Neunzig- oder gar Hundertjährige sind in Hausarztpraxen längst keine Ausnahmeerscheinung mehr. Während hierzulande im Jahr 2000 nach Angaben des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg nur rund 6.000 Menschen im Alter von 100 (Zentenar, engl. Centenarian) oder mehr Jahren lebten, wiesen zehn Jahre später bereits rund 13.000 Bürger eine dreistellige Altersangabe auf. Frauen sind dabei deutlich in der Überzahl. Hochbetagte gab es aber auch früher schon.

Das Alte Testament berichtet, dass Methusalem 969 Jahre alt geworden sei. Experten machen allerdings historische Übertragungsfehler für diese fantastische Altersangabe verantwortlich und korrigieren die biblische Lebensdauer Methusalems auf tatsächliche 78,5 Jahre. Auch in der Jetztzeit entspricht diese Lebensspanne einer gefühlten hausärztlichen Realität und vorliegenden statistischen Erhebungen. So liegt die Lebenserwartung für 2015 geborene Frauen in Deutschland bei rund 83 Jahren, Männer können mit durchschnittlich 78 Jahren rechnen [1].

Supercentenarians werden mehr als 110 Jahre alt

Die Spitzenreiter der Hochbetagten übertreffen jedoch auch diese Grenze. Supercentenarian ist die angelsächsische Bezeichnung für Individuen, die mindestens 110 Jahre alt geworden sind. Ihre aktuelle Gesamtzahl wird weltweit auf 150 bis 600 geschätzt. Der älteste Mensch der Neuzeit, dessen Alter je vollständig verifiziert wurde, war die Französin Jeanne
Calment, die 1997 mit 122 Jahren entschlief.

In einer Ranking List der GRG (Gerontology Research Group) werden 1.739 Superhochbetagte weltweit seit 1788 aufgezählt, dem belegbaren Geburtsjahr des Niederländers Geert Adriaans Boomgaard, der 1899 im Alter von 110 Jahren starb [3, 4]. In exakt diesem Jahr kam Emma Morano zur Welt, die als bis dahin ältester Erdenbürger im Alter von 117 Jahren am Lago Maggiore im April 2017 verschied. Sie hat ein vollständiges Jahrhundert, zwei Weltkriege und elf Päpste überdauert [5]. Allerdings hat es wohl auch schon in Deutschland vor Boomgaard Menschen in der frühen Neuzeit gegeben, die es aufgrund ihres weit überdurchschnittlich hohen Alters zu Bekanntheit brachten.

Hausieren hält fit

Einer von ihnen war Anton Adner, der Anfang des 18. Jahrhunderts bei Berchtesgaden zur Welt kam und 117 Jahre alt wurde. Lebenslang war er als Hausierer mit einer Kraxe auf dem Rücken unterwegs, um selbst gefertigte Kleinigkeiten aus Holz und Strickwaren zu verkaufen (Abb. 1). Sein Geburtsdatum scheint belegt zu sein. So heißt es in einer 1819 veröffentlichten Schrift (Wiedergabe in der Orthographie und Interpunktion der damaligen Zeit) von A. Baumgartner [6], einem königlich bayerischen Baurat: "Anton Adner wurde laut des von dem gegenwärtigen Hrn. Dechant Nikolaus Trauner ausgestellten Taufscheines im Jahre 1705 auf der Hanauerschmiede L.G. Berchtolsgaden geboren. Sein Vater Anton Adner wurde mit Katharina Fleischhackerinn auf der Reise begriffen in Rom kopulirt, und kam so in seine Heimath zurück, wurde aber, nachdem er 5 Kinder erzeugt hatte, auf das Meer, oder die Galeere gegeben, weil er des Wildpretschießens überführt wurde, welches damals viel heickel war. Die Mutter, sein Bruder und 3 Schwestern brachten sich mit Stricken fort, und starben frühzeitig. Er selbst nährte sich anfangs als Holzarbeiter, lernte das Stricken in einer großen Vollkommenheit, und das Schepperlmachen und Drehen zu den verschiedenen Berchtolsgadner Arbeiten nach der Sitte dieses (…) Volkes (…). So brachte er es nach und nach bis zur Handelschaft. Noch hat er Pässe vom 15ten Jänner 1800. dann 21ten Junius und 23ten Julius 1805. in Händen, welche beweisen, daß er noch in einem Alter von 100 Jahren mit der beladenen Kraxe auf dem Rücken Berg auf Berg ab nach Salzburg, Tyrol, Steyermark, Oesterreich und Baiern auf die Märkte gewandert ist. In früheren Jahren war er auch in der Schweitz und in Ungarn, wie er erzählte."

Ein bayerischer Methusalem

Zeit seines Lebens fristete Adner ein karges Leben, das mit zunehmendem Alter sicher nicht leichter wurde. Bayern hatte in den letzten Lebensjahren des greisen Hausierers zwar eine Armenfürsorge gesetzlich verankert, doch dauerte es noch etwa zwei Generationen, bis diese tatsächlich umgesetzt wurde [7]. Adner war 112 Jahre alt, als sein Leben mit dem Bau der Soleleitung von Berchtesgaden nach Reichenhall eine glückliche Wende nahm. Weil er einem königlichen Beamten als "Veteran des Fürstenthums" [7] aufgefallen war, wurde er bei den Einweihungsfeierlichkeiten im Dezember 1817 dem bayerischen König Maximilian I. Joseph vorgestellt. Von da an wurde er bis zu seinem Ableben alljährlich als einer von den zwölf ältesten bayerischen Männern als "Apostel" zur "Hoffußwaschung" durch den bayerischen Herrscher am Gründonnerstag nach München eingeladen, bekam eine königliche Leibrente, eine ordentliche Unterkunft und geregelte Pflege. 1822 starb Adner innerhalb weniger Wochen an "Brustwassersucht". Sein vom König gestiftetes, gusseisernes Grabmal ist bis heute im Alten Friedhof neben der Franziskanerkirche in Berchtesgaden zu sehen.

