Die Regierungsparteien ringen in der aktuellen Legislaturperiode wieder einmal darum, wie sich ein Ausbluten der ärztlichen Versorgung auf dem Land verhindern lässt. Dabei könnte die Politik schon längst Maßnahmen ergreifen. Ländliche Regionen müssen insgesamt attraktiver werden – und für junge Ärzte im Speziellen.

Die Niederlassung auf dem Land braucht ein Gegenmodell zu den MVZ der Städte mit geringem finanziellen Risiko und guter Work-Life-Balance: zum Beispiel eine überörtliche BAG. Koordination, Supervision und Weiterbildung könnten erfahrene Kollegen übernehmen, die möglicherweise sogar schon im Ruhestand sind. Wird ein Arzt, oder dessen Nachwuchs, krank, springt ein Kollege aus einer Partnerpraxis ein. Das schafft Flexibilität, die besonders Ärztinnen mit Kind dringend brauchen.

Zwingend nötig ist auch die passende Infrastruktur: Kindertagesstätten, Schulen, Kinderbetreuung, Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und Banken. Auch finanzielle Anreize und unternehmerische Unterstützung sind wichtig. Bei guter Vorbereitung und gezielter Hinführung, sowohl medizinisch als auch betriebswirtschaftlich, verliert die Selbstständigkeit ihren Schrecken. Warum sonst übernehmen Kinder von Hausärzten so häufig die Praxis?

Länder, KVen, Krankenkassen und Kommunen müssen zusammenarbeiten und Praxisgründungen finanziell unterstützen, Honorarzuschüsse für unterversorgte Regionen leisten, Leistungen wie Hausbesuche adäquat bezahlen und Schutz vor Regressen bieten. Hausärzte auf dem Land, wo der Weg zum Facharzt weit ist, sollten mehr und breiter verordnen dürfen. Solche Maßnahmen machen auch Einzel- und kleinere Gemeinschaftspraxen attraktiver.

Ergänzend brauchen wir insgesamt mehr Medizinstudenten, mehr Werbung für das Fach Allgemeinmedizin und mehr Weiterbildung im ambulanten Bereich. Die Studierenden sollten so früh wie möglich mit dem Praxisalltag in Berührung kommen. Wer sich als Landarzt verpflichtet, sollte bevorzugt zum Studium zugelassen und finanziell gefördert werden.

Klar ist aber: Geld allein überzeugt nicht. Als Landarzt tätig zu sein, muss Freude bereiten. Deshalb müssen die Studierenden schon früh wissen, worauf sie sich einlassen. Zum Leben als Landarzt gehört, dass man samstags beim Metzger auf die aktuellen Blutwerte angesprochen wird, am Kindergartentor den Ausschlag des Geschwisterkindes betrachten soll oder in der Nacht zu einer Nierenkolik geholt wird. Man ist der Arzt des Vertrauens, der die ganze Familie kennt. Landarzt sein ist kein Beruf. Es ist eine Berufung.



Autorin:

Dr. med. Brigitte Szaszi

Frau Dr. Szaszi ist Vorsitzende der Landes­gruppe Baden-Württemberg des NAV-Virchow-Bundes
1. Vorsitzende Hausärzteverband Westfalen-Lippe
74343 Sachsenheim

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (4) Seite 5