Der Hausarzt hat viele Rollen zu erfüllen: Er ist Unternehmer, Personalverantwortlicher, Behandler und Seelsorger. Was bei all den Aufgaben häufig fehlt, sind das Bewusstmachen und Verändern von eingefahrenen, stressauslösenden Mechanismen, Strategien zur Stressbewältigung und nicht zuletzt der achtsame Umgang mit sich selbst. Die folgenden 9 Tipps können Ihnen helfen, den Stress im Praxisalltag zu reduzieren.

Der Stresspegel für den Hausarzt in eigener Praxis ist hoch. Verantwortlich dafür sind neben dem hohen Arbeitspensum von mitunter mehr als 60 Stunden pro Woche die große Verantwortung den Patienten gegenüber, der starke Zeitdruck aufgrund hoher Patientenzahlen und nicht zuletzt der immense Bürokratieaufwand. So wenden laut einer im Jahr 2017 durchgeführten Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten ein Drittel der Arbeitszeit ausschließlich für bürokratische Aufgaben auf.

Neben der hohen Diagnose- und Behandlungskompetenz werden von ihm Aufmerksamkeit und "Alarmbereitschaft" gefordert, um gefährliche Verläufe bei Patienten rechtzeitig zu erkennen und möglichst sicher abzuwenden. Verschärfend hinzu treten die zahlreichen Patienten- und Angehörigengespräche, die kraft- und zeitraubend sein können.

1. Kanalisieren Sie kurzfristige Patientenaufnahmen

Ärgern Sie sich immer wieder über zu viele Patientenaufnahmen und Terminverzögerungen in Ihrer Sprechstunde? Gerade in der Hausarztpraxis treten nicht vorhersehbare Situationen mit kurzfristigen Annahmen und Akutsituationen regelmäßig auf. Eine starre Planung ist hierbei schwer durchführbar, allerdings sollten Sie möglichst genau festlegen, wer in Ihrer Praxis tatsächlich als dringlicher Fall bzw. Akutpatient angenommen wird und wer als Normalvorstellung möglicherweise auch am Folgetag eingeplant werden kann (Stichwort: Triage). Eine schriftliche Übersicht zum Einschätzen der Dringlichkeit und zur Einstufung von Notfällen kann den Mitarbeitern an der Anmeldung eine wertvolle Hilfe sein. Um Organisationsprobleme mit Patientenstau in der Praxis zu vermeiden, ist es außerdem sinnvoll, an den Vor- und Nachmittagen Pufferzeiten einzuplanen.

2. Decken Sie Zeitdiebe auf und werden Sie sie los

Werden Sie während des Gesprächs oder der Untersuchung im Sprechzimmer von Kollegen oder Mitarbeitern unterbrochen, stört das nicht nur die Patienten, auch Sie selbst werden in Ihrer Konzentration gestört und verlieren dadurch Zeit. Lothar Seiwert schreibt hierzu in seinem Buch Das 1x1 des Zeitmanagement: "Wenn jemand dauernd gestört wird, tritt der sogenannte Sägeblatt-Effekt ein: Wird er von seiner Aufgabe auch nur für einen kurzen Moment abgelenkt, so bedarf es bis zur erneuten Weiterarbeit an der gleichen Stelle einer zusätzlichen Anlauf- und Einarbeitungszeit. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Addiert man diese Leistungsverluste auf, so können bis zu 28 % unserer Zeit dadurch verloren gehen […]." Hierbei empfiehlt es sich in der Praxis klar zu regeln, zu welchen Zeiten Telefongespräche in Ihr Sprechzimmer durchgestellt werden dürfen und in welchen Fällen Sie persönlich ansprechbar sind und wann nicht.

Zu den Klassikern der Zeitdiebe gehören in Zeiten der Digitalisierung sicherlich die Sozialen Medien. Sie sind jederzeit verfügbar und verführen durch eingehende Nachrichten oder Surfen im Internet immer wieder zur Ablenkung. Reflektieren Sie selbst, wie viel Zeit Sie im Netz verbringen und ob Sie sich hierbei besser einschränken sollten.

3. Koordinieren und delegieren Sie Aufgaben

Je besser Sie delegieren, umso mehr Zeit wird Ihnen für Ihre Kernaufgaben zur Verfügung stehen. Außerdem zeigen Sie damit Ihren Mitarbeitern Vertrauen, fördern und motivieren sie. Trennen Sie deshalb Ihre Aufgaben und Tätigkeiten klar von denen Ihrer Mitarbeiter und delegieren Sie nach Möglichkeit alle Aufgaben, die nicht zu Ihrer ärztlichen oder unternehmerischen Tätigkeit gehören.

