Wen die Chirotherapie bislang noch nicht gereizt hat, wird sich nach einem intensiven Gespräch mit Dr. Christoph Seeber fragen, wie er ohne diese Disziplin eigentlich bislang ausgekommen ist. Wo liegt für den 51-jährigen Allgemeinarzt aus dem ostfriesischen Leer die große Faszination der Chirotherapie? Im Interview mit Der Allgemeinarzt erklärt Dr. Seeber, wie sich seine Arbeit durch die Chirotherapie verändert hat, wie sich die Weiterbildung inhaltlich gestaltet und ob sich die Zusatzbezeichnung wirtschaftlich lohnt.

Die Chirotherapie befasst sich mit der schmerzhaften Funktionsstörung bzw. Blockade des Bewegungsapparats mit dem Ziel, diese allein durch Handgriffe zu behandeln. Mit dem eigenständigen diagnostischen Instrumentarium – der Chirodiagnostik – bildet die Chirotherapie die Manuelle Medizin.

Seeber hat mit der Chirotherapie direkt mit dem Einstieg in seine Praxis vor etwa 17 Jahren begonnen. Der Entschluss entstand unter anderem aus der Erkenntnis, dass er sich nach 1,5 Jahren in der Unfallchirurgie mit den herkömmlichen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in der Hausarztpraxis nicht ausreichend ausgestattet fühlte. "Ich war dermaßen frustriert über das elende Spritzen und darüber, kein adäquates Instrument zu finden, um die Patienten mit Problemen an der Wirbelsäule gründlich zu untersuchen", erklärt Seeber. Besonders schätzt er daher an dieser Disziplin das Gefühl, aktiv etwas machen zu können und nicht nur ein Medikament zu verschreiben und dann abzuwarten. "In der Chirotherapie habe ich das gefunden, was ich als Allgemeinarzt gesucht habe. Sie hat mir vom ersten Tag an wahnsinnig Spaß gemacht."

Auswirkungen auf die Patientenklientel

Dass sich der Erwerb einer jeden Zusatzbezeichnung auf die Patientenklientel auswirken kann, sollte jedem vorher bewusst sein. Als Seeber die Praxis von seinem Vorgänger übernahm, hatte sie einen Rentneranteil von 45 % – mittlerweile kommen jedoch auch sehr viele junge Menschen zu ihm. Seeber spricht hier sogar von einer "gespaltenen Sprechstunde", in der zum einen natürlich die typischen Hausarzt-Patienten mit Husten, Hautausschlag oder Herzinsuffizienz zu ihm kommen. Zum anderen suchen ihn aber auch bis zu 40 % der Patienten gezielt mit Problemen des Bewegungsapparats aufgrund seiner chirotherapeutischen Behandlung auf.

"Die Patientenklientel der Praxis hat sich deutlich verschoben", berichtet er aus seiner 17-jährigen Praxiserfahrung. In diesem Zusammenhang wird deutlich, worin für Seeber der eindeutige Mehrwert der Chirotherapie liegt, wenn er beschreibt: "Patienten mit Problemen im Bewegungsapparat sehen andere Hausarztpraxen natürlich auch, bloß stehe ich nicht mehr so frustriert vor diesen Patienten, sondern habe ein klares Behandlungskonzept und kann aktiv werden. Ich habe mehr als Diclofenac und Krankengymnastik im Behandlungsrepertoire. Die Chirotherapie hat mich sehr viel sicherer gemacht im Umgang mit dieser amorphen Masse der Schmerzen im Bewegungsapparat, weil ich ein tieferes Verständnis dafür bekommen habe."

Der Praxisalltag

Als klassische Indikationen für chirotherapeutische Anwendungen nennt Seeber den Kreuzschmerz, das Iliosakralgelenk-Syndrom, und nicht selten sieht er Patienten mit den differenzialdiagnostisch diffizilen nichtkardialen Herzschmerzen. Dagegen gehören zu den wichtigen Kontraindikationen das frische Trauma, Frakturen, entzündliche Prozesse wie Gelenkschmerzen mit Fieber, akutes Bandscheibengeschehen und Tumorleiden.

Aus der Natur der Methode ergibt sich natürlich, dass Berührungsängste bei der Chirotherapie absolut fehl am Platz sind. "Dadurch, dass ich den Patienten ständig anfassen muss, ergibt sich zwangsläufig eine Nähe – darüber muss sich selbstverständlich jeder bewusst sein." Doch auch hier gibt es für Seeber Grenzen. Das Unwohlsein des Behandlers gegenüber dem Patienten gehört für ihn sogar auf die Liste der Kontraindikationen für die Chirotherapie.

