Endlich war es wieder so weit: Zum 35. Mal versammelten sich Hausärzte und Medizinische Fachangestellte aus Norddeutschland zum alljährlichen Seminarkongress in Lüneburg. Hier wurde bei fast schon familiärer Atmosphäre aus einem bunten Spektrum an Fortbildungen geschöpft, Kontakte gepflegt und geknüpft und ein reger Austausch zwischen Kollegen betrieben. Der Allgemeinarzt war als Medienpartner wieder mittendrin.

Mit 1.250 Seminarteilnehmern war der Kongress ausgebucht und erfreute sich am ersten Freitag und Samstag im Mai reger Beteiligung. Mit 54 Fortbildungsseminaren wurde das Angebot im Vergleich zum Vorjahr noch einmal getoppt und deckte eine breite Themenpalette ab. Neben klassischen Fortbildungsthemen zu Herzinfarkt, Atemwegserkrankungen, Schmerztherapie, Diabetes und rheumatischen Erkrankungen waren auch wieder praxisrelevante Seminare im Angebot, die über die medizinische Thematik hinausgingen: In Seminaren zur Besteuerung von Arztpraxen, zum Datenschutzgesetz oder Praxismanagement konnten sich Ärzte und ihre Teams Anregungen zu ihren eigenen Praxisabläufen holen und wurden auf Missstände und Optimierungspotential hingewiesen. Auch die engagierten Hausärzte von der AG Werkzeugkasten waren mit vier Modulen aus ihrer Seminarreihe vor Ort und standen mit lehrreichen Ratschlägen aus erster Hand Rede und Antwort. Mit Seminaren zu Themen wie Selbstsorge für Ärzte, Stresskompetenz, Depression und Burnout oder Terminmanagement wurde in diesem Jahr ein neuer Fokus auf die persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung der Ärzte im Praxisalltag gelegt.

Auch Seminare für angehende Allgemeinärzte und MFAs im Angebot

Um junge Ärzte auf ihrem Weg in die Allgemeinmedizin zu unterstützen und zu signalisieren, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind, war auch in diesem Jahr wieder das Kompetenzzentrum zur Förderung der Weiterbildung Allgemeinmedizin in Niedersachsen (KANN) mit einem Seminar vertreten.

Auch Seminare, die ganz auf die MFAs ausgerichtet waren, wurden sehr gut angenommen. Und so ist es immer wieder schön zu sehen, dass das besondere Angebot des Lüneburger Seminarkongresses, das komplette Praxisteam einzubinden, von vielen gerne genutzt wird. So reisen nicht selten die Hausärzte samt ihrer Mitarbeiter an und machen aus der Fortbildungsveranstaltung ein kleines Team-Event.

Viel Raum für wertvollen Austausch

Hierfür eignete sich auch der Gesellschaftsabend am Freitag, der zur Stärkung ein reichhaltiges Buffet bereithielt. Bei dem ein oder anderen Gläschen Wein konnte man sich hier abseits der Fortbildungsthematik in entspannter Atmosphäre austauschen und man merkte, dass viele alte Bekannte im Lüneburger Seminarkongress bereits eine kleine Wiedersehenstradition gefunden haben. Und wem der Kopf am Ende des Tages zu sehr rauchte, der konnte sich am späteren Abend auf der Tanzfläche der Hotelbar zur Musik eines DJs noch sportlich abreagieren.

Diskussionspotential bot auch wieder das Politik-Forum, bei dem sich diesmal unter dem Motto "Wie versorgen wir die Bevölkerung 2030 in Niedersachsen?" Vertreter der verschiedenen Parteien versammelten. Welche Konzepte die Akteure der Politik verfolgen und welche Rolle die Hausärzte hierbei spielen, lesen Sie hier:


Auch und gerade in Niedersachsen werden die Hausärzte knapp. Der Hausärzteverband Niedersachsen befürchtet daher, dass sich die Versorgung der Patienten in den kommenden Jahren verschlechtern wird – wenn nicht rasch und effektiv gegengesteuert wird. Wie aber soll die medizinische Versorgung der Bevölkerung im Jahr 2030 gesichert werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine hochkarätig besetzte Politikerrunde beim traditionellen Politikforum anlässlich des 35. Seminarkongresses Norddeutscher Hausärzte in Lüneburg.

