Nach wie vor gilt auch heute noch die intramuskuläre Substitution von Vitamin B12 als Standardtherapie eines Vitamin B12-Mangels bei Patienten mit Resorptionsstörungen. Wie Auswertungen aktueller Studiendaten belegen, kann auch durch eine hochdosierte orale Vitamin B12-Therapie (1.000 μg/ Tag) ein Mangel selbst bei Resorptionstörungen effektiv ausgeglichen werden. Dabei ist die orale Therapie gut verträglich. Beschwerden und Unannehmlichkeiten, die bei Injektionen auftreten können, werden bei oraler Substitution vermieden.

Ein Mangel an Vitamin B12 hat in der ärztlichen Praxis eine hohe Relevanz, denn er ist weit verbreitet. Er tritt nicht nur bei Vegetariern auf, sondern häufig auch in Folge von Resorptionsstörungen. Die Häufigkeit nimmt mit zunehmendem Alter zu.

Mangel ist weit verbreitet

So weist jeder vierte der über 65-Jährigen in Deutschland einen subklinischen Mangel auf. In der Gruppe der 85- bis 93-Jährigen ist es mehr als ein Drittel.[1] Ursachen sind neben einer Malnutrition im Alter häufig eine Malabsorption, etwa bedingt durch Magen-Darm-Erkrankungen, Mangel an Intrinsic Factor oder Medikamente wie Metformin und Protonenpumpenhemmer.

Anfangs unspezifische Beschwerden

Der Mangel äußert sich anfangs meist durch unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Unbehandelt kann er schwerwiegende hämatologische und neurologische Folgen haben, bis hin zur Demenz. Die orale hochdosierte Supplementation von Vitamin B12 hat sich selbst bei gestörter Absorption als effektiv erwiesen, wie aktuelle Studienanalysen von Professor Emmanuel Andrès und seinen Kollegen bestätigen.[2,3]

Hochdosierte orale Therapie ist wirksam und gut verträglich

Die Wissenschaftler haben 16 Studien, die in den Jahren von 2010 bis 2018 veröffentlicht wurden, im Hinblick auf die orale und nasale Vitamin B12-Therapie analysiert. Die Teilnehmer waren über 65 Jahre alt. Den Autoren zufolge belegt die aktuelle Auswertung der Studien die Effektivität und Sicherheit der oralen hochdosierten Vitamin B12-Therapie bei älteren Personen. Das gilt einer weiteren Studienanalyse zufolge auch für Patienten mit Resorptionsstörungen.[3] Wie eine aktuelle Studie von Moleiro und Mitarbeitern darlegt, hat sich selbst nach totaler Gastrektomie die orale Supplementation von Vitamin B12 mit einer Dosierung von 1.000 μg/d bei Teilnehmern als effektiv erwiesen.[4] Die Malabsorption könnte nach Meinung von Andrès und Kollegen ein Grund dafür sein, dass in der klinischen Praxis vielfach immer noch die parenterale Verabreichung erfolgt. Dies zeige, so die Wissenschaftler, dass "die orale Cobalamin-Therapie eines der am besten behüteten Geheimnisse der Medizin" sei. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine orale Vitamin B12-Therapie in einer Dosierung von 1.000 μg/d die Serum-Vitamin B12-Spiegel normalisiert sowie klinische Manifestationen des Mangels behebt — selbst bei Patienten mit Vitamin B12-Mangel, der durch gastrointestinale Störungen bedingt ist.[2] Voraussetzung dafür ist eine hohe Dosierung von 1.000 μg/d (z. B. enthalten in einem Dragee B12 Ankermann®), die durch Diffusionsdruck auch passiv die Aufnahme einer ausreichenden Menge ermöglicht — unabhängig vom Intrinsic Factor. Bei schweren neurologischen Mangelsymptomen empfehlen die Autoren um Andrès initial intramuskuläre Injektionen und anschließend eine hoch dosierte orale Erhaltungstherapie. Letztere muss bei irreversiblen Resorptionsstörungen lebenslang fortgesetzt werden.


Literatur
Conzade R et al., Nutrients 2017; 1276; doi: 10.3390/nu9121276
Andrès et al., An Int J med 2019; 1-11; doi: 10.1093/qimed/hcz046
Andrès et al., J Clin Med 2018;7(304): doi:10.3390/jcm7100304
Moleiro et al., GE Port J Gastroenterol 2018;25:117-122
Eussen SJ et al., Arch Intern Med 2005; 165(10):1167-72


Impressum
Verlag Kirchheim + Co GmbH, Wilhelm-Theodor-Römheld-Str. 14, 55130 Mainz
"Aktuelles zur diabetischen Neuropathie", Expertenrunde am 29. Mai 2019 anlässlich des Diabetes-Kongresses 2019, Berlin. Veranstalter: WÖRWAG Pharma
Redaktion: Ingeborg Fischer-Ghavami
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Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (19) Seite 29