Seit März 2016 ist die neue Medizin-Enzyklopädie Deximed im Netz verfügbar. Der hausärztlich orientierte Praxisleitfaden besteht aktuell aus 3.800 Fachartikeln zu allen wichtigen medizinischen Fragestellungen mit Betonung der allgemeinmedizinischen Arbeits- und Sichtweise. Als Basis dienen die einschlägigen deutschen Leitlinien. Über 50.000 Literaturstellen und 3.100 Artikel in patientengerechter Sprache sind verfügbar. Insgesamt entspräche Deximed ausgedruckt einem Handbuch von ca. 22.000 Seiten.

Die Idee stammt aus Skandinavien. Deximed ist eine Weiterentwicklung des norwegischen Online-Handbuchs "Norsk Elektronisk Legehåndbok" (NEL) für den deutschsprachigen Raum. NEL wurde an der Universität Trondheim von dem Allgemeinarzt Prof. Dr. med. Terje Johannessen entwickelt. Das Programm wird seit 1999 vom norwegischen Medizinverlag Norsk Helseinformatikk (NHI) herausgegeben und kontinuierlich fortgeschrieben. NEL gehört in Norwegen als persönliches Abonnement zur Routineausstattung der allgemeinärztlichen Patientenversorgung: Mehr als 90% der norwegischen Allgemeinmediziner haben NEL abonniert. In Dänemark und Schweden existieren ebenfalls modifizierte Versionen.

Wie fanden DEGAM und Deximed zueinander?

Die norwegischen Autoren kontaktierten über das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) die DEGAM. 2013 stellte Terje Johannessen beim Münchener DEGAM-Kongress NEL in einem Workshop vor. In den folgenden Monaten wurde dann an Stichproben ein Vergleich zwischen den bereits auf dem deutschen Markt befindlichen EbM-Guidelines und NEL durchgeführt, der zugunsten des norwegischen Produktes ausfiel. Nach intensiven Diskussionen im DEGAM-Präsidium fiel im Frühjahr 2014 die Entscheidung, Kooperationsverhandlungen mit den Norwegern zu führen. Am Ende längerer Verhandlungen und juristischer Prüfungen unterschrieben Ferdinand Gerlach als DEGAM-Präsident und Terje Johannessen eine Kooperations-Vereinbarung, in der sich beide Vertragspartner zur Zusammenarbeit verpflichten. Nach der Namensfindung "Deximed" wurde zur Entwicklung und Vermarktung die Firma Gesinform GmbH mit Sitz in Freiburg i. Br. gegründet. Erster Chefredakteur von Deximed war von Mai 2015 bis November 2016 Prof. Günter Ollenschläger. Nachfolgerin ist die Münchner Allgemeinärztin Marlies Karsch-Völk, Geschäftsführer von Gesinform der Arzt und Journalist Klaus Reinhardt. Die Arbeit von Deximed beruht auf einer engen Kooperation zwischen den deutschen und skandinavischen Redaktionen, wobei die norwegischen Partner neue internationale medizinische Erkenntnisse verarbeiten, während der deutsche Herausgeber, die Redaktion und externe Fachgutachter sie auf ihre Tauglichkeit für die medizinische Praxis und die Übereinstimmung mit Leitlinien in den deutschsprachigen Ländern überprüfen.

Wahrung von Unabhängigkeit und Qualität

In einer Fortbildungsszene, die von Gratisangeboten mit entsprechenden Interessen geprägt ist, ist mit Deximed neben den EbM-Guidelines ein umfassendes und werbefreies Online-Produkt auf dem deutschsprachigen Markt, das ausschließlich durch seine Abonnenten bezahlt werden soll. Die deutschsprachige Redaktion von Deximed und die Firma Gesinform GmbH werden zurzeit noch finanziert vom schwedischen Zeitungs- und Buchverlagsunternehmen Bonnier; Interessenverbindungen mit der deutschen pharmazeutischen Industrie bestehen nicht. Zur Wahrung der Unabhängigkeit und Qualität von Deximed ist entsprechend der Kooperationsvereinbarung mit der DEGAM ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat eingesetzt worden, in dem u. a. die DEGAM-Sektionen Fortbildung und Qualitätsförderung vertreten sind.

Übersetzung und Reviewprozess

Ab Mai 2015 wurde aus dem Norwegischen, zum Teil aus dem Schwedischen übersetzt. Dieser Prozess war hoch aufwendig. In den ersten vier Monaten mussten 40 % der Artikel wegen Übersetzungsmängeln zurückgegeben werden. So fanden sich Stilblüten wie "Vitalorgane rammen" (schädigen), "Knochenarterien" (Beinarterien), "Sauerstoff im Magen" (Magensäure) oder "normale Umgebung" (Normalbereich) in den Texten. Eine deutschsprachige Redaktion, bestehend aus vier festangestellten und etwa zwölf freien Redakteuren (letztere zu zwei Dritteln Fachärzte und -ärztinnen für Allgemeinmedizin), gewährleistet jetzt Qualität und Aktualität für die deutschen Anwender. Dabei wurden auch die auf skandinavische Verhältnisse bezogenen Informationen (z. B. epidemiologische Daten, abweichender Gebrauch von Einheiten) angepasst.

Eine Prozessbeschreibung legt Grundsätze für die Bearbeitung der Artikel fest:

  • Lesbarkeit als vertrauter medizinischer Text ohne "fremde" Anklänge
  • Sorgfaltspflicht, Aktualität
  • kritischer Umgang mit Literatur und Empfehlungen, abwägende Darlegung unterschiedlicher Ansätze.

Deximed soll die allgemeinärztliche Perspektive wiedergeben. Nur für Spezialisten interessante Details, Therapien im Versuchsstadium, Einzelstudien mit fraglicher Relevanz für den hausärztlichen Alltag, spezialistische Therapieoptionen etc. wurden nicht berücksichtigt. Um die besondere hausärztliche Denkweise vom Beratungsanlass bis zur kritischen und ergebnisoffenen Diskussion bestimmter, ausgewählter Therapiemöglichkeiten besser abzubilden, wurde eine Liste aller Themen (derzeit 212) erstellt, in denen DEGAM-Leitlinien oder -Positionen oder andere allgemeinärztlich besonders wichtige Fragen behandelt werden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Qualität der norwegischen Ursprungstexte oft doch hinter den Erwartungen zurückblieb, war und ist viel inhaltliche Nacharbeit erforderlich.

Durch tatkräftige Mitarbeit vieler in DEGAM-Leitlinien-Prozessen Aktiver konnte ein Großteil der Reviews abgeschlossen werden. Die Erfahrung der Reviewer, hierbei DEGAM-Positionen darstellen zu können, ist ausgesprochen gut.

Ein Deximed-Jahres-Abonnement kostet 210 €, für DEGAM- und JADE-Mitglieder 180 € und für Studierende 20 € jährlich. Den Zugang zu Deximed gibt es unter www.deximed.de

Für die tägliche Praxisarbeit ist es im deutschsprachigen Raum etwas Besonderes, einen ständig aktualisierten und unabhängigen Praxisleitfaden online zur Verfügung zu haben, der vom Beratungsanlass ausgeht und eine schnelle Orientierung mit allgemeinärztlicher Perspektive zur Verfügung stellt.



Autor:

Dr. med. Günther Egidi

Facharzt für Allgemeinmedizin, Sprecher der DEGAM-Sektion Fortbildung, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Deximed
28259 Bremen

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (3) Seite 68-69