Seit nunmehr 15 Jahren betreibt Dr. med. Ute Maria Buttgereit in Hamburg ihre eigene Praxis für Allgemeinmedizin mit dem Schwerpunkt Integrative Medizin und hat bereits mehrere Zusatzbezeichnungen erworben. Die Naturheilverfahren, die wir in diesem Teil der Serie vorstellen, praktiziert sie mit Leidenschaft. Warum sie sich jeden Tag aufs Neue für die Naturheilverfahren begeistert, wie sie ihr eigenes Leben bereichert haben und wo das große Dilemma dieser Disziplin liegt, erzählte sie im Interview mit Der Allgemeinarzt.

Dass zur Ausübung der Naturheilverfahren weitaus mehr gehören als Kenntnisse der Phytotherapie oder die Beherrschung therapeutischer Maßnahmen wie Massage- oder Ernährungstherapie, wird im Gespräch mit Dr. Buttgereit sehr schnell deutlich. Der ganzheitliche Ansatz der Naturheilverfahren konzentriert sich nicht auf die Heilung eines einzelnen Symptoms, sondern erfasst den Menschen mit seiner Familienanamnese, seinen persönlichen Fähigkeiten und seiner eigenen Lebensweise. Um zur Genesung zu gelangen, sollen seine körpereigene Ordnung und seine inneren Heilkräfte angeregt werden – hierzu muss der Arzt den Menschen kennenlernen, wie Dr. Buttgereit erläutert. "Mein Ziel ist es, den Patienten zu aktivieren, selbst etwas für seine Genesung zu tun und ihn herauszuholen aus der passiven Überzeugung, nur durch die Einnahme von Medikamenten gesund zu werden. Durch die Naturheilverfahren mobilisiere ich die Patienten zur Selbsthilfe."

Gute Ergänzung zur klassischen Schulmedizin

Und genau diese Herangehensweise wird von ihren Patienten geschätzt und gut angenommen: "Es kommen immer mehr Patienten. Vor allem legen sie Wert darauf, dass sie von einer Ärztin behandelt werden, die die Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren führt, und es sich eben nicht um einen Heilpraktiker handelt", so Dr. Buttgereit. Die Differenzierung zwischen den beiden Berufsgruppen ist entscheidend: Im Gegensatz zu der von Heilpraktikern ausgeübten Naturheilkunde haben die Naturheilverfahren einen engen Bezug zur Schulmedizin und werden ergänzend zu ihr eingesetzt. Die Facharztanerkennung ist Voraussetzung für das Führen der Zusatzbezeichnung. So sind die Naturheilverfahren auch in der Praxis von Dr. Buttgereit eingebettet in einen klassischen allgemeinärztlichen Praxisalltag mit all seinen herkömmlichen Gesundheitsuntersuchungen und Verordnungen von Medikamenten auch außerhalb der Phytotherapie – so dies notwendig ist.

"Allerdings haben Praxen mit der Ausrichtung auf Naturheilverfahren viel weniger Kosten für Medikamente. Stattdessen ist die zeitliche Komponente – die Zuwendung, die Anamnese und Präventionsarbeit – von größerer Bedeutung." Das intensive Gespräch mit dem Patienten über seine Erkrankung, seine Lebensführung und über Maßnahmen, die er selbst zur Besserung ergreifen kann, ist ein wesentlicher Baustein der Naturheilverfahren. "Krankheit ist kein Fehlen von Medikamenten. Man kann viele Erkrankungen auch ohne Arzneimittel heilen, z. B. durch mehr Bewegung, Gewichtsreduktion oder Ernährungsumstellung." Dieser Ansatz bedeutet natürlich auch Arbeit und Disziplin für den Patienten, und um diese aufzubringen, ist ein gewisses Verständnis für den eigenen Körper und die Erkrankung unabdingbar. Dies ist Ziel der intensiven Gespräche. Ebenfalls zeitintensiv sind die Erläuterungen zum Erlernen verschiedener Methoden, wie z. B. die Anwendung kalter Wickel, Güsse oder Bäder.

Ablauf der Weiterbildung

Die Weiterbildung Naturheilverfahren gliedert sich in einen 160-Stunden-Kurs, der in der Regel auf 4 x 40 Stunden aufgeteilt ist, sowie zwei Fallseminare à 40 Stunden. In den Fallseminaren wird anhand von Patientenbeispielen die praktische Anwendung des Gelernten geübt. Alle Kurse werden i. d. R. sowohl an Wochenenden als auch an Werktagen als Blockkurse angeboten. Alternativ zu den Fallseminaren gibt es die Möglichkeit, eine dreimonatige Arbeitsphase in der Praxis eines Weiterbildungsbefugten zu durchlaufen. Insgesamt sind alle erforderlichen Kurse laut Dr. Buttgereit innerhalb eines Jahres zu schaffen. Sie selbst absolvierte die Kurse 2013 im Klinikum Essen Mitte. "Hier hatte man einen sehr hohen wissenschaftlichen Anspruch an die Naturheilverfahren, das war mir sehr wichtig." Ob eine abschließende Prüfung abzulegen ist, wird je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Während in Hessen keine verlangt wird, musste Dr. Buttgereit in Hamburg sehr wohl eine Prüfung ablegen. Diese beschreibt sie aber als gut zu meistern und dank übersichtlicher Unterlagen konnte man sich gut darauf vorbereiten. Die Kosten für die Weiterbildung beliefen sich auf ca. 3.000 Euro.

