Der Deutsche Hausärzteverband (DHÄV) will sich vehement gegen weitere Versuche wehren, ureigenste hausärztliche Kompetenzen, wie die Betreuung geriatrischer Patienten, zu beschneiden. Dies wurde bei der Frühjahrsdelegiertenversammlung in Mainz deutlich. Weitere Schwerpunkte der Tagung bildeten die Digitalisierung und die Frage, wie telemedizinische Anwendungen die hausärztliche Versorgung ergänzen können.

"Das ist ein unsinniger Griff in die Mottenkiste" und ein völlig "aus der Zeit gefallener Vorschlag", so wetterte Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des DHÄV, gegen die vor einigen Wochen laut gewordene Idee des Bundes Deutscher Internisten (BDI) und des Spitzenverbands der Fachärzte (SpiFa), wonach die hausärztliche Versorgungsebene in eine Grundversorgungsebene umgewandelt werden solle, in der Hausärzte und grundversorgende Spezialisten arbeiten. Damit würde dann auch die Honorartrennung ausgehebelt. Alle Bemühungen des DHÄV, gemeinsam mit Spezialistengruppen gute Versorgungsstrukturen für Hausärzte und Gebietsärzte zu schaffen, würden damit konterkariert. Dabei sei doch klar, dass nur die hausärztliche Medizin sich dem ganzen Menschen widme, während die gebietsärztliche Medizin weitgehend krankheits- oder organfixiert sei.

Kampf um hausärztliche Kompetenzen

Provokant stellte der DHÄV-Chef die Frage, wie denn ein Gebietsarzt nach fünf- oder sechsjähriger klinischer Weiterbildung, davon die meiste Zeit im OP-Saal, in der Praxis multimorbide Patienten behandeln wolle. Das sei wie "Fahren ohne Führerschein" oder "Learning by doing", wobei das Risiko die Patienten trügen, so Weigeldt und machte deutlich: "Wir verbitten uns die offensichtliche Geringschätzung der Qualifikation und Kompetenz der Hausärzte!"

Solange er sich erinnern könne, müssten die Hausärzte um ihren Kompetenzerhalt kämpfen. Mit jedem neuen Fach, das seine Berechtigung in der Regel aus angeblichen Defiziten vor allem in der hausärztlichen Medizin zieht, kämen zusätzliche Anforderungen in Form von Curricula, Kursen, Zertifikaten auf die Hausärzte zu.

Jüngstes Beispiel sei die Geriatrie. Die Behandlung multimorbider älterer Patienten sei eine genuin hausärztliche Aufgabe, stellte Weigeldt fest und erteilte der Forderung nach einem Facharzt für Geriatrie eine ganz klare Absage.

Beim nächsten Deutschen Ärztetag, aber auch danach werde es darum gehen, die hausärztlichen Kompetenzen nicht nur zu verteidigen, sondern auch dort auszuweiten, wo es der Patientenversorgung dient. Im Übrigen müsse eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin als Kern auch die Allgemeinmedizin beinhalten. Es könne nicht sein, dass man, wie z. B. in Bremen, den Titel Allgemeinmedizin erwerben kann, ohne je in der Allgemeinmedizin tätig gewesen zu sein. Kein anderes Fach würde sich so etwas gefallen lassen, machte Weigeldt seinem Ärger unter dem Beifall der Delegierten Luft.

Die Mainzer Resolution …
… zur "Sicherung und Weiterentwicklung der Maßnahmen zur Stärkung der Allgemeinmedizin und der hausärztlichen Versorgung"

  • Die Delegierten sprechen sich dagegen aus, dass sogenannte grundversorgende Gebietsärzte ganz oder teilweise zur hausärztlichen Versorgung zugelassen werden.
  • Andere Berufsgruppen, wie der Physician Assistant (Arztassistent), müssen unter einen klaren Delegationsvorbehalt gestellt werden.
  • Auch einer Aushöhlung der hausärztlichen Versorgung durch die Ausgliederung von hausärztlichen Leistungen erteilten die Delegierten eine klare Absage.
  • Um vernünftige Rahmenbedingungen für die Arbeit der Hausärzte sicherstellen zu können, fordert die Delegiertenversammlung auch zukünftig eine klare Trennung der Versorgungsebenen nach § 73 Abs. 1 SGB V.
  • Zentral werde auch in Zukunft die Weiterentwicklung und Stärkung der HzV sein. In diesem Zusammenhang erneuerte der DHÄV seine Forderung, eine Bonifizierung für Versicherte, die an den Hausarztverträgen teilnehmen, gesetzlich zu verankern, bzw. geltende gesetzliche Vorgaben entsprechend zu schärfen.

