Fast 7.000 Quadratkilometer auf dem Festland und im Roten Meer umfasst der drittgrößte Nationalpark Ägyptens. Umgerechnet entspricht das etwa der dreifachen Fläche Luxemburgs. Seit alters her bezeichneten die Ababda-Beduinen – ein einst aus dem Sudan eingewanderter streitbarer Stamm – die Wüstenregion 100 Kilometer südlich von Marsa Alam als Wadi el Gemal, übersetzt als Tal der Kamele. Warum das Tal so heißt, hat unser Reiseautor Ulrich Uhlmann erkundet.

Ausgangspunkt aller Wüsten-Entdeckungen ist das Gorgonia-Beach-Resort, das auch Informationen zum Naturschutzgebiet, sogar deutschsprachig, bereitstellt und die verschiedensten Ausflüge vermittelt. Wir sind hier verabredet mit Mohamed Gad, studierter Botaniker und Chef der Parkverwaltung. Mit geländegängigem Fahrzeug geht es zum Aussichtspunkt am Wadi Umm el Abbas. Der Blick weitet sich auf riesige Sand- und Geröllflächen. Im Hintergrund die Felsformationen am Tal der Kamele. Doch wo sind sie, die gepriesenen Dromedare?

Jeder Wassertropfen ist kostbar

Je weiter wir in das kilometerlange unberührte Wadi el Gemal hineinfahren, einen Trockenfluss, der nur in der Winterzeit von den wenigen Regenfällen zum Leben erweckt wird, umso mehr begrüßt uns kümmerliche Vegetation – dort eine Schirmakazie, da Tamarisken, Wüstendattelbäume und Wüstenmelonen. Zwischen unzugänglichen Granit-, Sandstein- und Basaltfelsen, die mit ihren verwitterten Formen die Fantasie beflügeln, dann die ersten frei lebenden Kamele, die sich am Gesträuch gütlich tun. Einige Hundert leben im Nationalpark. Bis auf wenige Meter können wir an sie heran. Sie haben keine Scheu.

Frühmorgens oder abends sammeln sich die Schaf- und Ziegenherden, ähnlich die Dromedare, Dorka-Gazellen und die seltenen Nubischen Steinböcke, an einer der wenigen Wasserstellen wie dem Brunnen Bir Wadi el Gemal. Das "Gesetz" der Beduinen besagt, dass jeder Vorbeikommende die Tränken aufzufüllen hat. Übrigens – nur eine einzige natürliche Quelle gibt es weitum: An einer schattigen Felswand sickert ein winziges Wässerchen aus dem Gestein. Wildblumen und einige saftig-grüne Sträucher nutzen die letzten Wassertropfen, bevor sie im Sand versickern.

Smaragde im Wüstensand

Parkmanager Mohamed bringt uns zu einer der Attraktionen im Tal der Kamele – den wohl ältesten Smaragdminen der Welt aus römischer Zeit bei Sikait. Tempel, Arbeitersiedlungen, Stollen und Speicher haben im Originalzustand überlebt. Und noch heute lassen sich Tonscherben der Römer und Smaragdteilchen im Sand finden. Doch Mohamed warnt: sammeln strengstens verboten. Die große Frage ohne Antwort: Wie konnten die Römer seinerzeit in der Arabischen Wüste überleben? Zwar gab es gut gesicherte Karawanenwege vom Roten Meer zum Nil, wo die Edelsteine nach Rom verschifft wurden, aber wie war es in den Arbeitersiedlungen um alles Lebensnotwendige bestellt, um Wasser und Essbares?

