Gerhard Bleul ist niedergelassener Allgemeinarzt und hat sich schon während seines Studiums mit komplementären und alternativen Heilmethoden befasst. Er ist davon überzeugt, dass die Homöopathie das hausärztliche Behandlungsspektrum sehr sinnvoll ergänzen kann, und wendet Homöopathika auch oft als primäre Therapieoption bei seinen Patienten an. Was seine Gründe dafür sind und warum er von dieser Therapieform so überzeugt ist, erklärte er uns im Rahmen eines Interviews.

Der Allgemeinarzt: Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, sich überhaupt mit der Homöopathie zu beschäftigen?

Bleul: Die Homöopathie fasziniert mich schon seit meinem Studium, weil sie mir so schlüssig und gut durchdacht erscheint und weil sie Beschwerden und Krankheiten sehr eindrucksvoll bessern kann. Das habe ich auch an mir selbst erfahren können. Während meiner Weiterbildung habe ich praktisch ausschließlich schulmedizinisch gearbeitet, bin dann aber seit meiner Niederlassung in eigener Praxis auf die Homöopathie zurückgekommen und habe entsprechende Kurse besucht.

Worin sehen Sie die großen Vorzüge dieser Behandlungsform?

Bleul: Die Homöopathie betrachtet den ganzen Menschen, nicht nur ein Organ oder ein Symptom. Alles, was er äußert, worunter er leidet und wie er seine Krankheit erlebt und auffasst, geht ein in die homöopathische Anamnese – dieses Prinzip habe ich nirgendwo anders so deutlich erlebt. Zudem beeindruckt mich die Konstanz, mit der die Homöopathie seit über 200 Jahren existiert und gelehrt wird. Obwohl sich die Homöopathie seit Hahnemann weiterentwickelt hat, baut sie doch immer noch auf den ursprünglichen Prinzipien auf.

Ich möchte Sie jetzt gerne mit einigen Argumenten der Homöopathie-Gegner konfrontieren und nach Ihrer Einschätzung fragen: Die Theorie der Verdünnung lässt sich insbesondere bei den Hochpotenzen, bei denen sich überhaupt kein Molekül mehr nachweisen lässt, mit den Gesetzen der Chemie und Physik nicht vereinbaren. Sie ist absurd.

Bleul: Homöopathie wirkt ja auch definitiv nicht molekular, sondern auf anderen Wegen. Wie es genau funktioniert, ist noch nicht vollständig erforscht. Viele Theorien sind dazu in den letzten 20 Jahren entwickelt worden, z. B. die Feldtheorie, die besagt, dass Informationen innerhalb eines Feldes übertragen werden, ähnlich einem elektromagnetischen Feld. Das ist nur ein Postulat. Aber auch die molekulare Wirkung von Stoffen ist eine Art Postulat. Denn molekulare Wirkung heißt ja nur, dass in den Zellen etwas passiert. Ob sich diese Veränderungen auf die Krankheit, auf den Menschen auswirken, ist damit nicht erklärt.

Dann gibt es das Argument der fehlenden Evidenz: Es gibt keine Studie, die tatsächlich beweist, dass Homöopathie spezifisch wirkt.

Bleul: Das stimmt nicht. Es gibt eine Reihe von Studien, die das beweisen. Die werden nur systematisch ignoriert oder verleugnet. Die Wissenschaftsgesellschaft für Homöopathie, bei der ich Mitglied bin, hat im Jahr 2016 einen Forschungs-Reader herausgegeben. Auf der frei zugänglichen Seite im Internet http://www.wisshom.de sind die über 200 Hauptstudien zusammengefasst. Da kann man genau nachlesen, dass die Wirkung der Homöopathie schon vielfältig bewiesen wurde.

Homöopathie-Kritiker bemängeln aber konkret den fehlenden Nachweis einer spezifischen Wirkung. Effekte durch die Homöopathie, so die Argumentation, sind einzig und allein zurückzuführen auf die intensive Beschäftigung mit den Patienten, die Empathie und auch auf Suggestion bzw. Rituale. Also eine Plazebowirkung.

Bleul: Das Ritual ist etwas, das in der ganzen Medizin verbreitet ist. Das ist keine Spezifität der Homöopathie. Zur angeblichen Plazebowirkung nenne ich Ihnen ein Beispiel: Ich behandle mich ja selbst homöopathisch. Wenn ich mir nun ein Mittel aussuche, kommt es vor, dass es nicht wirkt, sondern erst das zweite, dritte oder vierte. Aber ich weiß immer ganz genau, wann ein Mittel wirkt und wann nicht. Der Effekt ist so deutlich und oft auch sehr schnell, dass man eine Plazebowirkung sicher ausschließen kann. Meine Patienten machen diese Erfahrung auch. Sie sagen dann oft: "Das war, als ob sich ein Schalter umgelegt hätte."

Suggestion spielt also keine Rolle?

Bleul: Doch, Suggestion ist ein ganz wichtiger Faktor in der Medizin, aber nicht nur in der Homöopathie. Jeder gute Arzt arbeitet mit Suggestion. Aber das ist nicht das Entscheidende bei der Wirkung von Homöopathie, der spezifische Effekt geht über den Suggestionseffekt hinaus. Doch selbst wenn die Homöopathie lediglich eine besonders gute Suggestionswirkung hätte, wäre das Grund genug, sie anzuwenden.

Wer heilt, hat recht, meinen Sie? Aber kann Homöopathie nicht auch schaden? Homöopathie-Gegner argumentieren, dass diese Methode gefährlich wird, wenn sie statt der Schulmedizin angewendet wird und eine mitunter lebensrettende Behandlung deshalb unterbleibt.

Bleul: Immer, wenn wir eine falsche Methode anwenden oder eine indizierte Therapie nicht anwenden, schaden wir dem Patienten. Aber das könnte auch passieren, wenn wir Homöopathie grundsätzlich ausschließen. Homöopathie in das Behandlungsspektrum mit aufzunehmen heißt ja nicht, dass man dann nicht mehr verpflichtet ist, eine sorgfältige Diagnostik zu betreiben, oder dass man dann konventionelle Medizin nicht anwendet, wenn sie indiziert ist. Ich persönlich halte es so: Dort, wo konventionelle Medizin gebraucht wird, wird sie natürlich auch angewendet. Aber dort, wo sie nicht sofort gebraucht wird, beginne ich mit einer homöopathischen Behandlung, und das ist oft ausreichend.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen, um die Homöopathie zu stärken?

Bleul: Zum einen wünsche ich mir, dass konventionell und homöopathisch orientierte Ärzte wertschätzend und offen miteinander umgehen, auch wenn wir ganz unterschiedlicher Meinung sind. Auch wir Homöopathen meinen es gut mit unseren Patienten und wollen nicht einfach unser Ego stärken oder Geld verdienen, was uns häufig unterstellt wird. Zum anderen würde ich mir mehr Geld für die Forschung wünschen, vor allem für Homöopathie-interne Forschung, um die Anwendung noch weiter zu verbessern.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Vera Seifert



Autor:


Gerhard Bleul
Arzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie, Chirotherapie
65510 Hünstetten-Kesselbach

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (5) Seite 18-19