicht nur junge Menschen mit Typ-1-Diabetes, sondern genauso auch ältere Menschen z. B. mit Typ-2-Diabetes.

Patienten sind oftmals motivierter, ein elektronisches Diabetestagebuch mittels App zu führen anstatt alle Daten handschriftlich zu notieren, da das Smartphone ohnehin ein täglicher Begleiter ist. Die Motivation wird im Vergleich zum handschriftlichen Tagebuch zudem länger aufrechterhalten. Einige Apps wie z. B. MySugr besitzen einen spielerischen Charakter und motivieren den Patienten durch Aufgaben und das Freischalten von Erfolgen zur Dokumentation der Diabetesdaten. So kann sich etwa für einen bestimmten Zeitraum ein Premium-Account durch regelmäßiges und häufiges Blutzuckermessen erarbeitet werden. Nicht selten fragen Patienten explizit nach Blutzuckermessgeräten, die zu Hause auf dem eigenen PC selbst ausgelesen werden können oder welche die Blutzuckerwerte via Bluetooth auf das Smartphone übertragen können.

Merke: Cloudbasierte Anwendungen
Bei cloudbasierten Anwendungen werden die Daten nicht lokal, d. h. auf dem Smartphone oder dem PC gespeichert, sondern auf einer onlinebasierten Plattform. Das ermöglicht den Zugriff von unterschiedlichen Endgeräten aus, reduziert jedoch auch die Datensicherheit.

Bei der Datenspeicherung durch Apps kann zwischen zwei Möglichkeiten unterschieden werden. Apps können Daten lokal, d. h. direkt auf dem Smartphone des Nutzers speichern. Dies ist meist nur noch eine erweiterte Funktion und wird nicht von allen Apps angeboten. Die mittlerweile gängige Methode ist die Speicherung von Daten in einer sog. Cloud. Die cloudbasierte Speicherung hat den Vorteil, dass gespeicherte Daten von unterschiedlichen Endgeräten aus abgerufen werden können. Beispielhaft kann hier der Glukosesensor FreeStyle Libre genannt werden. Der Sensor kann mittels Smartphone-App LibreLink ausgelesen werden. Die Daten sind trotzdem einsehbar, möchte man bei der Besprechung der Glukosewerte in der Praxis nicht das Smartphone des Patienten in die Hand nehmen. Denn die Daten aus der App werden automatisch in die Cloud hochgeladen. Die Daten können schließlich über die Webseite LibreView zusammen mit dem Patienten angesehen werden.

Selbst informieren

Um Patienten kompetent beraten zu können, sollten Ärzte oder Diabetesfachkräfte sich selbst einen Überblick über das Angebot an Diabetes-Apps machen und bekannte Apps selbst testen. So kann man sich ein besseres Bild davon machen, was für welchen Patienten geeignet sein könnte. Hierbei sollte auch die Möglichkeit des Datenexportes geprüft werden, damit die dokumentierten Daten des Patienten entweder z. B. als PDF per E-Mail an die Praxis geschickt werden oder direkt online abgerufen werden können (Cloud).

Fazit für die Praxis
Die Zahl an Diabetes-Apps und ihrer Anwender wächst stetig. Patienten entscheiden sich oft selbstständig für eine App, wenden sich jedoch auch an Ärzte oder Diabetesfachkräfte und fragen gezielt nach Empfehlungen. Für Ärzte und Diabetesfachkräfte ergeben sich Möglichkeiten, Diabetes-Apps aktiv in die Beratung einzubauen. Apps können beispielsweise helfen, die Therapieadhärenz zu verbessern, wenn der Patient ein Diabetestagebuch mittels App führt. Gleichzeitig kann es auch die Beratung optimieren, wenn Patienten qualitativ hochwertige Informationen über Apps erhalten. Zudem können Apps den Informationsaustausch zwischen Patient und Arzt oder Diabetesfachkraft erleichtern. Diabetes-Apps ersetzen – ähnlich wie andere digitale Medien – nicht die persönliche Betreuung durch Ärzte und Diabetesfachkräfte. Für die Zukunft wäre es jedoch wünschenswert, wenn vermehrt Angebote entwickelt würden, welche digitale Kommunikation mit der persönlichen Betreuung kombinieren.


Literatur
1. Appcheck – Die Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheitsapps. Zuletzt abgerufen am 30.07.2018 unter www.appcheck.de
2. HealthOn – Informations- und Bewertungsplattform für Health-Apps: Ehrenkodex für Gesundheitsapps. Zuletzt abgerufen am 30.07.2018 unter www.healthon.de/de/ehrenkodex
3. J Häcker, B Reichwein, N Turad (2008): Telemedizin: Markt, Strategien, Unternehmensbewertung, Oldenbourg Verlag, S. 15-19, S. 71
4. Kramer U, Zehner F (2016): Diabetes-Management mit Apps: Derzeitige und zukünftige Nutzung, Einstellungen, Erfahrungen und Erwartungen von Diabetikern. Online-Befragung von Diabetikern. Diabetologie und Stoffwechsel 2016, 11 - P118
5. Lim S et al. (2016): mproved glycemic control without hypoglycemia in elderly diabetic patients using the ubiquitous healthcare service, a new medical information system. Diabetes Care.
6. Orsama AL et al. (2013): Active assistance technology reduces glycosylated hemoglobin and weight in individuals with type 2 diabetes: results of a theory-based randomized trial. DTT.
7. Welltang Z (2016): a smart phone-based diabetes management application – Improves blood glucose control in Chinese people with diabetes. Diab Res Clin Pract.


Autor:

Dr. med. Winfried Keuthage

Schwerpunktpraxis für Diabetes und Ernährungsmedizin, Münster


Interessenkonflikte: Dr. med. Winfried Keuthage ist Inhaber des Internetauftritts sowie der korrespondierenden App www.kalorien.de, der Apps BE-App und DiaBook. Theresia Schoppe ist Mitarbeiterin der Praxis Dr. Keuthage und im Entwicklerteam der genannten Apps vertreten.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (5) Seite 48-50