Die Hexensalbe ist seit Jahrhunderten ein großes Mysterium in der Volksmedizin. Zahlreiche Legenden und Sagen handeln von den geheimnisvollen Salben, welche von den vermeintlichen Hexen und Zauberern zubereitet wurden und zu übernatürlichen Fähigkeiten verhelfen sollten. Man rätselte in teilweise sehr abenteuerlicher Manier über die möglichen Inhaltsstoffe dieser Zubereitungen. Was steckt wirklich hinter dieser magischen Salbe?

Magie, vermeintliche Hexen, Hexensalben und Schadenzauber sowie das grausame Wirken der Inquisition markieren ab 1450 ein dunkles Kapitel in der europäischen Geschichte. Doch was geschah wirklich? Tatsache ist, dass die Hexensalben, mit denen die Hexen nachts "Ausfahrten" machten, um ihren Buhlen, den Teufel, zu treffen, keine Erfindung der Inquisition waren.

Aberglauben beherrscht die Menschen

Die meisten Menschen – auch der Adel, Wissenschaftler und Ärzte – waren im ausgehenden Mittelalter und in der Neuzeit von der leibhaftigen Existenz des Teufels überzeugt. Deshalb fiel es dem Klerus nicht schwer, dem Volk einzureden, es gäbe Mitarbeiter des Teufels auf Erden: Hexen und Zauberer. Auf Befehl des Teufels, so predigten die Kirchenvertreter, hätten die Zauberer und Hexen die "Synagoge des Satans" gegründet. Ihr Ziel sei es, die christliche Kirche und darüber hinaus die ganze christliche Welt zu vernichten. Geschickt wurde nun der Volkszorn auf diese Personengruppe gelenkt. Hexen und Zauberer konnte man für alle Missstände verantwortlich machen: Unwetter, Brände, Krankheiten, Pestepidemien, Missernten, Hungersnöte, Missgeburten, Unfruchtbarkeit, Viehsterben und ungeklärte Verbrechen.

Der Papst bläst zur Hexenjagd

Mit der von Papst Innozenz VIII. im Jahr 1484 erlassenen, berüchtigten "Hexenbulle" wurde die Inquisition beauftragt, ihre bis dahin nur auf Ketzer beschränkte Tätigkeit auch auf Hexen und Zauberer auszudehnen. Damit war faktisch über Jahrhunderte hinweg in Europa das Todesurteil für ca. 60.000 unschuldige Menschen – meist Mädchen und Frauen – gesprochen. Als Hexen abgestempelt wurden sie von ihren Richtern in das "reinigende Feuer" geschickt. Die meist durch Denunziation bei den Inquisitionstribunalen angeklagten Frauen hatten keine Chance. Gab eine Frau ihre Hexentätigkeit nicht gleich zu, so verfügten die Inquisitoren über ein reichhaltiges Instrumentarium, sie zu einem Geständnis "zu bewegen": Kerker, Folter, Hunger, falsche Zeugenaussagen und andere Schikanen. Kaum bekannt ist, dass Deutschland das Zentrum der Hexenverfolgungen in Europa war. Hier erreichten die Exzesse mit 20.000 bis 30.000 Hexenverbrennungen zwischen 1560 und 1630 ihren Höhepunkt. Damit gehört das Kapitel "Hexenjagd" nicht ins "finstere Mittelalter", sondern hat sich in der Neuzeit abgespielt. 1775 wurde die letzte Hexe in Deutschland verbrannt.

Die Vorverurteilung der Frauen

Warum wurden vor allem Frauen von der Inquisition als Hexen angeklagt und verbrannt? Hierfür gibt es verschiedene Gründe: In der christlichen Lehre galt die Frau als "unrein" und gegenüber den Versuchungen des Teufels als besonders anfällig. Das zeigt schon die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Hier hatte Eva die "Ur-Sünde" begangen und jede Frau galt damit als "Gefäß der Sünde". In den Augen der Kirchenväter benutzten die Frauen den Sex als "heimtückische Waffe", um Männer in Versuchung zu führen und sie vom rechten Weg abzubringen. Damit war jede Frau früher von vornherein als Sünderin "abgestempelt" und sozial entmündigt. Deshalb war das Leben der Frauen in vergangenen Zeiten auch auf Ehe, Familie und Haushalt beschränkt. Und auch hier hatten sie bestimmte Regeln strikt einzuhalten. Doch es gab noch weitere Gründe: Seit dem 11. Jahrhundert herrschte ein großer Frauenüberschuss. Die Ursachen dafür sind bis heute nicht geklärt. Arm, allein, unversorgt, am Rande des Existenzminimums dahinvegetierend, von den Mitmenschen verdächtigt, gemieden und teilweise krank, führten viele Frauen ein von Not, Armseligkeit und Einsamkeit gekennzeichnetes Leben. Damit waren die rechtlosen Frauen eine "leichte Beute" für die Hexenjäger der Inquisition.