Zwei Dinge machen die Lebensgeschichte dieses bayerischen Methusalems bemerkenswert. Zum einen war Adner nach übereinstimmenden, zeitgenössischen Zeitungsberichten [8, 9] bis zu seinem Tod geistig und körperlich auffallend gesund. Zum anderen erreichte er dieses hohe Alter in einer Zeit, von der nicht nur Laien, sondern auch Historiker die gängige Meinung haben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung kaum 40 Lebensjahre betrug und Menschen jenseits dieser Grenze als alt und gebrechlich galten [10]. Möglicherweise ist diese pauschale Annahme jedoch falsch. Nach einer Analyse alter Kirchenbücher aus dem 17. und 18. Jahrhundert konnte der Sozialhistoriker Lehmann [10] am Beispiel der Schmalkaldener Gemeinde Fambach vor wenigen Jahren nämlich zeigen, dass nach Ausschluss aller vor dem 18. Lebensjahr Verstorbenen rund zwei Drittel der betrachteten Personen das 50. und die Hälfte von ihnen das 60. Lebensjahr erreichten. Immerhin jeder Dritte wurde älter als 70 Jahre, zudem wird vereinzelt von 100-jährigen Männern und Frauen berichtet.

Fazit

Sehr alte oder gar höchstbetagte Menschen gab es wahrscheinlich zu allen Zeiten. Allerdings ist die Datenlage für das Mittelalter oder die frühe Neuzeit für die breite Bevölkerung eher schlecht, für adelige oder höhere Stände zwar besser, aufgrund anderer Lebensbedingungen aber weniger repräsentativ. Da hat es die heutige Altersforschung leichter. So konnten kürzlich Wissenschaftler durch eine Datenanalyse von 75.000 Holländern zeigen, dass derzeit immer mehr Menschen sowohl durchschnittlich wie auch individuell älter werden, zumindest in vergleichbaren Ländern. Immerhin zeigte sich aber auch, dass die Ältesten in den letzten Jahren nicht noch älter geworden sind. Dem maximal erreichbaren Lebensalter scheint also eine natürliche Obergrenze gesetzt zu sein [11, 12]. Auf der Grundlage unterschiedlichster statistischer Modelle und Datensätze gehen Wissenschaftler weltweit von einer gemittelten maximalen Lebensspanne von 115 bis 125 Lebensjahren aus, die zudem länder- und geschlechtsabhängig ist [13].


Literatur:
1. Fullman N, Barber RM, Abajobir AA et al. Measuring progress and projecting attainment on the basis of past trends of the health-related Sustainable Development Goals in 188 countries: an analysis from the Global Burden of Disease Study 2016 The Lancet 2017; 390 (10100), 1423–1459
2. Jopp DS, Rott Ch, Boerner K, Boch K, Kruse A. (2013) HD100-II Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie. http://www.gero.uni-heidelberg.de/forschung/hd100ii.html (zuletzt eingesehen am 17. 09. 2017)
3. http://www.grg.org/SC/WorldSCRaningsList.html (zuletzt eingesehen am 03. 09. 2017)
4. BS Overlijden met Geert Adriaans Boomgaard in: https://www.wiewaswie.nl/personen-zoeken (zuletzt eingesehen am 03. 09. 2017)
5. N. N. Ältester Mensch der Welt gestorben. http://www.faz.net/aktuell/mit-117-jahren-aeltester-mensch-der-welt-gestorben. (zuletzt eingesehen am 03. 09. 2017)
6. Baumgartner A. Das Fest der Fußwaschung am grünen Donnerstage in der königl. Residenz in München nebst dem Bildnisse des 113jährigen Apostels und Lebens-Notizen von alten Personen. 1819, o.O., o. Verl.
7. N. N. Mit 115 Jahren auf den Münchner Frauenturm. Traunsteiner Tagblatt 2011 https://www.traunsteiner-tagblatt.de (zuletzt eingesehen am 06. 09. 2017)
8. N. N. Oesterreichischer Beobachter Nr. 109 vom 18. 04. 1820
9. N. N. Neue Speyerer Zeitung Nr. 52 vom 01. 05. 1821
10. Lehman K. Projekt 1719 Lebenserwartung im 17. und 18. Jahrhundert in der Herrschaft Schmalkalden. Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte (ZHG) 2011; 116: 137-162
11. Dong X, Milholland B, Vijg J. Evidence for a limit to human lifespan. Nature 2016; 538(7624): 257-259
12. N. N. Dutch scientists say human lifespan has limits. https://www.dawn.com/news/1355251 (zuletzt eingesehen am 20. 09. 2017)
13. Feifel J, Genz M, Pauly M. Who wants to live forever? An analysis of the maximum lifespan in the US. https://www.ifa-ulm.de/fileadmin/user_upload/download/forschung/2017_ifa_Feifel-etal_Who-wants-to-live-forever-An-analysis-of-the-maximum-lifespan-in-the-US.pdf (zuletzt eingesehen am 24. 09. 2017)



Autor:
Dr. Fritz Meyer

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (11) Seite 101-102