Wie geht es weiter mit der Gesundheitspolitik unter der neuen Bundesregierung, und welche Auswirkungen werden die politischen Entscheidungen auf die medizinische Versorgung haben? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine hochkarätig besetzte Expertenrunde beim traditionellen Politikforum anlässlich des 34. Seminarkongresses Norddeutscher Hausärzte in Lüneburg. Besonders heiß diskutiert wurden die Regresse, von denen sich viele Hausärzte bedroht fühlen.

"Nahezu täglich wird allerorts darüber diskutiert, wie wir auch Hausärzte für ländliche Regionen gewinnen können, um einem Mangel vorzubeugen. Aber solange Hausärzte sogar für Antihistaminika, die wir unseren Patienten aus gutem Grund verschreiben, bezahlen sollen, wird weder die Politik noch jemand anderes das Hausarztproblem lösen", empörte sich Dr. Matthias Berndt, der Vorsitzende des Hausärzteverbands Niedersachsen, gleich zu Beginn des Diskussionsforums.


Regresse sind ein Unding

Hintergrund seien Prüf- und Regressverfahren einiger Krankenkassen in Niedersachsen. Diese beträfen vor allem Medikamente für Allergiker aus dem Frühjahr 2016 sowie Abrechnungsziffern für chronisch Kranke bis zurück ins Jahr 2014. "Honorarkorrekturen vier Jahre nach der Abrechnung sind ein Unding! Solche Regresse für Hausärzte müssen abgeschafft werden!", forderte Berndt und sprach sich für eine eindeutigere Regelung für die Verschreibungsfähigkeit von Arzneimitteln aus. Hier dürfe es keine Grauzone geben, die dazu führt, dass zwei Jahre später – wie jetzt durch die AOK Niedersachsen geschehen – Prüfaufträge und potenzielle Regresse ausgesprochen werden." Berndt plädierte für eine eindeutige und von Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) oder dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu erstellende Negativliste von Arzneimitteln. Diese müsse öffentlich zugänglich sein – auch für Patienten. Ärzte und Patienten bräuchten Verlässlichkeit und Rechtssicherheit, so Berndt.

Mehr sprechende Medizin, weniger Bürokratie

Die Abschaffung von Regressen ist für den Landeschef jedoch nur ein Puzzleteil auf dem Weg zu einer gesicherten medizinischen Primärversorgung der Bevölkerung. Er hoffe, dass die im Koalitionsvertrag angekündigte bessere Vergütung der hausärztlichen Versorgung und der sprechenden Medizin nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Denn es könne einfach nicht sein, dass das Honorar zum Beispiel für einen Hausbesuch geringer ausfällt als das für das Ausfüllen eines zweiseitigen Reha-Antrages. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu mehr Hausärzten sieht der Allgemeinarzt aus Hannover in der Bürokratie. "Im Durchschnitt müssen wir ungefähr 30 % unserer Arbeit für verwaltungstechnische Abläufe verwenden, und das mit zunehmender Tendenz." Das sei Zeit, die bei der Versorgung der Patienten fehle.

Hausarzt als Lotse in der digitalen Welt

Seine Worte verhallten nicht ungehört bei Claudia Schröder, Abteilungsleiterin Gesundheit und Prävention im Niedersächsischen Ministerium für Soziales und Gesundheit. Für sie nehmen die Hausärzte eine zentrale Rolle bei der medizinischen Versorgung ein als erste Ansprechpartner für die Patienten. Diese Lotsenfunktion werde in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, daran werde auch die Digitalisierung nichts ändern, so Schröder. Der persönliche Kontakt bleibe wichtig, auch wenn die Kommunikation womöglich teilweise bald digital erfolgen wird. Zum Thema Regresse meinte Schröder, diese werde man wohl nur durch Druck auf die Politik loswerden können. Da sollten nicht nur die Verbände aktiv sein, sondern auch jeder einzelne Arzt sollte seinen Abgeordneten damit konfrontieren.

Regresse sind in Gesetz gegossene Ungerechtigkeiten

Dass die technischen Neuerungen der Telemedizin kommen werden, daran hat auch der Vorstandsvorsitzende der KV Niedersachsen, Mark Barjenbruch, keinen Zweifel. Die Digitalisierung werde mehr und mehr in die Behandlungsabläufe eingreifen. Derzeit müsse die KV aber vor allem darum kämpfen, die hausärztliche Versorgung auf dem Land überhaupt aufrechtzuerhalten. Aufgrund des demografischen Wandels steige der Morbiditätsstand in Niedersachsen gerade um 5 %, gleichzeitig gebe es aber 18 % weniger Hausärzte. Insofern sei es gut, wenn die Politik die sprechende Medizin stärken wolle. Hingegen sei es kompletter Unsinn, so Barjenbruch, wenn Termine beim Hausarzt auch über Terminservicestellen vergeben werden sollten, wie von Bundesgesundheitsminister Spahn vorgeschlagen worden war. Denn wenn der Patient dann zu irgendeinem Hausarzt geschickt würde, könne doch keine persönliche Arzt-Patienten-Beziehung mehr aufgebaut werden. Auch der KV-Chef sprach sich dafür aus, die Regresse abzuschaffen, wenn man den Hausarztberuf attraktiver machen wolle. Regresse seien in Gesetz gegossene Ungerechtigkeiten, machte Barjenbruch seine Meinung deutlich.

Zum Thema Digitalisierung äußerte sich auch Jan Seeger als Vertreter der AOK Niedersachsen: "Man müsse schon genau hinschauen, was in diesem Bereich tatsächlich sinnvoll ist", gab er zu bedenken. Wichtig sei aber auf alle Fälle, dass die Körperschaften hier selbst aktiv werden, bevor es andere wie Google oder Apple für sie tun.

Delegation wird immer wichtiger werden

Die Weichenstellung für mehr zukünftige Hausärzte muss nach Auffassung von Marion Renneberg, der Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, schon an der Universität erfolgen. Hier müssen die Allgemeinmedizin gestärkt und die allgemeinmedizinischen Lehrstühle personell aufgestockt werden. Auch der Masterplan Medizinstudium 2020 sei eine sehr gute Grundlage. Dieser sollte trotz finanzieller Streitigkeiten zwischen Bund und Ländern dann aber auch zügig umgesetzt werden. In Niedersachsen habe die Landesregierung zumindest schon einmal 200 neue Medizin-Studienplätze bis 2021 versprochen. Im Übrigen, so Renneberg, werde man sich daran gewöhnen müssen, dass es nicht mehr in jedem Dorf einen Hausarzt geben werde. Viele Aufgaben könnten an Nichtärztliche Praxisassistenten wie die VERAH delegiert werden. Dieses System müsse man weiter ausbauen.

Mehr Wertschätzung bitte!

"Wertschätzung und Rechtssicherheit" sei das, was die Hausärzte wollen, fasste Dr. med. Uwe Lankenfeld vom Hausärzteverband Niedersachsen die Diskussion zusammen. Doch das dürften nicht bloße Versprechungen der Politik bleiben. Wertschätzung und Rechtssicherheit heiße: a) die Honorare müssen stimmen, b) die Regresse müssen wegfallen, c) man brauche endgültige Honorarbescheide, die nicht nachträglich noch geändert werden können, und d) man müsse wegkommen von der ständigen geforderten Nachqualifizierung für Hausärzte.


Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (12) Seite 32-35