Der Deutsche Hausärzteverband (DHÄV) wirbt seit Jahren für ein Primärarztsystem in Deutschland. Dieser Forderung schließt sich nun auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) an. In einem Positionspapier erläutert die Fachgesellschaft, warum ein solches System helfen könnte, viele der immer drängenderen Probleme in der ambulanten Versorgung zu verringern.

Unser Gesundheitssystem wird den wachsenden Bedürfnissen der Patienten nicht mehr gerecht werden, wenn der Anteil und die Zahl von Alten, Kranken und Multimorbiden in der Bevölkerung erheblich ansteigt, postuliert die DEGAM. Bisher ist die Versorgungssituation in Deutschland von einer direkten und parallelen Inanspruchnahme von hausärztlichen Praxen und Spezialisten gekennzeichnet, von denen Letztere zumeist nur Erkrankungen/Beschwerden eines Organsystems behandeln würden. Das führe zu zunehmend langen Wartezeiten [1] und berge die Gefahr von Informationsverlusten, so die Fachgesellschaft. Deutschland habe von 11 vergleichbaren Industrieländern die höchsten medizinischen Informationsverluste [2].

Über- und Fehlversorgung möglichst vermeiden

Hausärzte könnten dagegen den größten Teil aller Patientenanliegen ohne Informationsverluste, zeitnah, abschließend, in guter Qualität und mit einer sehr hohen Kosteneffektivität behandeln. Nur in 10 bis 20 % sei eine Überweisung bzw. Mitbehandlung durch Spezialisten in Klinik oder Praxis erforderlich [3]. Die langjährige Kenntnis von Patienten erlaube es Hausärzten zudem, die Anliegen der Patienten richtig einzuordnen, Diagnostik und Therapie auf das notwendige Maß zu begrenzen und eine entsprechende Über- und Fehlversorgung zu vermeiden. Zugleich würde der Zugang zur Ressource Facharzt durch eine Fehl-Inanspruchnahme eingeschränkt.

Vorteile eines Primärarztsystems

Mit einem Einschreibesystem könne die Betreuung wesentlich effizienter als in der jetzigen Regelversorgung organisiert werden, so die DEGAM. So weit also die Grundidee. In der Folge will das Positionspapier der DEGAM belegen, welche konkreten Vorteile ein Gesundheitssystem mit einer hochwertigen und generell hausärztlich koordinierten Primärversorgung böte. Aufgelistet werden hier:
  • ein zeitnaher, flächendeckender und niedrigschwelliger Zugang [6],
  • weniger Notfall-/Krankenhausbehandlungen [7],
  • höhere Qualität, Lebenserwartung und besserer Gesundheitszustand [8],
  • höhere Zufriedenheit von Patienten und allen Arztgruppen [9],
  • niedrigere Ausgaben trotz zunehmender Komplexität und Multimorbidität [10].

Voraussetzung für solch eine positive Entwicklung wäre eine verbesserte Kommunikation aller am Versorgungsprozess Beteiligten und eine gezielte Koordination innerhalb der verschiedenen Versorgungsebenen, räumt die DEGAM ein.

Dass ein so koordiniertes Primärversorgungssystem auch tatsächlich funktioniert, könne man daran erkennen, dass es bereits in 15 von 28 europäischen Ländern etabliert sei. In weiteren 7 EU-Ländern werde eine hausärztliche Überweisung in die Sekundärversorgung durch Vermeidung von Zuzahlungen unterstützt [12].

Ein solchermaßen koordiniertes System könnte viele der strukturellen Probleme des deutschen Gesundheitssystems reduzieren, die durch die ungesteuerte Inanspruchnahme von Spezialisten und Krankenhäusern und fehlender klarer Verantwortlichkeit für alle Menschen in unserem Land entstehen.

Wer direkt zum Spezialisten geht, soll zuzahlen

Was muss nun konkret getan werden? Übereinstimmend mit den Forderungen der Gutachten des Sachverständigenrates von 2007 bis 2015 [13], der aktuellen Definition der Bundesärztekammer [14], die die Primärversorgung durch ein "hausarztgeleitetes Team von Fachkräften" in den Mittelpunkt stellt, wären laut DEGAM folgende Maßnahmen erforderlich:
  • Ein garantiertes Primärarztsystem als Regelversorgung mit Einschreibung, wie in der HzV (Hausarztzentrierte Versorgung) üblich.
  • Zuzahlung bei direkter Inanspruchnahme von Spezialisten und Krankenhausambulanzen außerhalb des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Mehr Hausärzte …

Darüber hinaus müsse der Anteil der Allgemeinmedizin am ärztlichen Nachwuchs in Weiterbildung auf etwa 30 % erhöht werden. Denn die Umsetzung von bundeseinheitlichen Medikationsplänen, Notfalldatensätzen, digitalen Patientenakten und strukturierter Notfallversorgung erfordere mehr hausärztliche Ressourcen. Als Ausgleich dafür seien außerdem zeitsparende Regelungen z. B. bei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen [15] und Abrechnung erforderlich.

