Die Sicherstellung einer flächendeckenden ambulanten Versorgung ist der zentrale Auftrag an die Vertragsärzteschaft. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist sich ihrer Kernaufgabe bewusst. Wie die heute noch gute ärztliche Versorgung in strukturschwachen und bevölkerungsarmen Regionen aufrechterhalten werden kann, diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Ministerien, Behörden und Kassenärztlichen Vereinigungen im Rahmen der Zi-Tagung zum KBV-Sicherstellungskongress.

Im Vergleich zu Skandinavien, Kanada oder Australien gibt es in Deutschland keine wirklich entlegenen Orte. Dennoch: Je mehr Menschen zum Studieren, Arbeiten und Leben in die Städte ziehen, umso größer werden die Herausforderungen der Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen – auch in Deutschland. Die meisten ländlichen Regionen werden laut Prognosen in den kommenden 20 Jahren bis zu ein Viertel ihrer Einwohner verlieren. Auch Ärzte folgen diesem Trend und lassen sich eher dort nieder, wo es sich insgesamt gut leben und arbeiten lässt.

Faustpfand gegenüber der Politik

Die ambulante Versorgung kann trotz der demografischen Entwicklung und der rückläufigen ärztlichen Arbeitszeit, auch und gerade in strukturschwachen Regionen, laut Ansage der KBV sichergestellt und weiterentwickelt werden. Dieses Versprechen ist das Faustpfand der Körperschaft gegenüber der Politik. Aber genauso das Druckmittel nach innen, um die niedergelassenen Ärzte flächendeckend in der Versorgung zu halten. Gefragt sind dezentrale Lösungen, die auf die spezifischen Bedingungen vor Ort zugeschnitten sind. Nur so kann dem unterschiedlichen Versorgungsbedarf in den Regionen am besten Rechnung getragen werden.

Thomas Czihal, Gesundheitsökonom und Statistiker des Zi, stellte als Insider unter der Über-schrift "Alles hängt mit allem zusammen" die ärztliche Versorgung in den Kontext der allge-meinen Daseinsvorsorge. Auf der Grundlage des Versorgungsatlas 2013 durchleuchtete er die Konsequenzen des demografischen Wandels für den Versorgungsbedarf. "Verglichen mit anderen Bereichen stellt sich die regionale Verteilung der niedergelassenen Ärzte als relativ homogen dar", so beruhigte Czihal. So sehe die Lage bei den Hausärzten noch relativ gut aus. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Raum- und Stadtforschung aus dem Jahr 2015 sind Hausärzte in strukturschwachen Landgemeinden im Durchschnitt 2,4 km entfernt. Bis zum nächsten Supermarkt bzw. Discounter sind es über 3 km und in die nächste Apotheke sind es schon 3,3 km.

Mit Kind und Kegel

Der demografische Wandel schafft neue Rahmenbedingungen. Dies werfe die Frage auf, wie Regionen, die für viele Bevölkerungsteile unattraktiv sind, aber trotzdem ärztliche Versorgung benötigen, die Niederlassung als Arzt attraktiv gestalten können. "Von den identifizierten sechs niederlassungsrelevanten Faktoren haben die Rahmenbedingungen für die Familie und berufliche Verpflichtungen (z. B. Bereitschaftsdienste) die höchste Wichtigkeit, während berufliche Kooperationsmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und die Lebensqualität im Umfeld die geringste Bedeutung haben. Im Mittelfeld liegen die finanziellen Bedingungen." Czihal gibt dabei zu bedenken, dass gerade das Vorhalten einer Bereitschaftsdienstinfrastruktur auch eine Mindestzahl an zu erwartenden Patienten erfordere. Weiter müsse bei der Planung der digitalen Infrastruktur die ärztliche Versorgung berücksichtigt werden, ebenso die Erreichbarkeit von Arztpraxen mit dem ÖPNV. Die Zentralisierungsbestrebungen von Bildungseinrichtungen an gut erreichbaren Orten könnten insoweit auch für Arztpraxen gelten. Daseinsvorsorge sei ein Gesamtkonzept. Die Verfügbarkeit von Ärzten einzufordern, greife zu kurz. Vielmehr müssten Voraussetzungen geschaffen werden, die es den Ärzten insgesamt leichter machen, sich für einen Sitz auf dem Land zu entscheiden. Dazu müssten sich alle in der Daseinsvorsorge beteiligten Akteure vor Ort die Hand reichen, fasste Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zi, die Ergebnisse der Fachtagung zusammen.

Der Preis ist heiß

In Euro und Cent umgerechnet lässt sich ein Landarzt seine Arbeit an der regionalen Front mit allen Einschränkungen in seiner Work-Life-Balance nicht für ein Linsengericht abkaufen. Andersherum signalisiert diese Art der Preisbildung, was der Gesellschaft die ärztliche Versorgung auf dem Lande wert sein muss. Am Beispiel der Notfallversorgung wird darüber hinaus deutlich, wie schwierig es in strukturschwachen Gebieten ist, kostendeckend Gesundheitsleistungen anbieten zu können (siehe Abb.).

Wie heiß das Diskussionsthema an der Basis aufkocht, zeigen die Erfahrungen von Dr. Thomas Ewert vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Die Behörde will an der Schnittstelle zwischen Körperschaft und Gemeinde die Stärkung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum vorantreiben. Mit Unterstützung des Kommunalbüros für ärztliche Versorgung des Landes Bayern sollen Lücken geschlossen werden. Die KV Bayerns ist über diese Einmischung in ihre Bedarfsplanung nicht begeistert, wie KVB-Chef Dr. Wolfgang Krombholz seiner Verärgerung Luft macht: "Da nimmt uns der Staat Arbeit ab, die wir gar nicht machen wollen." Alle Verantwortung nur in Richtung KV zu schieben, ohne gleichzeitig für eine ausreichende Finanzierung zu sorgen, sei nicht hinnehmbar. Wir haben bereits genügend Zwänge, wünscht sich Krombholz mehr Freiraum statt Bevormundung von der Politik.



Autor: Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (15) Seite 32-34