„Regresse sind schlichtweg Schikane!“

Nach wie vor ein Dorn im Auge von Niedersachsens Hausärztechef Dr. Matthias Berndt sind die anhaltende Kontrollwut und die ständigen Regressandrohungen der Krankenkassen. In den vergangenen Jahren hätte sich zwischen Leistungserbringern und den Kostenträgern im Gesundheitswesen ein Misstrauen breitgemacht, das eine gut funktionierende Zusammenarbeit der Versorgungsebenen eindeutig behindere, kritisierte Berndt. Es sei absurd und unwirtschaftlich, wenn bei Krankenkassen, in Krankenhäusern und Arztpraxen Tausende Beteiligte damit beschäftigt sind, Kontrollen durchzuführen oder Gegenstrategien zu entwickeln. "Wir empfinden es schlichtweg als Schikane, wenn Ärzte rückwirkend 2 bis 4 Jahre in Prüfverfahren an den Pranger gestellt werden", klagte Berndt und forderte eine bessere Vertrauenskultur im Gesundheitswesen.

Hausärztechef mahnt Rechtssicherheit bei Medikamenten-Verordnungen an

Auch die mit dem gerade in Kraft getretenen neuen Vorschriften des Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) hinsichtlich der Wirtschaftlichkeits- und Abrechnungsprüfungen bringe da noch keinen zufriedenstellenden Fortschritt, stellte Berndt klar. Hiernach fällt die Zufälligkeitsprüfung weg, sodass künftig zumindest ein begründeter Antrag eines Kostenträgers wie Krankenkasse oder Kassenärztlicher Vereinigung für eine Wirtschaftlichkeitsprüfung ärztlicher Leistungen vorliegen muss. Für die Hausärzte sei dies aber noch nicht ausreichend, denn sie bräuchten schon bei der Verordnung von Medikamenten und Therapien Rechtssicherheit und keine Grauzonen wie bisher. Dies müsse im Zeitalter der Digitalisierung möglich sein, meinte Berndt.

Regressdrohungen verschrecken junge Ärzte

In dieser unnötigen Kontrollwut sieht Berndt auch einen Grund, weshalb die Initiativen zur Gewinnung von Hausärzten noch den gewünschten Erfolg vermissen ließen. So habe das jüngste Berufsmonitoring unter Medizinstudierenden gezeigt, dass rund 46 % der Befragten die Angst vor Regressforderungen als Grund gegen die Niederlassung ansehen. Da müsse man sich nicht wundern, dass derzeit rund 330 Hausarztsitze in Niedersachsen unbesetzt seien, meinte der Hausärztechef und eröffnete damit die Diskussion mit den eingeladenen Gesundheitspolitikern aller im niedersächsischen Landtag vertretenen Parteien über mögliche Lösungswege.

Mehr Studienplätze werden gebraucht

Damit der Bedarf an Hausärzten in Niedersachsen in etwa 10 Jahren gedeckt werden kann, müsste sich heute einer von vier Medizinstudierenden für die Fachrichtung Allgemeinmedizin entscheiden, rechnete Berndt vor und empfahl der Landesregierung dringend, für zusätzlichen Studienplätze für Hausärzte zu sorgen. Derzeit sehe es leider so aus, dass in Niedersachsen statt der erforderlichen 25 % an Studenten, die zur Deckung des Bedarfs an Hausärzten notwendig sind, nach wie vor nur ca. 10 % für die Allgemeinmedizin aus- bzw. weitergebildet würden, so der Hausärzteverbandschef.