Methoden der Naturheilverfahren und ihre Fragestellungen:
  • Klimatherapie: Wann macht man welche Kur? Welches Klima und welcher Kurort sind geeignet und wie lang sollte die Kur dauern?
  • Ordnungstherapie: Wie erreiche ich ein Gleichgewicht zwischen den "fünf Säulen" Bewegung, Ernährung, Entspannung, Atmung und naturheilkundlichen Maßnahmen? Wie kann ich effektiv Stress abbauen?
  • Chronotherapie: Wie gestalte ich Arbeitspausen, wie baue ich Ferien ein?
  • Phytotherapie: Welche Atemwegsinfekte kann man mit welchen Pflanzentees behandeln? Welche wissenschaftlichen Studien gibt es zu pflanzenheilkundlichen Therapien? Welche pflanzlichen Präparate kann ich einsetzen, um in den Wechseljahren ohne Hormone auszukommen?
  • Ernährungstherapie: Wie gestalte ich eine Fastentherapie? Wie kann man auf natürliche Weise den Cholesterinspiegel senken?
  • Atem- und Entspannungstherapie: Wie kann ich durch die richtige Entspannung meinen Blutdruck senken oder funktionelle Rückenbeschwerden in den Griff bekommen?
  • Bewegungstherapie: Warum wirken sich die "täglichen 10.000 Schritte" positiv auf meine Gesundheit aus? Was kann Yoga bei Rückenschmerzen bewirken?
  • Physikalische Maßnahmen: Wie inhaliere ich richtig und womit? Wann sind Wechselbäder sinnvoll? Welche Massageformen gibt es und wie wende ich sie an?
  • Integrative Onkologie: Welche Naturheilverfahren kann man bei Chemotherapie-Patienten anwenden? Welche Pflanzen helfen bei Übelkeit?
  • Ausleitende und umstimmende Verfahren: Was bewirken Schröpfen, Fasten oder Akupunktur bei chronischen Schmerzzuständen?

Sehr praxisnaher Bezug

Dr. Buttgereit schätzt insbesondere die praxisnahe Ausrichtung der Weiterbildung. Von der Aufbereitung von Güssen und kalten Wickeln über Entspannungsformen wie Iyengar Yoga und progressive Muskelentspannung bis hin zur Ernährung mit mediterraner Vollwertkost: Fast alle naturheilkundlichen Methoden, die sie auch in ihrer Praxis anwendet, wurden in den Kursen von den Teilnehmern praktiziert, um selbst zu erfahren, wie sie sich auf den Körper auswirken. "Durch dieses Lernen habe ich selbst viel in meinem Alltag geändert und kann meinen Patienten die Methoden viel authentischer vermitteln. Die Weiterbildung war für meine Arbeit und auch für mich persönlich eine große Bereicherung."

Das Dilemma: Die mangelnde Vergütung

Doch es gibt bei der Ausübung der Naturheilverfahren auch einen großen Wermutstropfen: Der hohe zeitliche Aufwand und die intensive Gesprächsführung, die wesentlich für die Diagnostik und Therapie sind, werden kaum vergütet. "Es ist ein Dilemma, dass es in der Kassenmedizin keine Ziffer für diese wichtigen Grundbausteine der Naturheilverfahren gibt", erläutert Dr. Buttgereit.

So gibt es zwar eine Gesprächsziffer für die Psychosomatik und auch die Chronikerziffer kann häufig angeführt werden, insgesamt erhält man pro Quartal und Patient aber im Schnitt nicht mehr als 40 Euro, wie Dr. Buttgereit berichtet. "Damit lässt es sich nur schlecht arbeiten." Ärzten in Privatpraxen stehen mit dem Hufelandverzeichnis verschiedene Privatziffern für naturheilkundliche ärztliche Anwendungen zur Verfügung. Im EBM jedoch fehlen solche Ziffern. Je nach KV ist es sogar nicht gestattet, bestimmte naturheilkundliche Leistungen als IGeL abzurechnen. Zudem reduziert sich natürlich aufgrund der sehr zeitintensiven Diagnosen und Therapieverfahren die Scheinzahl. "Hierdurch bekommt man in einer Allgemeinarztpraxis mit naturheilkundlicher Ausrichtung ein wirtschaftliches Problem", so Dr. Buttgereit.

Als Kompromiss hat Dr. Buttgereit verschiedene Maßnahmen ergriffen. Sie richtet beispielsweise für Patienten als Selbstzahler Abendvorträge zu Themen wie mediterraner Ernährung aus, stellt Informationsmaterialien zusammen und hat ein Netzwerk u. a. mit Iyengar-Yoga-Schulen aufgebaut, um gewisse Therapieangebote aus ihrer Praxis auszulagern, ihren Patienten aber dennoch eine Beratung im Bereich der Naturheilkunde anbieten zu können.

Jungen Kollegen, die eine Kassenpraxis auf der Basis der Naturheilverfahren aufbauen wollen, würde sie heute davon abraten: "Biete die Naturheilverfahren zusätzlich an, denn sie sind eine Bereicherung, aber spezialisiere dich nicht darauf." Zwar gibt es verschiedene Verhandlungsansätze und Zusammenschlüsse von Ärzten, die für eine stärkere Akzeptanz der Naturheilverfahren kämpfen und sich für eine faire Vergütung innerhalb des EBM einsetzen. Ob diese Lobby aber in naher Zukunft Erfolgschancen hat, steht laut Dr. Buttgereit leider noch in den Sternen. "Für mich ist die Praktizierung der Naturheilverfahren eine Leidenschaft in jeder Hinsicht – aber sie schafft auch Leiden. Trotzdem kann ich es mir nicht anders vorstellen."

Das Interview führte Yvonne Schönfelder

Alle weiteren Teile der Serie Zusatzbezeichnungen finden Sie hier


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (14) Seite 57-59