… und mehr Geld

Um die Basisversorgung der Bevölkerung zu sichern, sei es erforderlich, die Attraktivität hausärztlicher Tätigkeit zu verbessern. Die sprechende Medizin sowie die Zugewandtheit zu Patienten müsse daher aufgewertet werden, so die DEGAM. "Bei durchschnittlich gleicher Weiterbildungsdauer, höherer Arbeitszeit und (u. a. wegen der Koordinationstätigkeit) höherer Verantwortung müssen Hausärzte mindestens das gleiche Einkommen [16] haben wie Spezialisten", fordert die allgemeinmedizinische Fachgesellschaft und verweist darauf, dass dies auch Medizinstudierende [17], der Sachverständigenrat [13] und die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag [18] so sehen.

Die DEGAM zeigt also einen möglichen Weg auf und liegt damit weitgehend auf einer Linie mit dem Hausärzteverband, auch wenn man dort bislang eher einem freiwilligen Primärarztsystem den Vorzug gibt. Man darf nun gespannt sein, wie die Politik und andere Ärzteverbände auf das DEGAM-Positionspapier reagieren werden. Mit schnellen Entscheidungen ist aber wohl nicht zu rechnen.


Literatur
1. OECD (2017), Health at a glance 2017: Health indicators, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/health_glance-2017-en. ISBN (print) 978-92-64-28039-7. (besucht 10.4.2018)
2. Penm J, MacKinnon NJ, Strakowski SN, Ying J, Doty MM. Factors associated with primary care coordination of adults in 11 countries. Ann Fam Med 2017; 15: 113-119.
3. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen- Gutachten 2009 http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=6 (letzter Zugriff am 1.1.2018)
4. Tobert V, Popert U. "Multitasking" and complex patient encounters in family medicine. Z Allg Med 2017; 93: 222–226.
5. Popert U, Egidi G, Eras J, Kuehlein T. Warum wir ein Primärarztsystem brauchen..Z Allg Med 2018 - Angenommen am 12.4.2018. (Manuskriptnummer ZFA-D-18-00032)
6. Schoen C, Osborn R, Doty MM, Bishop M, Peugh J, and Murukutla, N. Toward higher-performance health systems: adults’ health care experiences in seven countries, 2007. Health Aff (Millwood). 2007; 26: w717–w734.
7. Barker I, Steventon A, Deen SR. Association between continuity of care in general practice and hospital admissions for ambulatory care sensitive conditions: cross sectional study of routinely collected, person level data. BMJ 2017;356:j84. Deutsche Gesellschaft für
Allgemeinmedizin und Familienmedizin
8. Øvretveit J. Evidence: Does clinical coordination improve quality and save money? Volume 1: A summary review of the evidence. London: Health Foundation; 2011.
9. Schoen C, Osborn R, Doty MM, Bishop M, Peugh J, and Murukutla, N. Toward higher-performance health systems: adults’ health care experiences in seven countries, 2007. Health Aff (Millwood). 2007; 26: w717–w734.
10. Garrido MV, Zentner A, Busse R. The effects of gatekeeping: A systematic review of the literature. Scand J Prim Health Care. 2011; 29: 28–38.
11. Schneider A, Donnache E, Tauscher M et al. Vergleich der ambulanten Versorgungskosten bei Patienten mit und ohne hausärztliche Steuerung - Ergebnisse einer Routinedatenanalyse aus Bayern. Z Allg Med 2017; 93: 297-304.
12. OECD/EU (2016), "Strengthening primary care systems", in Health at a Glance: Europe 2016 - State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/health_glance_eur-2016-5-en (besucht am 10.4.2018).
13. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen- Gutachten 2009. http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=6 (letzter Zugriff am 1.1.2018)
14. 4. Sitzung der Deutschen Akademie für Allgemeinmedizin am 09.02.2018. (http://www.bundesaerztekammer.de – besucht am 17.2.2018)
15. Herrmann WJ, Haarmann A, Baerheim A. Arbeitsunfähigkeitsregelungen als Faktor für Inanspruchnahme ärztlicher Versorgung in Deutschland. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2015;109: 552-559. http://zefq-journal.com/article/S1865-9217(15)00231-7/ppt (besucht am 10.4.2018)
16. Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes 2017. http://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/08/PD17_279_52571pdf.pdf?__blob=publicationFile (besucht 21.04.2018)
17. Umfrage der KBV unter Medizinstudenten. http://www.kbv.de/media/sp/2015_04_08_Berufsmonitoring_2014_web.pdf (besucht 21.04.2018)
18. Ein neuer Aufbruch für Europa, Eine neue Dynamik für Deutschland, Ein neuer Zusammenhalt für
unser Land - Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD 19. Legislaturperiode. Zeile 4525-7. http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2018/03/2018-03-14-koalitionsvertrag.html (besucht am 10.4.2018)


Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (12) Seite 36-37