Ablauf der Weiterbildung

Wer die Weiterbildung zur Chirotherapie absolvieren möchte, steht zunächst vor der grundsätzlichen Wahl der Ausbildungsstätten: Zum einen gibt es drei große Schulen in Deutschland (Isny, Boppart, Berlin), die der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM) angehören und über das Land verteilt mit zahlreichen Ausbildungsstätten vertreten sind. Darüber hinaus berichtet Seeber aber auch von ein paar Einzelkämpfern, die sich diesen Schulen nicht angeschlossen haben. Bei einem solchen hat auch Seeber mit Begeisterung seine Weiterbildung gemacht und ist direkt in dessen Fußstapfen getreten. Seit einigen Jahren lehrt Seeber selbst in seiner Praxis in Kursen die Chirotherapie. Als grundsätzlichen Unterschied zu den Schulen führt er an, dass er mit einem ganzheitlichen Ansatz in einwöchigen Kursen integrativ den ganzen Menschen unterrichtet, wohingegen die großen Schulen modular arbeiten, also systematisch in mehreren Modulen Themenblöcke abhandeln. Seeber ist ein großer Verfechter der intensiven Wochenkurse. Diese sind zwar nicht so einfach in den laufenden Praxisalltag zu integrieren wie Wochenendkurse, bieten aber einen entscheidenden Vorteil: "Alle Teilnehmer sind die ganze Zeit im wahrsten Sinne des Wortes hautnah zusammen, denn 80 % des Kurses sollen praktisch orientiert sein. Dadurch entsteht eine besondere Dynamik und natürlich fällt es einem leichter, die Methoden zu üben, wenn man sich besser kennt." Für den Erwerb der Zusatzbezeichnung müssen 120 Stunden Grundkurs und 200 Stunden Aufbaukurs absolviert werden. Hierzu benötigt man allerdings mindestens zwei Jahre, denn zwischen den Kursen müssen drei Monate Pause liegen, so verlangt es das Musterkursbuch der Bundesärztekammer. Der Sinn dieser langen Pausen ist, gezielt zu üben und ab dem ersten Tag die Patienten zu behandeln. "Die Chirotherapie ist eine Erfahrungsheilkunde und muss gerade zu Beginn ständig geübt werden", erläutert Seeber. "Man muss sie schlicht begreifen!"

Die konkreten Lerninhalte der Weiterbildung sind vielfältig und praxisnah (s. Kasten): von chirotherapeutischen Diagnosen und Eingriffen über krankengymnastische Übungen bis hin zur Beratung und Motivation des Patienten, selbst aktiv zu werden. Mit Ausnahme von Hessen steht bei allen Bundesländern am Ende der Weiterbildung eine Abschlussprüfung. Die Kosten unterscheiden sich je nach Ausbildungsstätte und können sich auf bis zu 4.000 Euro belaufen. Das ist teurer als manch andere Weiterbildung, aber laut Seeber rechnet es sich.

Das tägliche Brot

Auf die Frage, ob sich die Zusatzbezeichnung wirtschaftlich für ihn gelohnt habe, gibt Seeber preis, dass die Chirotherapie die wesentliche Säule seines Einkommens darstellt. Er gibt aber zu bedenken, dass das auch vom Bundesland abhängt. So gibt es Länder wie Schleswig-Holstein, die kein QZV (Qualitätsgebundenes Zusatzvolumen) bieten, so dass alle Leistungen ins Regelleistungsvolumen einfließen. Sehr positiv wirkt sich die Chirotherapie auf das Arzneimittelbudget aus, welches bei Seeber etwa 40 % unter Fachgruppendurchschnitt liegt, da er den chirotherapeutisch behandelten Patienten i. d. R. keine oder deutlich weniger Medikamente verschreiben muss. Auch die Vergütung hält Seeber für angemessen. Seiner aktuellen Abrechnung entnimmt er für einen chirotherapeutischen Eingriff an der Wirbelsäule 7,48 Euro und für einen Eingriff an den Extremitäten gut 5 Euro. Davon abgesehen berichtet er über eine hohe berufliche Zufriedenheit unter den Ärzten, die auch dadurch zustande kommt, dass man aktiv etwas unternehmen kann und schnell zum Behandlungserfolg kommt.

Das Manko: Die Studienlage

Der Wermutstropfen der Disziplin liegt für Seeber in dem Fehlen guter Studien. "Es gibt leider derzeit keine Studie, die die Überlegenheit der Manuellen Medizin beweist, es gibt nur Studien, die z. B. zeigen, dass Bewegungstherapie alleine beim unspezifischen Kreuzschmerz der Bewegungstherapie in Verbindung mit Chirotherapie unterlegen ist." Dies genügt aber, um die Manuelle Medizin beispielsweise in der aktuellen nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz als Behandlungsoption aufzuführen. Immer wieder wird Seeber auch mit der Kritik konfrontiert, die Chirotherapie sei "gefährlich", insbesondere bei der Behandlung des Halses bestehe die Gefahr, einen Schlaganfall auszulösen. Zu diesem Thema wird man laut Seeber dann doch in der Literatur fündig und erfährt hier, dass diese Sorge unbegründet ist.

Auszug aus den Inhalten der Weiterbildung Chirotherapie:
  • Biomechanische Grundlagen und Funktionsstörungen des Bewegungssystems
  • Wirkungsprinzipien der verschiedenen manualmedizinischen Techniken
  • (Neuro-)physiologische Eigenschaften des Bindegewebes
  • Grundlegende Kenntnisse der bildgebenden Diagnostik
  • Schmerzen im Bewegungsstem
  • Psyche und Bewegungssystem
  • Gezielte manualmedizinische Anamnese
  • Indikation und Kontraindikation für manualmedizinische Behandlungen an Kopf, Wirbelsäule und Extremitäten
  • Abrechnungshinweise

Fragt man Seeber, was er jungen Allgemeinärzten raten würde, die mit dem Gedanken Chirotherapie spielen, merkt man, wie sehr er für diese Disziplin brennt: "Macht es auf jeden Fall! Es hat mein Denken und mein Handeln total verändert und auch meine Berufszufriedenheit. Ich stehe heute ganz anders, sicherer, vor meinen Patienten."


Das Interview führte Yvonne Schönfelder

Alle weiteren Teile der Serie Zusatzbezeichnungen finden Sie hier


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (18) Seite 82-86