Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorangetriebene Digitalisierung des Gesundheitswesens bereitet vielen Ärzten Kopfschmerzen. Vor allem der zwanghafte und mit Strafmaßnahmen bewehrte Anschluss an eine von vielen für unsicher gehaltene Telematik-Infrastruktur (TI) weckt Zweifel und Ärger. An dieser Stelle lassen wir mit Michael Andor, niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Groß-Gerau, einen Kritiker der TI zu Wort kommen und stellen seinen Beitrag zur Diskussion.Wie ist Ihre Meinung? Geben Sie dem Autor recht oder haben Sie eine andere Sichtweise?

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Die "Digitalisierung im Gesundheitswesen" wird den meisten von uns als ein positiv besetzter Begriff, als Instrument der Entbürokratisierung, des Fortschritts und der Zukunftsfähigkeit bekannt sein. Nach dem Willen des Gesetzgebers sollen alle Arztpraxen, Krankenhäuser, KVen, Krankenkassen, Apotheken, Psychotherapeuten, Zahnärzte in einem eigenen Datennetz zusammengeschlossen werden. Eine Zentraldatei soll eingerichtet werden, wo sämtliche Gesundheitsdaten von allen Bundesbürgern (Versicherten) und allen Leistungserbringern zur Verfügung stehen. Auch von "Datenspende" ist schon mal die Rede. Die materielle Voraussetzung für diese gigantische Funktionseinheit, also die Rechner bei den Leistungserbringern, Schaltkästen an den Wänden und Verkabelung aller in Richtung sichere Datenwolke irgendwo im Netz bezeichnet man als "Technische Infrastruktur", weiter TI genannt.

Die Einführung der vorgeschriebenen apparativen Ausstattung ist ambulant wie stationär voll im Gange. Selbst der ärztlichen Öffentlichkeit ist jedoch weniger bekannt, dass es bundesweit eine erhebliche Zahl von Kolleginnen und Kollegen gibt, wohl fünfstellig, die die Installation dieser Technik bisher abgelehnt haben. Dies, obwohl es hierfür seit Januar 2019 eine Geldstrafe gibt: Als Sanktion für die Nichteinführung der TI wird von der KV 1 % vom erwirtschafteten Umsatz abgezogen (§ 291 Abs. 2b SGB V). Ich habe gegen den entsprechenden Honorarbescheid Widerspruch eingelegt, Musterprozesse werden angestrebt. Ab 2020 ist eine Honorarkürzung von 2,5 % angekündigt.

Für mich persönlich gibt es im Wesentlichen zwei Gründe, warum ich diesen Honorarabzug in Kauf nehmen muss:

1. Schweigepflicht, Arztgeheimnis, Datenschutz

Die Gefahr, dass meine ärztliche Verschwiegenheit in der großen digitalen Wolke (fachmännisch "Cloud" genannt) diffundiert, halte ich für reell. Durch Gesetze werde ich gezwungen, eine Technologie einzusetzen, die ich weder von der Apparatur ("Hardware") noch von der Programmierung ("Software") her beherrsche. Meine als "simple user" angeeigneten Fähigkeiten in diesem Bereich reichen unmöglich aus, um die im Gesundheitswesen erforderliche Datensicherheit gewährleisten zu können und nolens volens für etwaige Fehler zu haften. Wohlgemerkt hafte ich gegebenenfalls auch für mögliche Fehler und Missbrauch, die sich außerhalb meiner Praxis ereignen (§ 9 (4) (neu) der Berufsordnung für die Ärztinnen und Ärzte in Hessen). Ich habe Medizin studiert und nicht Elektrotechnik oder Informatik. Über Pech, Pannen und kriminelle Machenschaften in der digitalen Welt, auch gesundheitsbezogen, kann man sich in den Medien ausreichend informieren, Einzelheiten können wir uns an dieser Stelle sparen.

Nach meinem aktuellen Kenntnisstand sind die Erfordernisse für den Alltagsgebrauch meines Praxisrechners (Fernwartung, Programm-Updates, Telebanking, Rechnungslegung, Patientenkontakte, Laborübermittlung etc.) und die Sicherheit der Patientendaten (praxisinterne Dateien, externe, patienteneigene Datenträger und Datenübermittlung in das "sichere" System der Infrastruktur der Krankenkassen, KVen, Krankenhäuser, Apotheken, Sanitätshäuser, Podologen etc.) nicht auf einen Nenner zu bringen. Somit scheint die Problemstellung, nämlich die erforderlichen Funktionen praktikabel mit der angemessenen Datensicherheit zu vereinbaren, eine bislang unerfüllbare Aufgabe. Der mündige Patient mag seine Unterlagen ins Netz stellen, wie es ihm beliebt. Die Entscheidung hierüber ist und bleibt in seiner Verantwortung. Meine althergebrachten Papierunterlagen werden nach zehn Jahren vernichtet und auf ewig gelöscht. So weit meine Verantwortung. Das Internet vergisst nichts!

2. Kosten-Nutzen-Relation

Für die Bewältigung der mathematischen Herausforderung meiner Praxis genügt mir eine Strichliste, die Beherrschung der vier Grundrechenarten erwies sich hin und wieder schon mal als Vorteil. Nichtsdestotrotz habe ich in den letzten zwanzig Jahren um die 30.000 Euro in pure Verwaltungstechnik investieren müssen (Hardware, Software, Service, Gebühren). Die sogenannte "Entbürokratisierung durch das papierlose Büro" hat eine Sinnumkehr erfahren. Der sinnlose Aufwand im Alltag wurde immer immenser und ist schließlich ohne Digitaltechnik nicht mehr beherrschbar: Für das Ausstellen einer einfachen Krankengymnastikverordnung braucht man einen Computer, die Gebrauchsanweisung für das Formular ist von Buchformat! Weitere Beispiele ließen sich in epischer Breite präsentieren ...

Normalerweise finden die positiven Ergebnisse von Wissenschaft und Technik den Zugang zum Markt wie von selbst, ohne Subvention und Strafzahlungen. Man denke an die Entwicklungen in der Radiologie (dank der Technik immer kleinere Apparaturen mit stets kürzeren Untersuchungszeiten, geringerer Strahlenbelastung, größerem Auflösungsvermögen), im Laborbereich, Gastroenterologie oder in der Chirurgie. Das alles ohne Strafen!

Unser digitalaffiner Gesundheitsminister täte gut daran, statt für teures Geld Gesundheits-Apps und immer komplexere Verwaltungsprozesse zu generieren, lieber die Sportvereine mehr zu unterstützen, Schwimmunterricht vorzuschreiben und den Schulsport zu fördern, damit Jung und Alt mehr Zeit in der frischen Luft verbringen. Zum Schluss bleibt die eigentliche Frage, woran wir uns in der digitalen Welt orientieren und halten sollen: An der Machbarkeit des Möglichen oder am Pfad des vertretbar Notwendigen?

In dieser neuen Rubrik "Dampf ablassen" wollen wir unseren Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, sich über Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen, über Ärgernisse in der Praxis oder überbordende Bürokratie Luft zu machen, bevor der Kragen platzt.

Schreiben Sie uns, wenn Sie schon lange etwas stört oder aufregt. E-Mail: info@der-allgemeinarzt.com



Michael Andor

Facharzt für Allgemeinmedizin
64521 Groß-Gerau

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (1) Seite 28-29