Unsere Serie zum Thema "Zusatzbezeichnungen" wurde Ihnen bereits in Ausgabe 9/17 angekündigt. In den kommenden Heften stellt Der Allgemeinarzt Ihnen nun Kollegen vor, die sich weitergebildet haben. Dr. med. Carsten Köber, 41, aus Bad Mergentheim hat sich für die Zusatzweiterbildung "Notfallmedizin" entschieden. Was hat den Allgemeinarzt dazu bewogen und was reizt ihn noch heute am Notdienst?

Dr. med. Carsten Köber arbeitet in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Bad Mergentheim, Baden-Württemberg – seit nunmehr neun Jahren. Von 2005 bis 2008 machte er die Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin. "Ich fand sie in erster Linie spannend", erzählt der Allgemeinarzt, der damals noch in Wertheim im Taubertal seine Klinikzeit absolvierte. Mit einem klaren Ziel: Hausarzt werden.

50 Einsätze in anderthalb Jahren

Die Voraussetzung für die Zusatzbezeichnung – ein halbes Jahr Intensivmedizin – hatte er schon in der Tasche. Als Basis belegte er zunächst die geforderte 80-Stunden-Weiterbildung als neuntägigen Kompaktkurs, den er in Arnsberg im Sauerland belegte (vgl. Kasten). Schwieriger gestalteten sich die 50 Begleiteinsätze, die er für die Weiterbildung fahren musste. In einer Stadt mit rund 24.000 Einwohnern ist die Einsatzfrequenz naturgemäß niedrig. "Ich habe eineinhalb Jahre gebraucht, bis die Einsätze komplett waren", erinnert er sich. "Diese ewige Durststrecke war sehr anstrengend." In Großstädten wie Stuttgart oder Frankfurt am Main sei das viel einfacher, betont Dr. Köber. Kollegen, die schnell Notarzt werden wollen, empfiehlt er deshalb, sich für diese Zeit von der Klinik beurlauben zu lassen. "Ich würde eine Woche lang in ein großes Haus gehen, wo der Notarzt stationiert und die Einsatzfrequenz viel höher ist."

Wissen praktisch umsetzen

Der theoretische Teil sei mit dem Kompaktkurs abgehakt. "Was danach kommt, ist permanentes Lernen durch praktische Umsetzung", erklärt er. Die Assistenzärzte auf Station, die schon im Notdienst waren, unterstützten ihn hier stark. So gab es nach dem Einsatz immer wieder Falldiskussionen: Was war gut? Woran hakte es? Was kann man künftig besser machen?

Die Prüfung bestand aus einem etwa halbstündigen Fachgespräch. Der Stoff war anspruchsvoll, aber überschaubar, findet Dr. Köber, der sich durch das Repetitorium immer nach Dienstschluss durchgearbeitet hatte. Gerechnet hat sich die Zusatzbezeichnung für ihn allerdings nicht. Mit ein, zwei Einsätzen pro Schicht komme man auf einen Stundenlohn von unter 20 Euro. "Das ist nichts, wofür man sich 24 Stunden auf eine Wache setzt", so der Hausarzt.

Notfallmedizin
Um die Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" erwerben zu können, sind in Baden-Württemberg z.B. 24 Monate Weiterbildung in der unmittelbaren Patientenversorgung in einem Krankenhaus mit eigener Notaufnahme verpflichtend, das zugleich ein breites Spektrum akuter stationärer Behandlungsfälle aufweist. Sechs Monate muss der Arzt außerdem in der Intensivmedizin tätig sein. Im zweiten Jahr der Weiterbildung steht ein 80-Stunden-Kurs in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung auf dem Plan. Anschließend muss ein Nachweis von 50 Notarzteinsätzen erbracht werden. Der Arzt erwirbt dabei u. a. Kenntnisse in der Erkennung und Behandlung akuter Störungen der Vitalfunktionen einschließlich der dazu erforderlichen instrumentellen und apparativen Techniken. Die Weiterbildung kostet etwa 1.500 Euro (je nach Kursgebühr). Reisekosten und Gebühren werden häufig vom Arbeitgeber übernommen.

In Baden-Württemberg gibt es rund 5.250 Allgemeinärzte. Im Ranking der Zusatzbezeichnungen liegt dort die "Notfallmedizin" mit 9,0 % auf Platz 4.

In den anderen Bundesländern sind die Regelungen für die Weiterbildung vergleichbar. Genaueres erfahren Sie auf der Homepage Ihrer Landesärztekammer.

Zwischen Hausarzt und Notarzt

Trotzdem würde er die Weiterbildung immer wieder machen. Denn heute kann er bei Notfällen selbst entscheiden, was zu tun ist, und muss nicht andere um Rat fragen. Dr. Köber: "Es stellt sich immer wieder das Gefühl ein: Gut, dass ich das gelernt habe. Ich finde das großartig." Sein Wissen schalte er ja nie ab, auch nicht bei Hausbesuchen. Er nennt ein Beispiel aus seinem Praxisalltag. Bei einem Patienten mit Angina pectoris, der über starke Brustschmerzen klagte, kam Dr. Köber – aufgrund seines notfallmedizinischens Backgrounds – zu dem Schluss, dass es sich hier um keine Banalität, sondern um ein akutes Koronarsyndrom handelt. "Man ruft dann nicht den Notarzt, sondern switcht um, alarmiert den Rettungswagen, agiert selbst als Notarzt und fährt mit", sagt er.

Seine Praxispartner sind auch Notärzte und stellen beim Rettungsdienst des DRK-Kreisverbandes Bad Mergentheim manchmal ein Drittel des Dienstplans. Die Kollegen vom Roten Kreuz freuen sich über jeden erfahrenen Arzt, der im Team mitarbeitet. Terminkollisionen mit seiner Praxistätigkeit gab es dabei nie. Die 24-Stunden-Rettungsdienste dauern immer bis 7.30 Uhr am nächsten Morgen. An diesem Tag lässt er seine Praxis-Sprechzeit einfach eine Stunde später beginnen, so sein Tipp. Durch den notärztlichen Dienst kann Dr. Köber kritische Situationen einfach besser einschätzen: "Ich finde es heute noch ein gutes Gegengewicht zu meinem Alltag als Allgemeinarzt." Entscheidend sei beim Notdienst jedoch, immer am Ball zu bleiben.

Notfallmedizin ist Erfahrung

"Es bringt nichts, wenn man die Zusatzbezeichnung erwirbt, aber keine Einsätze fährt", betont er. Ist man erst mal ein Jahr draußen, wird es schon schwierig. Im Hintergrund stehe immer die Unsicherheit. Und diese Angst werde größer, wenn man nicht aktiv bleibe. "Deshalb habe ich die Regel: Einmal im Monat fahren, wenigstens einen Tag." Anderen Notärzten ginge es da genauso. "Wenn die Kluft zu groß wird zwischen Fahren und Nichtfahren, wagt man es nicht mehr, weil man es sich nicht mehr zutraut." Um immer auf dem neuesten, medizinischen Stand zu sein, haben Mergentheimer Notärzte einen kleinen Qualitätszirkel gegründet, in dem sie sich kontinuierlich austauschen.



Autorin:
Angela Monecke

Alle weiteren Teile der Serie Zusatzbezeichnungen finden Sie hier



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (10) Seite 69-70