Wenn Hausärzte auf dem Land ins Rentenalter kommen, haben sie es zunehmend schwerer, einen Nachfolger zu finden, der bereit ist, ihre Praxis zu übernehmen. Diese Erfahrung hatte auch Wolfgang Christ, Allgemeinarzt aus Ochsenhausen im Allgäu, gemacht. Über seine Anstrengungen bei der Nachwuchssuche hatten wir vor zwei Jahren ausführlich berichtet (Der Allgemeinarzt 2/2018). Doch alle Bemühungen waren vergeblich, niemand zeigte Interesse an seiner gutgehenden Praxis. Und dann hatte der damals 66-Jährige eine Idee: Wenn die Jungen nicht wollen, vielleicht finden sich ja ein paar "alte Hasen", die noch Lust haben, sich um Patienten zu kümmern, statt vor dem Fernseher einzudösen.

Eigentlich hatte Wolfgang Christ im März 2019 schon alle Hoffnung aufgegeben. Er stand kurz vor einer langwierigen Knie-Op. und wollte nun definitiv seinen Rückzug aus der Praxis bekanntgeben. Aber einen letzten Versuch wollte er doch noch wagen.

Arztkittel noch nicht an den Nagel hängen

Und so sprach er einige ältere und erfahrene Kolleginnen und Kollegen an, die eigentlich mehr oder weniger schon im Ruhestand waren, ob sie nicht mit ihm zusammen die Praxis fortführen wollen. Und siehe da: Diese Strategie führte rasch zum Erfolg. Denn einige wollten tatsächlich ihren Arztkittel doch noch nicht endgültig an den Nagel hängen.

Der erste, der sich meldete, war Dr. Klaus Seitz (69 Jahre). Er hatte 35 Jahre eine allgemeinärztliche Einzelpraxis in Biberach geführt und diese im Herbst 2018 geschlossen, ohne einen Nachfolger zu finden. Die Idee, einen Tag in der Woche in der Praxis von Wolfgang Christ einzusteigen, hat ihn sofort überzeugt. Ebenso ging es dem 80-jährigen Dr. Friedrich Nold, Internist und ehemaliger Chefarzt in einer Reha-
klinik, der die letzten Jahre viele Urlaubsvertretungen in Kliniken gemacht hatte, weil er sich noch nicht völlig aus dem Beruf zurückziehen wollte. Auch er arbeitet jetzt begeistert einen Tag pro Woche in der Praxis mit.

Optimales Teilzeitarbeitsmodell

Ganz allein ist die Rentner-Gang dann aber nicht geblieben, denn einige Monate später gesellte sich die erst 46-jährige Dr. Daniela Hahn zu den "alten Hasen". Für die Mutter von zwei Kindern erwies sich das Teilzeitarbeitsmodell in der Praxis Christ als ideal. Das Viererteam teilt sich jetzt zwei Arztsitze und sorgt dafür, dass die Praxis jeden Tag von ein oder zwei Ärzten besetzt ist. Und auch die Patienten wissen, wann welcher Arzt arbeitet, sie haben das neue Praxismodell schnell akzeptiert und sind froh, dass es weitergeht.

Die vier Ärzte sind überzeugt, dass ihre Praxisorganisation ein gutes Modell für die Zukunft darstellt. Die klassische hausärztliche Einzelpraxis auf dem Land wird es nicht mehr lange geben, prophezeit Christ. Nur das gemeinsame Arbeiten z. B. mit Ärzten in Teilzeit in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) werde auf Dauer funktionieren. Tatsächlich zeigen inzwischen noch weitere Kolleginnen und Kollegen im Ruhestand Interesse an einer Mitarbeit, so gebe es schon Anfragen von einem Psychotherapeuten und einem Orthopäden. Wenn dann auch noch ein paar jüngere Ärzte einsteigen würden, wäre der Weg zu einem eigenen MVZ frei, mit dem die Versorgung der Patienten langfristig gesichert werden könnte, wirft Wolfgang Christ einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.


Interview mit Wolfgang Christ

Der Allgemeinarzt: Herr Christ, Ihre Alte-Hasen-Praxis läuft ja nun schon einige Monate. Wie hat sich die Situation denn entwickelt?

Christ: Bezüglich Scheinzahlen, Scheinwert und Umsätzen ist die Lage unverändert stabil und hat sich keineswegs verschlechtert. Im Allgemeinen akzeptieren die Patienten sehr wohl unsere spezielle Situation, also die Ermangelung eines Nachfolgers, zudem ist vielen ein alter, erfahrener Arzt lieber als ein junger, eventuell weniger erfahrener Kollege.

Und was sagt eigentlich die KV zu Ihrem Modell?

Vonseiten der KV erfahren wir allerhöchstes Wohlwollen auf Vorstandsebene. Unsere Lösung wird als (passagere) Möglichkeit gesehen, den Mangel an Land-/Hausärzten zu überbrücken.

Läuft alles reibungslos oder haben sich auch schon ein paar Probleme ergeben?

Große Schwierigkeiten sind eigentlich nicht aufgetreten. Einer unserer Senior-Partner, der übrigens bis heute noch Urlaubs-/Krankheitsvertretung in einer Kurklinik macht, musste sich verständlicherweise erst einmal an den Umgang mit der EDV und dem kassenärztlichen Papierkram gewöhnen.

Besteht denn eine realistische Chance, dass auch jüngere Kolleg/innen einsteigen?

Derzeit versuche ich, unsere Praxis zum MVZ umzubauen und somit auch für jüngere Kolleg/innen, die nur in Teilzeit arbeiten wollen, attraktiv zu sein.

Können Sie Ihr Beispiel anderen Kollegen zur Nachahmung empfehlen?

Ich möchte wirklich allen Kolleg/innen, die in der gleichen Situation sind oder ausscheiden werden, empfehlen, in solcher Weise eine Teilzeittätigkeit fortzuführen. Wie Sie wissen, sind die Rentenbezüge unserer Standeswerke nach einem sehr einträglichen Berufsleben äußerst bescheiden. Selbst wenn die Knie klemmen, der Kopf aber noch fit ist, möchte ich wie meine Kollegen auf diesen (Neben)Verdienst nicht verzichten.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (10) Seite 30-31