Für uns ist es unterdessen Zeit zum Wüstenpicknick im "Weißen Sand", einer lang gestreckten Düne bei Hydreuma Apollono – ehemals befestigte Station der Römer am Karawanenweg nach Edfu am Nil. Ali, unser Fahrer, und seine Helfer haben schnell einen Sonnenschutz aufgebaut und mit landestypischen Teppichen ausgelegt. Zur mittäglichen Begrüßung wird Ingwer-Kaffee gereicht. Noch grüne frische Kaffeebohnen sind über Glut geröstet und im Mörser zusammen mit Ingwer und anderen Gewürzen zerstampft, um in der Jabana, einer Tonkanne, aufgekocht zu werden. Zum Beduinenbrauch gehört es, stets eine ungerade Anzahl der kleinen Porzellantassen mit Kaffee zu trinken.

Nun beginnt die Essenszubereitung: Nach Beduinenart wird Gabori, ein Fladenbrot, gebacken. Der frische Teig kommt, rundum mit Sand abgedeckt, in die Glut. Nach einer Viertelstunde sind auch die Sandkörner abgeklopft. Das Brot ist "tischfertig" – ein unvergesslich-knuspriges Geschmackserlebnis, dazu eine wohlschmeckend gewürzte Linsensuppe. Und das Brennmaterial? Von weither wird es gebracht – nur abgestorbene Akazienzweige oder Sträucher dürfen es sein. Die Beduinen wissen seit Vorzeiten, wie wertvoll die karge Vegetation ist.

Auf zur Insel der Schildkröten

Szenenwechsel. Mit dem Boot geht es in halbstündiger Fahrt zur Insel Wadi el Gemal, direkt "vor der Tür" des Gorgonia Beach Resorts. Wir begegnen Tauchern und Schnorchlern, die am Hausriff auf der Suche nach Rochen, Muränen, Riffhaien und Seekühen sind. Vom Schiff aus erhaschen wir einen Blick auf Delfine, die ihre akrobatischen Sprünge vorführen, und ganz dicht vor uns dümpelt eine Meeresschildkröte.

Umgestiegen in ein Schlauchboot, bringt uns Schiffsführer Achmedani an den feinen Sandstrand von Wadi el Gemal Island, vielleicht fünf Kilometer lang und nur wenige hundert Meter breit. Dr. Mohamed Abbas von der Nationalparkverwaltung begleitet uns auf das Eiland mit seinem umfangreichen Mangrovenbestand. Als Brutgebiet für Seevögel und Meeresschildkröten ist das Betreten für neugierige Besucher jedoch nur in Begleitung von Rangern möglich.

Dr. Abbas berichtet, wie zur "Gespensterstunde" um Mitternacht von April bis August dunkle Schatten aus den Wellen auftauchen und den Strand erklimmen. Es sind die Grünen Meeresschildkröten, bis zu 150 Kilo schwer. An Land schaufeln sie eine Grube, etwa 50 Zentimeter tief. Mehr als hundert tischtennisballgroße Eier purzeln, über zwei Stunden verteilt, hinein. Die Sonne wird sie im Sand von Wadi el Gemal Island in sechzig Tagen ausbrüten. Irgendwann dann kehren die Schildkröten zurück, um in einer warmen Mondnacht ihre Eier wieder am Strand der Insel zu verscharren.

Reisetipps
Reiseliteratur: "Ägypten individuell – Handbuch für individuelles Entdecken", Reise Know-How Verlag, 24,90 €; "Sinai & Rotes Meer", Michael Müller Verlag, 15,90 €.

Informationen: Ausführliches zum Nationalpark über Gorgonia Beach Resort, Wadi el Gemal National Park, Marsa Alam – Tel. 0020/1068801741-4, http://www.gorgoniabeach.com , info@gorgoniabeach.com . Parkverwaltung unter info@wadielgemal.org . Alle Auskünfte auch deutschsprachig. Zum unter italienischer Leitung stehenden Resort gehören 350 Zimmer, drei Restaurants, sechs Bars, ein Tauchzentrum sowie ein 800 Meter langer Strand. Buchungen direkt oder über Reiseveranstalter.


Ulrich Uhlmann


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (17) Seite 100-102