Delegation ja, Substitution nein

Im Auge behalten müsse man darüber hinaus auch ganz neue Berufsbilder, die in das hausärztliche Arbeitsfeld drängten, wie z. B. den sogenannten "Physician Assistant". Zwar solle dieser Arztassistent in erster Linie die Klinikärzte entlasten. Doch sei durchaus vorstellbar, dass sich das Berufsfeld des Arztassistenten künftig auch auf die Praxen von Vertragsärzten ausdehnen könnte. Hier dürfe man nicht zulassen, dass "Barfußärzte" mit fehlender Qualifikation auf die hausärztlichen Patienten losgelassen werden.

Beim Thema "Digitalisierung der Medizin" zeigte sich Weigeldt offen. Allerdings müssten dafür klare Regeln gelten und man müsse dafür sorgen, dass sich nicht Dritte in die Beziehung von Hausarzt und Patient einmischen. So dürfe Digitalisierung auch nicht bedeuten, dass Patienten mit der Technik alleingelassen werden. Vielmehr gehe es darum, sicherzustellen, dass Konzepte in den Praxisalltag integriert werden, die den Hausarzt bei seiner Arbeit unterstützen und wirklich den Patienten zugutekommen, die diese umfassendere Betreuung benötigen.

Vor dem Hintergrund der schleppenden Umsetzung der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens hätten der DHÄV und seine Landesverbände bereits damit begonnen, eigene Projekte umzusetzen, so Weigeldt.

TeleArzt soll Entlastung bringen

Ein Beispiel ist das Projekt TeleArzt, welches seit dem 1. Mai 2017 Hausärzten unter anderem in Rheinland-Pfalz angeboten wird. Hierbei werden VERAH® (Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis) für Routine-Hausbesuche, bei denen keine ärztliche Konsultation notwendig ist, mit einem Telemedizin-Rucksack ausgestattet, in dem sich unter anderem ein 3-Kanal-EKG, ein Pulsoximeter und ein Spirometer befinden. Sie können so beim Patienten zu Hause Vitaldaten erheben und direkt in die Praxis zum betreuenden Hausarzt senden, der sich bei Bedarf über Videotelefonie hinzuschalten kann. Die Verantwortung liege dabei immer beim Hausarzt. Mit dem TeleArzt werde die Hausarztpraxis als zentraler Ort der Versorgung gestärkt.

Medikationsplan ist gescheitert

Als ein zum Scheitern verurteiltes Projekt kanzelte der DHÄV-Vorsitzende hingegen den Medikationsplan ab. "Wenn Sie als Patient einen Hausarzt ärgern wollen, dann fragen Sie ihn nach einem Medikationsplan", lästerte Weigeldt. In Papierform sei dieser Plan völlig verfehlt, und die Auswirkungen auf die Praxis seien unzumutbar. Einerseits würde von den Softwarefirmen für die Installation und Wartung horrendes Geld verlangt, andererseits hätten KBV und GKV-Spitzenverband nur eine lächerliche Vergütung ausgelobt.

Bonus für HzV-Teilnehmer

Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl erinnerte Ulrich Weigeldt daran, dass die Hausärzte bereits 1997 ein Primärarztsystem gefordert hätten. Beharrlich habe man dann seit fast zehn Jahren mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) ein freiwilliges Primärarztsystem etabliert, in das sich derzeit knapp 4,5 Millionen Versicherte eingeschrieben haben. Um die HzV für die Versicherten noch attraktiver zu machen, werde man bei der Politik weiter darum kämpfen, dass die HzV-Teilnehmer einen Bonus erhalten. Eine solche Bonifizierung müsse im nächsten Koalitionsvertrag verankert werden.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (10) Seite 26-27