Was die Inquisitoren brennend interessiert: "die Salb"!

Am 15. März 1570 sagte die in Quedlinburg unter der Folter vernommene Magdalena Hermes aus, dass sie nach dem Rezept des Satans eine Paste zubereitet hätte. Nachdem sie mit ihr vornehmlich die Scham und die Achselhöhlen eingerieben hatte, verspürte sie bald danach die Kraft, sich vom Erdboden zu lösen. So das Protokoll der Inquisition.

Gab es Hexensalben wirklich oder waren das die krankhaften Hirngespinste der Inquisitoren und Richter? Seit dem 15. Jahrhundert beschreiben die Autoren der Hexenliteratur eine Salbe, auch "Flugsalbe, Buhlsalbe, Hexenschmiere oder Schlafsalbe" genannt. Sie sollte es den Hexen ermöglichen, zum Hexensabbat, dem Treffen mit dem Teufel, zu fliegen. Aber die Salbe konnte noch mehr: Mit ihrer Hilfe konnte sich die Hexe nicht nur in bestimmte Tiere verwandeln, sondern sie konnte außerdem den von allen Menschen gefürchteten Schadenzauber ausüben. Wie Protokolle belegen, stellte die Befragung der vermeintlichen Hexen nach dem Gebrauch der Hexensalben einen Schwerpunkt in den Verhören der Inquisition dar. So fordert der "Fünfte Titel (von peinlicher Frag)" des Landrechts für die Markgrafschaft Baden-Baden vom 2. Januar 1588 von den angeklagten Frauen folgende Auskünfte: "Die Salb betreffend. Weil sie gefahren, wormit sie gefahren? Item wie solches zuegericht, vnd was Farb sie habe? Item ob sie auch eine zue machen getrawte?" Weiter sollten die Frauen beantworten, woher sie das für die Hexensalbe benötigte Menschenschmalz haben und ob sie deswegen Menschen ermordet hätten.

Rezepturen für die "Hexenschmier"

Ärzte, Geistliche und Wissenschaftler versuchten – obwohl das damals lebensgefährlich war – schon frühzeitig das Phänomen der Hexensalben aufzuklären. Gab es diese Salben wirklich, was enthielten sie und wie wirkten sie? Oder waren die Hexensalben nur die Hirngespinste der Inquisitoren, die die angeklagten Frauen unter der Folter bestätigten?

Einen aufschlussreichen Bericht gibt uns der Chronist Giambattista della Porta (1539–1615) 1561 in seinem Werk "Magia naturalis". Er schreibt, Hexen verwendeten für ihre Salben Kinderfett, Eisenhut, Sellerie, Pappelknospen und Ruß. Eine andere Mischung bestünde aus Wassermerck, Fledermausblut, Tollkirsche, Olivenöl, Fingerkraut und Schwertlilie. Einer Information aus dem 16. Jahrhundert zufolge rührten die vermeintlichen Hexen ihre Salben so an: "Man nehme Mandragora/Tollkirsch/Bilsenkraut/Bittersüß und Stechapfel/ darf auch Schilling/Giftlattich und Mohn dabei sein/ vermenge mit Katzenfett/Hundsfett/Wolfsfett/Eselsfett/Fledermausblut und Kinderfett, um zu einer salbenartigen Konsistenz zu bringen."

Damit ist eindeutig geklärt: Hexensalben waren Realität! Schon diese drei Rezepturen sind aufschlussreich: Neben ekelerregenden, aber wirkungslosen Bestandteilen wie Fledermausblut und Kinderfett finden wir hier Vertreter der halluzinogen wirkenden Nachtschattengewächse (Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel und Mandragora, auch als Alraune bekannt). Ihre damals noch unbekannten Inhaltsstoffe (Alkaloide) wirken nach den Erkenntnissen der modernen Toxikologie u. a. stark auf das Zentralnervensystem. Sie lösen dosisabhängig eine Mischung zwischen tiefem Schlaf und Narkose aus. Hier erlebten die Frauen intensive Halluzinationen, in denen sie durch die Lüfte flogen, um sich mit dem Teufel zu treffen oder sich in Tiere zu verwandeln. Auf dem Hexensabbat feierten sie Orgien mit dem Teufel und hatten Geschlechtsverkehr mit ihm. Die Halluzinationen waren so intensiv, dass die meist ungebildeten Frauen nach dem Erwachen glaubten, ihre Träume wirklich erlebt zu haben. Und viele waren auch danach fest davon überzeugt, im Besitz von Zauberkräften zu sein.

Im zweiten Teil dieses Berichts erfahren Sie mehr über die "Gebrauchsanweisung" für Hexensalbe, über amüsante, aber auch tödliche Experimente mit "Buhlsalben", wer wirklich Hexensalben benutzte und die heutige Bedeutung der Hexenpflanzen in der Medizin.



Autor:
Ernst-Albert Meyer

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (16) Seite 84-86