Allgemeinmedizin attraktiver machen

Volker Meyer, Fraktionssprecher der CDU für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, wollte da nicht widersprechen. Die Landesregierung plane bereits, die Zahl der Medizinstudienplätze um 200 pro Jahr zu erhöhen. Die Studierenden sollten dann aber auch schon früh in Kontakt mit der Allgemeinmedizin kommen, damit ihr Interesse für das Fach geweckt wird. Man wolle aber auch die Regressproblematik noch anpacken, versprach Meyer. Für den Fall, dass die ärztliche Selbstverwaltung es allerdings nicht schaffe, die Versorgung auf dem Land zu sichern, drohte er an, dass dann die Politik eingreifen werden müsse.

Für Stefan Wenzel, den Fraktionssprecher von Bündnis 90/Die Grünen für Haushalt und Finanzen, ist die Hausarztmedizin das Kernstück der medizinischen Versorgung. Denn der Hausarzt sei der erste Anlaufpunkt für die Patienten. Daher werde die Rolle des Hausarztes in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Auch er sprach sich dafür aus, die Curricula im Studium mehr auf die Allgemeinmedizin auszurichten. Außerdem müsse der Hausarztberuf attraktiver gemacht werden und meinte damit die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen. Wenzel sprach sich in diesem Zusammenhang auch für eine bessere Vergütung der sprechenden Medizin aus. Die Ärzte müssten wieder mehr Zeit für die Patienten bekommen und weniger Zeit für Formulare aufwenden.

Entbudgetierung könnte Bürokratie verringern

Dass die überbordende Bürokratie wohl mitverantwortlich dafür ist, dass viele junge Ärzte vom Schritt in die Selbstständigkeit abgeschreckt werden, sieht auch die FDP-Fraktionssprecherin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit Sylvia Bruns so. Bürokratie sei schließlich kein Teil des Medizinstudiums. Eine Erleichterung könne es daher sein, wenn man bei vielen Leistungen eine Entbudgetierung vornehmen würde.

Beim Lob für die Hausärzte wollte schließlich auch Stephan Bothe, der AfD-Fraktionssprecher für Gesundheit und seines Zeichens Pflegefachkraft, nicht zurückstehen. Für ihn sind die Hausärzte der Fels in der Brandung. Er findet es auch gut, wenn immer mehr Kommunen Hausärzte selbst anstellen würden und mehr Anreize für eine Niederlassung auf dem Land geschaffen würden, wie z. B. eine Landarztprämie.

Auf eine Stellungnahme der SPD mussten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion verzichten, denn der eingeladenen SPD-Politikerin Thela Wernstedt hatte die Deutsche Bahn mal wieder einen Streich gespielt.

Den Knoten gemeinsam lösen

Die Teilnehmer des Politikforums waren sich darin einig, dass der seit Jahren vorliegende Masterplan 2020 sinnvolle Maßnahmen zur Förderung der Allgemeinmedizin und ambulanten Medizin beinhaltet und innerhalb der nächsten 8 Monate umgesetzt werden muss. Als positiven Anreiz für die hausärztliche Tätigkeit sieht der Hausärzteverbandschef Matthias Berndt besonders die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV). In Niedersachsen profitieren nach Angaben des Verbandes bereits mehr als 1,2 Millionen Versicherte von diesem Versorgungsmodell, das fast alle Krankenkassen anbieten.

Überraschende Einigkeit

Auch hierzu gab es seitens der Politik keinen Widerspruch – auch nicht von der FDP. Bei so viel Einigkeit in fast allen Punkten kam eine kontroverse Diskussion, wie sie vielleicht noch vor ein paar Jahren üblich gewesen wäre, erst gar nicht auf. Und es muss ja auch gar nicht verkehrt sein, wenn die Politik einmal erkannt hat, wo der Schuh wirklich drückt, und dann an einem Strang zieht, um den Knoten zu lösen.



Autoren:
Yvonne Schönfelder, Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (11) Seite 26-31