4. Achten Sie auf ein gutes Selbstmanagement

Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und regelmäßige Erholungsphasen sind die beste Voraussetzung für ein gesundes inneres Gleichgewicht. Die wohl effektivste Erholungszeit ist die Urlaubszeit, aber auch die tägliche Pausenzeit. Und eine Pause ist erst dann eine tatsächliche Pause, wenn Sie sich in dieser Zeit nicht mit der Praxis beschäftigen. Nebenbei die Praxispost zu lesen oder mit der Mitarbeiterin über den einen oder anderen Patienten zu sprechen, ist Arbeits- und keine Pausenzeit und somit kontraproduktiv, was Ihre Erholung anbelangt. Verbringen Sie Ihre Pausenzeiten am besten nicht im Sprechzimmer, sondern im Aufenthaltsraum oder noch besser: im Freien, um das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen und die entspannende Wirkung der Natur zu nutzen. Der räumliche Wechsel trägt außerdem dazu bei, dass Sie Pausen als bewusste Auszeiten wahrnehmen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist der Spagat zwischen Beruf und Privatleben. Achten Sie auf eine gute Work-Life-Balance und nehmen Sie sich auch ausreichend Zeit für Freizeitbeschäftigungen und Ihre Familie. Ein inneres Gleichgewicht bringt Ruhe und Zufriedenheit und reduziert das Stressempfinden.

5. Mini-Auszeit für zwischen-durch

Die Psychologin Dr. Anne Katrin Matyssek empfiehlt in ihrem Buch Was Führungskräfte brauchen eine tägliche Mini-Auszeit: "Gönnen Sie sich 5–6 Mal täglich 10 Sekunden eine Mini-Auszeit, in der Sie mental das Hamsterrad verlassen und sich fragen: Wie geht’s mir eigentlich? Diese eine Minute pro Tag sorgt neben den richtigen Pausen dafür, dass Sie abends weniger k. o. sind."

6. Entschleunigen Sie während der Praxisarbeit

Hetzen Sie nicht von einem Patienten zum nächsten und von einer Aufgabe zur anderen. Nehmen Sie selbst immer wieder die Hektik heraus und verlangsamen Sie Ihr Tempo ganz bewusst. Konzentrieren Sie sich dafür immer auf den Moment und fokussieren Sie sich auf das, was Sie gerade tun.

7. Entspannen Sie mit Hilfe von einfachen Übungen

Entspannungsübungen nach Jacobsen oder Autogenes Training lassen sich auch gut in der Praxispause durchführen und helfen Ihnen, in recht kurzer Zeit zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. Eine ebenso gute Möglichkeit, um auf einfache Weise zu entschleunigen und die Konzentration wieder zu steigern, erreichen Sie durch Achtsamkeitsübungen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Beobachten des Ein- und Ausatmens das vegetative Nervensystem beeinflusst und zur Regeneration beiträgt. Fragen, die Sie sich dabei stellen können: Ist meine Atmung schnell oder langsam? Leicht oder schwer? Wie ist der Rhythmus zwischen den Atemzügen? Hierbei geht es nur um das Beobachten des Atmens, nicht um die Beeinflussung.

8. Machen Sie den Stress öffentlich

Sprechen Sie offen in der Praxis über den Stress und machen Sie ihn nicht zum Tabu-Thema. Suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Team nach Stressauslösern und umsetzbaren Möglichkeiten, Stress vorzubeugen oder zu reduzieren. Das kann den organisatorischen Bereich der Praxis betreffen, wie Terminplan- oder Sprechzeitenänderungen, Pausenzeiten, Regelungen zu Störungen und Unterbrechungen, aber auch den persönlichen Bereich, wie beispielsweise Seminare und Präventionsangebote als Inhouse-Veranstaltung.

9. Prüfen Sie Ihre innere Haltung

Stress entsteht im Kopf und ist immer auch abhängig von der eigenen Bewertung. Der richtige Umgang mit Stress erfordert also auch das kritische Hinterfragen eigener Denkweisen und Erwartungen. Das Denken und Handeln wird laut dem Transaktionspsychologen Taibi Kahler unter anderem beeinflusst von den sogenannten "Inneren Antreibern". Damit gemeint sind innere Befehle, wie "sei perfekt", "streng dich an", "mach es allen recht", "beeil dich" und "sei stark". Diese können vom Menschen einerseits positiv genutzt werden, andererseits aber auch stressauslösend und belastend einwirken, und zwar gerade dann, wenn sie stark ausgeprägt sind. Gelingt es, diese starken "Inneren Antreiber" abzuschwächen, führt das zu mehr Gelassenheit, innerer Ruhe und schließlich zu mehr Leichtigkeit in allen Lebensbereichen.



Autorin:

Christiane Fleißner-Mielke

praxistrainingplus
Beratung, Seminare, Coaching
97785 Mittelsinn
www.praxistrainingplus.de

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (9) Seite 64-66